HEUCHELHOF

Mit neuer Identität raus aus dem Getto

Heuchelhof: Am Anfang waren die Probleme – keine Tradition, kein Identifikation, kein Geld in Würzburgs jüngstem Stadtteil; er verwahrloste. Binnen zehn Jahren wurde alles anders, mit dem Programm „Soziale Stadt“.
Schulweg: Auf der einen Seite die Grundschule, auf der anderen Seite die Mittelschule: Der Steg bringt sie zusammen. Foto: Theresa Müller

Wo der Gute Heinrich und der Stinkende Storchenschnabel wohnen und wo die Gewöhnliche Hundezunge und das Hungerblümchen nicht weit sind, da ist der Heuchelhof laut, wie er es beinah überall ist, aber auch so, wie er vor 600 Jahren schon war. Da liegt, 200 Meter westlich von den Hochhäusern, Würzburgs erstes Naturschutzgebiet, der 31 Hektar große Bromberg–Rosengarten.

Seit 1985 schützt die Stadt hier die Natur, angeregt vom damaligen Kustos des Botanischen Gartens, Uwe Buschbom. Der entdeckte – von „Wesen“, „Individuen“ und „Gesellschaften“ sprach er vor Jahren während einer Besichtigung – Pflanzen, „die so alt sind wie die Zeit, in der dieses Gestein zu Tage getreten ist“. Und das Gestein, ein Muschelkalk mit einer besonderen physikalischen und chemischen Struktur, beschrieb er als ein weltweites Phänomen. Es sei, was seine Nutzung betrifft, von „allerschlechtester Qualität“. Woanders fräßen sich die Steinhauer in den Muschelkalk hinein, am Heuchelhof nicht. Er ist viel zu hart.

Dass bei der Besiedlung im vergangenen Jahrhundert etwas schiefgehen wird, war vorauszusehen. Der Gesamtverband der Wohnungswirtschaft hatte früh gewarnt, sozialer Wohnungsbau dürfe „nicht auf die untersten Einkommensschichten eingeengt werden, weil sonst die sozialen Kosten der Ausgrenzung immer höher“ würden. 1992 warnte Gerhard Vogel, der Chef der Heuchelhofgesellschaft, die Gefahr bestehe, die Wohnungen der kommunalen Gesellschaften könnten „als Auffangbecken für alle schwer unterzubringenden Personenkreise in Anspruch genommen werden“. Gettoisierung und Verslumung wären die Folge. Er blieb ohne Gehör, zunächst.

Vermutlich siedelten schon vor 12 000 Jahren Menschen auf der Höhe in Würzburgs Süden. Die jüngste Siedlungsgeschichte des Heuchelhofs beginnt 1961. Unten im Tal ist der Wohnraum knapp und der Stadtrat beschließt, auf der Höhe im Süden das 216 Hektar große Gut Heuchelhof zu erwerben. Ab 1964 zirkeln die Stadtplaner einen Stadtteil aufs Reißbrett. 1967 gründet die Stadt die Heuchelhofgesellschaft mit dem Zweck „der Entwicklung neuer Wohngebiete, insbesondere des Stadtteiles Heuchelhof und der Förderung des Wohnungsbaues in der Stadt Würzburg“. Im Oktober des gleichen Jahres beschließt der Stadtrat den Bebauungsplan Würzburg-Heuchelhof Nr. 1. Innerhalb eines Rings soll eine gestaffelte Wohnbebauung entstehen; von drei- bis viergeschossigen Gebäuden am Rand bis zu 18-geschossigen Bauten im Zentrum. Maximal zwölf Geschosse sind es schließlich geworden. Am 1. August 1970 kommen die Bagger und heben riesige Baugruben aus. 1973 sind die ersten Mietwohnungen fertig.

Geht es nach den Straßennamen, weht durch den Bauabschnitt Würzburg-Heuchelhof Nr. 1, dem H 1, das Flair europäischer Städte: Straßburger Ring, Brüsseler, Den Haager, Luxemburger, Pariser, Römer, Londoner Straße. Aber wie es da noch vor zehn Jahren aussah! Mittendrin der Spielplatz, jeder beschreibbare Flecken mit obszönen, aggressiven und verliebten Sprüchen beschrieben. Die Farben der Hausfassaden waren ausgewaschen, schmutziges Schwarz lief an den Mauern herunter. Wer hier wohnte, hatte kein schönes Bild von Würzburg.

Innerhalb des Straßburger Rings waren neben 100 Eigentumswohnungen 1200 Sozialwohnungen konzentriert. Im Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ stand die Gegend zur Jahrtausendwende so beschrieben: Die anonyme und unattraktive Bauweise und die einseitige Belegung mit Sozialhilfeempfängern, Spätaussiedlern und „in geringem Maße Ausländern“ machten den H 1 „zu einem Problemgebiet, provozieren soziale Spannungen, Unzufriedenheit, Ängste, Vandalismus, Aggressionen“. In den anderen Bauabschnitten, sieben sind es insgesamt, gab es solche Probleme nicht.

Seither, binnen gut zehn Jahren, ist viel passiert. Mittlerweile wirbt die Uni Würzburg im Internet fürs Wohnen auf dem Heuchelhof: Die Infrastruktur sei sehr gut, mit Kindergärten, Schulen, Einkaufszentren, Arztpraxen und allerhand mehr. Josef Wilhelm, der Leiter des Präsidialbüros, schreibt dazu, er verbinde mit dem Heuchelhof „eine lebendige und internationale Kultur“. Und das Beste sei die Nähe zur Natur.

Tatsächlich macht der Heuchelhof heute selbst im H 1 einen durchaus wohnlichen Eindruck. Unterstützt durchs Programm „Soziale Stadt“, machten sich im Rathaus Bau-, Sozial- und Umweltreferat an die Arbeit. Bauliche Mängel, etwa die finsteren Arkaden der Hochhäuser, wurden korrigiert und Treffpunkte geschaffen, wie das Alte Schwimmbad und das Stadtteilzentrum. Der unansehnliche Spielplatz in der Römer Straße wurde zu einem großzügigen, fröhlich bunten Bewegungsfeld für alle Altersgruppen umgebaut, ein Holzspielplatz und Grünflächen angelegt, der Place de Caen, das Zentrum des Stadtteils, umgebaut. In der abschließenden Dokumentation des Programms schreibt OB Georg Rosenthal, die Maßnahmen hätten 4,4 Millionen Euro gekostet.

In zahlreiche Planungen waren die Heuchelhöfer einbezogen worden. Was dem Stadtteil fehlte – Identität und Identifikation – wuchs. Sichtbare Zeichen für den Erfolg: Der H 1 ist so attraktiv geworden, dass Privatleute in den Hochhäusern Bonner Straße 51 Eigentumswohnungen kauften. Siegfried Scheidereiter, der im Sozialreferat die „Soziale Stadt“ koordinierte, berichtet, wo früher kaum was los war, fände heute öffentliches Leben statt, mit Veranstaltungen und Festen von engagierten und aktiven Bürgern.

Die Stadt nutzt den Heuchelhof als Vorbild. Mit ähnlichen Maßnahmen soll auch die Zellerau aufgepeppt werden.

Anschluss auf Schienen: Die Linien 3 und 5 sind das Bindeglied zwischen Stadt und Stadtteil.
Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters: Manchmal sind Hochhäuser hübsch.

Rückblick

  1. Wo das Zentrum geplant war, ist heute eine Oase
  2. Die integrative Kraft des Sports
  3. Überzeugt vom Heuchelhof
  4. Mit neuer Identität raus aus dem Getto
  5. Heuchelhof: Nicht mal halb so groß wie geplant
  6. Zum Abschluss vom Frauenland an den Heuchelhof
  7. Das Frauenland ist über ein Jahrhundert einfach gewachsen
  8. Kulturelles Aushängeschild: Kunstmaler Curd Lessig
  9. Urgestein der Keesburg
  10. Ziemlich schwarz und doch auch grün
  11. Ein Turbo-Dorf wächst immer noch weiter
  12. Ein Kuhstall neben der Sparkasse und Apotheke
  13. Lengfeld: Platz für Gewerbe und Familien
  14. Die Stimme der Bürgerschaft
  15. Die Fantasie der Kinder wecken
  16. Jahrhunderte unter dem Schutz des Bischofshuts
  17. Der Stadtbezirk Altstadt in Zahlen
  18. Alexandra Memmel: leidenschaftliche Stadtführerin
  19. Die Brückenheiligen
  20. Meist müssen private Bauherren planen
  21. Ein Stück Stadt, das gerne Dorf ist
  22. Goldener Löwe von Stift Haug
  23. Das wandelnde Ortsarchiv
  24. Als die Traktoren mit der Apfelernte Schlange standen
  25. Versbach: ein familienfreundlicher Stadtteil
  26. Der Stadtteil, der ein richtiges Städtle ist
  27. Weine, Vereine und prominente Söhne
  28. Als Weinprinzessin auch im Weinberg
  29. Ein Täschner für die Einkaufsstraße
  30. Bayla-Abbruch, XXXL-Offensive und neue Wohnungen
  31. Stadtteilserie: Von Grombühl nach Heidingsfeld
  32. Grombühl: Bunt, vielfältig und oft unterschätzt
  33. Grombühl: Eine Mischung aus Berlin und Kaff
  34. Grombühl: Eine Welt der kleinen Leute
  35. Grombühl: Uralt und international
  36. Wissenswertes über Rottenbauer
  37. Ernst Köhler war Nordbayerns erster Biobäcker
  38. Der letzte Bürgermeister
  39. Denunziert in Rottenbauer
  40. Rottenbauer: Würzburgs kleinster Stadtteil wächst weiter
  41. Was von den Leighton Barracks in Zukunft übrig bleibt
  42. Letzter Hieb am Galgenberg
  43. Der Professor für Kartoffeln
  44. Wissenswertes zum Neuen Hubland
  45. Topographisch und ökologisch auf hohem Niveau
  46. Hochhäuser im Tal und Eigenheimer am Hügel
  47. Lindleinsmühle: Kleiner Stadtteil, viele Menschen
  48. Schwimmen im Bad oder Essen in der Schüler-Betreuung?
  49. Zu Fuß in die Innenstadt: Otto Schneider läuft
  50. Ein Fan der Sauberkeit: Elfriede Friedrich

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Das Römische Reich
  • Georg Rosenthal
  • Gettos
  • Hochhäuser
  • Soziale Kosten
  • Sozialer Wohnungsbau
  • Stadt Würzburg
  • Stadtteilserie Würzburg
  • Traditionen
  • Verwahrlosung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!