Würzburg

Mord in Madrid: Flaschendeckel führt Fahnder nach Würzburg

Es waren womöglich Eifersucht und eine Verwechslung, die drei Menschen in Madrid das Leben kostete. Die Ermittlungen um einen ehemaligen US-Soldat führten die spanischen Fahnder schnell nach Würzburg.
Sanitäter bergen am 22. Juni 2016 in einer Madrider Anwaltskanzlei drei Leichen. Als Mordverdächtiger gilt ein in Würzburg lebender früherer US-Soldat. Foto: El Pais

War glühende Eifersucht das Motiv für einen dreifachen Mord in Madrid? Oder ein Kriegstrauma, an dem ein ehemaliger US-Soldat in Würzburg leidet wie andere Veteranen, die im Irak eingesetzt waren? Der Mordfall, der die spanischen Ermittler nach Würzburg führte, hat viele Facetten - und er brachte einige diplomatische Verwicklungen mit sich. Was war geschehen?

Drei Tote in Madrider Kanzlei

Am Nachmittag des 22. Juni 2016 dringen in Madrid Rauchwolken aus den Räumen einer Anwaltskanzlei. Den alarmierten Helfern erklärt der aufgeregte Anwalt Victor Salas:  In der Kanzlei müssten noch zwei Frauen sein, sie reagierten nicht auf Anrufe. Tatsächlich findet die Feuerwehr drei Tote: eine Anwältin, Salas' Sekretärin und einen Taxifahrer, den der Anwalt in einem Rechtsstreit vertreten hatte.

Anwalt Victor Salas: Auf ihn soll es der in Würzburg lebende mutmaßliche Mörder eigentlich abgesehen haben. Foto: Polizei

Der Mörder muss die Frauen bereits am Nachmittag getötet und dann stundenlang gewartet haben. Als der Taxifahrer gegen fünf Uhr in der Kanzlei erschien, wurde auch er umgebracht. Dann soll der Tatverdächtige mit Benzin Feuer in der Kanzlei gelegt haben.

Der Unbekannte mit dem Millionenauftrag

Am Tatort findet die Polizei eine Visitenkarte mit Hinweisen auf mexikanische Drogenhändler. Aber rasch keimt der Verdacht, dass da eine falsche Fährte gelegt wurde - und die Bluttat eigentlich dem Anwalt galt. Wie El Pais und andere spanische Zeitungen aus Vernehmungen erfahren, berichtet Victor Salas von einem merkwürdigen Anruf seiner Sekretärin am Mittag: In der Kanzlei sei ein unheimlich wirkender Unbekannter, der ihm einen Millionenauftrag übergeben wolle. Salas ließ ausrichten, dass der Mann ihn am Nachmittag nach seiner Rückkehr in der Kanzlei anrufen solle.

Doch dieser Anruf erfolgte nie. Wollte der Unbekannte nur wissen, wann Salas in die Kanzlei zurückkehrte?  Die Polizei findet ein entscheidendes Indiz: Der Täter hatte das Benzin, mit dem der Brand gelegt worden war, in einer "Volvic" Flasche mitgebracht. Ihr Drehverschluss brachte die  Spurensicherer weiter: Denn in solchen Flaschen wird "Volvic" in Spanien gar nicht verkauft - aber in Deutschland.

Die Spur nach Würzburg

Salas wurde hellhörig: Der Anwalt hatte zwei Monate vorher Irina T. kennengelernt, eine Frau aus Würzburg auf Sprachkurs in Madrid. Salas und sie begannen eine Beziehung, trafen sich im Mai in Barcelona im Urlaub - und hielten auch Kontakt, nachdem die Frau nach Würzburg zurück gekehrt war.

Salas berichtete den Ermittlern von einem Vorfall: Am 19. Mai hatte er gerade mit Irina telefoniert, als sein Handy erneut klingelte. Am anderen Ende habe ein Mann geschrien: "Ich bin ihr Ehemann, ich war Soldat, ich wurde ausgebildet, um zu töten. Und ich werde dich töten."

Erst gedroht, dann entschuldigt

Später habe er von Irina erfahren, dass ihr Ex-Freund, ein ehemaliger US-Soldat, sie verfolgte, ihr Telefonat beobachtet und ihr das Handy aus der Hand gerissen habe. Tage später habe sich der Anrufer aus Würzburg  erneut bei ihm gemeldet – und sich entschuldigt, berichtet Salas. Der Mann habe erklärt: Er sei nicht gewalttätig, müsse gegen Depressionen aber Tabletten nehmen und sei seit seiner Rückkehr aus dem Irak-Krieg in psychologischer Behandlung. Er forderte den Anwalt auf, Irina in Ruhe zu lassen. 

Irina, die da schon getrennt von ihm in einer Gemeinde im Landkreis Würzburg lebte, berichtete später, dass ihr Ex-Mann weiterhin dreimal am Tag bei ihr anrufe. Der ehemalige US-Soldat war - wie Ermittler später herausfanden - zu einem Bekannten gezogen, der mit ihm an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt studierte. 

Das seltsame Alibi

Victor Salas erzählte Ermittlern von dem Verdacht, der Mann aus Würzburg könne etwas mit der Bluttat in seiner Kanzlei zu tun haben. Der Anwalt rief Irina an, bat sie, vorsichtig zu sein. Aber sie beruhigte ihn: Ihr Ex-Mann müsse in Würzburg sein.

Er habe sie am Nachmittag des Tattages mit seinem Handy aus einem Würzburger Restaurant angerufen, in dem er mit dem Kumpel gegessen habe. Er habe ihr sogar ein Bild von den Schildkröten geschickt, die in dem Lokal herumliefen. Auch die Ermittlungen zeigten später, dass sein Handy am Tag der Morde in Würzburg in Gebrauch war.

Doch da waren der deutsche Flaschenverschluss, die zwei Drohanrufe aus Würzburg im Vorfeld und die Erkenntnis der Ermittler in Madrid, dass den Mörder Wut auf den Anwalt getrieben haben musste. Er hatte zwei  Stunden neben den toten Frauen auf Salas gewartet. Als dann der Taxifahrer in der Kanzlei ein paar Papiere abgeben wollte, wurde er Opfer einer tödlichen Verwechslung. Das legte den Schluss nahe, dass der Mörder Salas selbst nie zuvor begegnet war.

Ein Mann mit vielen Problemen

Zwei spanische Ermittler reisten nach Unterfranken und fanden mit Würzburger Kollegen heraus, dass der Tatverdächtige eine Menge Probleme hatte – nicht nur mit Irina. Der gebürtige Venezolaner hatte sich 20 Jahre zuvor bei der US-Armee verpflichtet und war damit US-Bürger. Nach dem Irak-Krieg war er von 2007 bis 2014 in der US-Garnison Schweinfurt stationiert und hatte eine Beziehung mit Irina T. begonnen.

Bei der US-Armee ergaunerte er sich eine fünfstellige Summe durch falsche Angaben zu seinem Wohnort, wurde erwischt und saß kurz in Haft. Als er frei kam, begann er in Würzburg ein Masterstudium der Betriebswirtschaft.

Das zu perfekte Alibi

Das Alibi „kam uns zu perfekt vor“, berichtet einer der Ermittler der Redaktion. Es habe die Handy-Daten gegeben, die bezahlte Rechnung aus dem Lokal mit der Kreditkarte des Verdächtigen - und einen kurzen Film der Überwachungskamera im Fitness-Studio, das einen Mann mit dem Hut des Verdächtigen von hinten zeigte.

Das spanisch-deutsche Ermittler-Team traute diesem Alibi nicht. Irinas Mutter hatte der Polizei erzählt: Der Exfreund ihrer Tochter habe sie gewarnt, dass bei einem Freund Irinas drei Menschen "im Zusammenhang mit Drogen" ermordet worden seien, nun habe er Angst um ihr Leben. Und er habe sauer gewirkt, als er erfuhr: Getötet worden war in Madrid nicht der Anwalt, sondern der zufällige Besucher der Kanzlei.

Ein Würzburger Ermittler erinnert sich an die entscheidende Vernehmung: Der Mitbewohner des Verdächtigen gestand, seinem Kumpel ein falsches Alibi geliefert zu haben. Er habe mit dessen Hut  als Tarnung auf dem Kopf das Fitness-Studio betreten. Er habe im Restaurant mit dessen Kreditkarte gezahlt. Und er habe mit ihm das Handy getauscht. Für den Anruf bei Irina habe er zwei Handys aufeinander gelegt: Irina  dachte anhand der bekannten Nummer, ihr Ex-Freund spreche direkt mit ihr.

Handydaten verraten den Weg des Verdächtigen

Die Daten des zweiten Handys sorgten dafür, dass sich die Schlinge zuzog. Denn sie verrieten, wo das andere Telefon sich an einer Funkzelle verbunden hatte:  am Abend vor dem Mord um 19 Uhr an einem Sendemast im Baskenland, am Tag der Bluttat bis 20 Uhr in Madrid in der Nähe des Tatortes und tags darauf wieder in Frankreich.

Schließlich fiel den Ermittlern noch ein Foto auf, das der Verdächtige am Tag nach den Morden gemeinsam mit seinem Freund gemacht hatte. Seine Hand war mit einem Verband umwickelt. Die spanischen Mordermittler gehen von den Spuren am Tatort davon aus, dass der Mörder von der Sekretärin mit einem Stock einen Schlag aufs Handgelenk bekommen haben könnte.

Den Verfolgern entkommen

Die Würzburger Kripo hätte den Verdächtigen gerne festgesetzt und nach Spanien ausgeliefert. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlten zu langsam, wie ein Ermittler im Gespräch mit der Redaktion  frustriert erzählt: „Es dauerte ewig, das Rechtshilfeersuchen zu bekommen. Der spanische Richter war in den Ferien und ließ sich viel Zeit“. Der Mordverdächtige ahnte inzwischen, dass man ihm auf der Spur war. Noch ehe das zuständige Gericht im September 2016 den Haftbefehl erließ, holte er sich laut Polizei 60.000 Euro von Irinas Konto und tauchte unter.

Die Würzburgerin kam unter Polizeischutz, weil die unterfränkischen Behörden fürchteten, ihr Ex-Mann wolle auch sie töten. Sie hatte Verdächtiges berichtet: Einige Zeit, nachdem ihr Ex-Mann untergetaucht war, hatte sie ihrem spanischen Freund erzählt, sie würde gerne mit ihm nach Barcelona ziehen, wenn dieser Albtraum vorüber wäre. Kurz darauf bekam sie eine WhatsApp von ihrem Ex-Mann auf der Flucht - so, als habe er nebenan gelauscht: „In Barcelona ist es selbst Hunden zu heiß.“

Den Laptop der Lebensgefährtin überwacht

Irina T. übergab den Ermittlern zur Überprüfung ihren Laptop. Sie entdeckten zwei Überwachungsprogramme, die installiert worden waren. Darunter „sniperspy“ - ein Programm, mit dem man Gespräche in Echtzeit mithören kann, die in der Nähe des Computers geführt werden.

Der Tatverdächtige war inzwischen in seinem Geburtsland untergetaucht. Aus Venezuela schrieb er am 5. September 2016 Irinas Schwester eine E-Mail, die Ermittler als eine Art Geständnis interpretieren: "Ich habe nur 10 bis 15 Minuten am Tag geschlafen, seit dies passiert ist“, heißt es darin wörtlich. "Ich war mal ein guter Mann, aber Irina hat das alles geändert. Ich habe – ohne es zu wollen - schreckliche Dinge getan. Ich bin innerlich tot."

Spanien fordert von Venezuela die Auslieferung

Zwei Jahre später, am 3. Oktober 2018, wurde er im Haus von Verwandten festgenommen. Ein diplomatisches Tauziehen begann: Spanien forderte laut der Zeitung El National von Venezuela die Auslieferung des Tatverdächtigen. Doch die US-Behörden protestierten dagegen aufgrund seiner US-Staatsbürgerschaft. Dagegen protestierten wiederum kubanische Diplomaten, denn die zwei getöteten Frauen stammen ursprünglich aus Kuba.

Die Würzburger Ermittler konnten sich nur wundern. Über ein Jahr gingen diplomatische Noten hin und her. Im Mai 2019 lehnte der Oberste Gerichtshof in Caracas schließlich  den Auslieferungsantrag nach Spanien ab. Als venezolanischer Staatsbürger könne der Tatverdächtige wegen des dreifachen Mordes in Spanien nur in Venezuela vor Gericht kommen.

Anwalt Salas protestierte: Er verstehe nicht, warum Venezuela den Mörder schütze – obwohl er als  US-Soldat die venezolanische Staatsbürgerschaft aufgegeben habe. Im Juni 2019 wandte sich Salas damit an den Menschenrechtsrat der UNO. Er fordert die Auslieferung des Würzburgers nach Spanien. Bis zu einer Entscheidung aber können Jahre vergehen.

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