Würzburg

Mordverdächtiger Nachbar in Würzburg rief selbst den Notarzt

Statt wegen versuchten Mordes muss ein 31-jähriger Würzburger wegen gefährlicher Körperverletzung hinter Gitter. Die Richter am Landgericht sahen am Mittwoch einen Rücktritt vom Versuch des Mordes. Foto: Oliver Berg, dpa

Dieser sanfte Kerl auf der Anklagebank, den das Leben unentwegt in den Hintern getreten hat, soll in wilder Wut auf einen anderen eingestochen haben, mit dem er eben noch Wein trank? Selbst das Landgericht Würzburg tut sich schwer mit dieser Vorstellung, bei diesem leisen Angeklagten, den das Schuldbewusstsein wie eine Zentnerlast niederzudrücken scheint.

Statt Leben zu retten fast ein Leben genommen

Vor dem Landgericht Würzburg wird ein Leben aufgeblättert, das vielschichtiger ist, als es in der Anklage zunächst klang - und das keine einfachen Antworten auf die Fragen weiß, die sich hier aufdrängen. Markus T. war mehrfach darin gescheitert, seinen Platz im Leben zu finden. Dann hatte er seine Berufung gefunden, wollte als Rettungssanitäter Leben retten. Stattdessen hat er um ein Haar einen Menschen getötet, seine Freiheit verloren, den Job beim Roten Kreuz und das Sorgerecht für seinen Sohn.

Es gibt keinen Zweifel, dass der 31-Jährige Angeklagte Anfang Februar in der Wohnung seiner Nachbarin im Würzburger Stadtteil Lindleinsmühle zugestochen hat. Aus Eifersucht auf den Nebenbuhler, der bei der quirligen jungen Mutter mehr Chancen hat als er? Oder aus Sorge um sie, weil er im Rausch glaubte, der andere Mann behandle sie grob ? Oder im Streit mit dem 47-Jährigen, der betrunken mit dem Auto zum Essen fahren wollte - gegen den Protest des Angeklagten?

Die Gretchenfrage als Auslöser für die Messerstiche?

Mit beiden hatte er in der Wohnung der Frau gefeiert. In einem unbeobachteten Moment fragte der Jüngere den Älteren, ob er mit der 34-jährigen Mutter eines fünfjährigen Kindes eine gemeinsame Zukunft sehe. Ob sich der Jüngere selbst Hoffnungen auf seine Nachbarin machte?

Er verneint das auf Nachfrage: Er  habe nur vor fast zwei Jahren eine Nacht mit ihr verbracht und dabei seine Freundin mit ihr betrogen. Die Frau bestreitet selbst das und sagt, das 47-jährige Opfer sei ihr Freund. Der schildert die Beziehung nicht so eng: Gelegentlich komme er zu ihr zu Besuch und schlafe dann auch bei ihr.

Zwei Stiche mit dem Dolch

Warum die Situation so eskalierte, bleibt zunächst im Dunkeln. Der stille, friedlich wirkende Nachbar war in seine Wohnung geschlichen, hatte einen Dolch mit 23 Zentimeter langer Klinge geholt. Der erste Stich erfolgte überraschend in den Rücken. Ob dann der zweite lebensbedrohliche Stich in die Brust erfolgte oder die Verletzung in der Brust entstand, während beide sich raufend am Boden wälzten, bleibt unklar.

Die Frau geht dazwischen und beendet das Gerangel. Der Täter wirft das Messer aufs Sofa, bemüht sich, mit einem Handtuch, die blutenden Wunden zu stillen. Polizeibeamte bestätigen, dass der Angeklagte selbst den Beamten den Weg weist. Dass er den Notarzt alarmiert, weiß er selbst nicht mehr. Polizisten finden sogar ein blutverschmiertes Handtuch, das er als Kompresse auf die Wunde drückte.

Glaubhafte Entschuldigung

Der sanfte 31-Jährige wirkt niedergedrückt von der Tat wie von einem schweren Gewicht. "Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht versuche, es mir zu erklären," sagt er. Und selten hat einer sich glaubwürdiger bei seinem Opfer entschuldigt: "Ich hatte im Leben noch nicht so viel Angst wie vor diesem Tag, an dem ich dir noch einmal gegenüber stehe. Es tut mir unendlich leid." Ohne zu zögern, stimmt er einer Vereinbarung über Schmerzensgeld für sein Opfer zu.

Am Ende sind sich Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen sowie die Verteidiger Vanessa Gerber und Christian Mulzer einig: Die Handlungsweise des Angeklagten ist als Rücktritt vom Mordversuch zu werten. Es bleibt gefährliche Körperverletzung, für die der Ankläger drei Jahre und neun Monate fordert, die Verteidiger zweieinhalb Jahre. Das Gericht verhängt drei Jahre Haft, das Urteil wird sofort rechtskräftig.

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