Würzburg

Mordversuch von Euerhausen: Täter muss in Klinik statt Knast

Ein Jahr nach dem Schuss beim Feuerwehrfest fiel das Urteil: Der Richter hat keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte der Täter ist. Schuldfähig sei dieser aber nicht.
Bruno G. (zweiter von links, mit seinen Anwälten) muss nicht ins Gefängnis für den Schuss in den Rücken eines Nachbarn. Das Landgericht um den Vorsitzenden Hans Brückner (Mitte) ordnete die Unterbringung in einer Klinik an. Foto: Manfred Schweidler

Der 71-jährige Bruno G. wird in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, weil er nach Einschätzung des Gerichts weiter gefährlich für seine Nachbarn wäre. Bei der Urteilsverkündung sagte der Vorsitzende Hans Brückner am Donnerstag: "An der Tat und Täterschaft gibt es keinen Zweifel!"

Das Gericht schloss sich aber der Einschätzung eines Gutachters an und wollte eine Schuldunfähigkeit aufgrund wahnhafter Störungen nicht ausschließen. Deshalb gab es für G's Schuss in den Rücken seines Nachbarn beim Feuerwehrfest in Euerhausen (Lkr Würzburg) im Sommer 2018 formal einen Freispruch. Bruno G. , der in seinem letzten Wort wütend von "Sauerei" gesprochen hatte, nahm das Urteil unbewegt entgegen.

Selbstjustiz nicht gerechtfertigt

Der Vorsitzende nahm in seiner Urteilsbegründung Bezug auf die letzten Worte des Angeklagten.  "Wenn Sie 40 Jahre getreten werden, treten Sie auch mal zurück", hatte der Angeklagte da noch gezürnt. "Das war faktisch ein Geständnis", urteilte der Richter. Er zeichnete noch einmal das Bild nach, wie sich der Angeklagte seit 2008 immer mehr in den Glauben hinein gesteigert habe, die Familie seines Nachbarn habe üble Absichten mit ihm. Der Vorsitzende betonte: Selbst, wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte es keine Selbstjustiz gerechtfertigt.

Der Angeklagte muss nicht ins Gefängnis – nicht für den Schuss in den Rücken des Nachbarn, nicht für den Brand, den er in selbstmörderischer Absicht in Untersuchungshaft in seiner Zelle gelegt hatte, wobei neun Personen gesundheitliche Schäden davontrugen. Auch nicht für den vier Jahre zurück liegenden Angriff auf die Frau des Nachbarn, die er unmotiviert auf offener Straße niedergewürgt haben soll.

Das Gericht lässt Bruno G. in einer Klinik unterbringen, damit er nicht weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit ist. Das Gericht trug der Angst der Opferfamilie vor weiteren Übergriffen Rechnung und betonte: "Es besteht die Gefahr, dass weitere schwere Straftaten zu erwarten sind." 

Sonderling und Außenseiter

Mit dieser Entscheidung endet nach zwölf Verhandlungstagen ein Prozess, der dem Landgericht Würzburg viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. Mit Hilfe eines Schriftdolmetschers hatte die Justiz einen geordneten Prozess mit dem fast tauben Angeklagten durchführen können, an dessen Ende feststand: Bruno G., den Zeugen als "Sonderling und Außenseiter" beschreiben, hat sich nicht nur vom Dorfgeschehen und sogar von seiner Familie völlig isoliert.

Er hat sich über Jahre förmlich in den Verdacht hinein getrotzt, von seinem Nachbarn und dessen Familie verfolgt zu sein. Ihm muss im Sommer 2018 klar geworden sein, dass er im bevorstehenden Berufungsprozess wegen der Würge-Attacke auf die Nachbarin wohl nicht ungeschoren davon kommen würde.

Munition besorgt und losmarschiert

Also nahm er die Dinge selbst in die Hand, wie er am Tag vor dem Mordversuch einem anderen Landwirt versicherte. Eine Pistole hatte er ja – trotz des laufenden Prozesses wegen des Angriffs sah das Landratsamt bei einer Überprüfung keine Gefahr. Er muss sich Munition besorgt haben, ehe er in den Nachbarort fuhr, in dem das Feuerwehrfest war. Zeugen beschrieben, wie er dicht hinter den Nachbarn trat, dann schoss und seelenruhig davonspazierte. Dabei drohte er seinen Verfolgern mit der Pistole in der Hosentasche: Er habe noch weitere Patronen übrig. 

Nun ist ein Urteil gesprochen, aber der Fall nicht beendet. Das Opfer – für immer zum Leben im Rollstuhl verdammt – hat auf eigene Kosten sein Haus umbauen lassen, braucht ein behindertengerechtes Auto und ständige Betreuung. Auf einen finanziellen Ausgleich durch den Täter kann es erst nach einem Urteil rechnen.

Darauf hofft auch ein Mithäftling von Bruno G. im Würzburger Gefängnis. Ihm wurde der Rauch in die Zelle getrieben, als Bruno G. im Stockwerk darunter auf seiner Matratze Feuer legte – um aus dem Leben zu scheiden. Seitdem leidet der Mithäftling unter den gesundheitlichen Folgen.

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