RÖTTINGEN

Nach Unfall: 800 Badeenten für Anne

Die gute Tat: Anne Philipp kämpft sich nach einem schweren Verkehrsunfall zurück ins Leben. Der Röttinger Gewerbeverein hilft ihr und ihrer Familie nun mit einer ganz besonderen Aktion.
Startklar: 800 Badeenten lässt der Gewerbeverein Röttingen am Sonntag auf der Tauber bei Bieberehren antreten, um mit dem Erlös die Familie der schwerkranken Anne Philipp zu unterstützen. Im Bild die Vorsitzende des Gewerbevereins, Sylvia Baumann, und Annes Vater Emil Philipp. Foto: Gerhard Meißner

Anne Philipp hatte sich so auf ihren neuen Job als Dekorateurin gefreut. Die Arbeitsstelle, die sie am 1. August 2015 in Würzburg antreten sollte, war ganz nach dem Geschmack der 26-Jährigen. Endlich konnte sie ihre Kreativität und ihr handwerkliches Geschick beruflich miteinander verbinden. Sie hatte den Arbeitsvertrag bereits unterschrieben, als in jener Nacht Ende Juni vergangenen Jahres ihr ganzes bisheriges Leben zu Bruch ging.

Anne war mit Freunden auf dem Nachhauseweg von einem Fest im kleinen Dorf Nassau, als der Fahrer die Kontrolle über seinen Kleinwagen verlor. Das Auto kam auf der schmalen Ortsverbindungsstraße zwischen Nassau und Strüth von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Der Fahrer und und sein Beifahrer starben, Anne und zwei weitere Insassen, die auf dem Rücksitz saßen, wurden aus dem Auto geschleudert.

Unendliche Schritte zurück ins Leben

Die inneren Verletzungen, die Anne dabei erlitt, waren so schwer, dass der Blutverlust zu einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führte. Das Gehirn wurde dadurch stark geschädigt.

In unendlich kleinen Schritten kämpft sich die junge Frau seitdem ins Leben zurück. Es ist ein Kampf, der auch die ganze Kraft ihrer Familie fordert. In ein paar Monaten wollen Michaela und Emil Philipp ihre Tochter heim nach Röttingen holen und geraten dabei sowohl physisch als auch finanziell an ihre Grenzen.

Emil Philipp hat schlimme Monate hinter sich. Trotzdem klingt viel Zuversicht aus seinen Worten, wenn er davon erzählt. „Ich muss ja nach vorne schauen“, sagt er, „alles andere hilft nichts.“ Alles andere hilft auch Anne nicht.

Ein halbes Jahr lang lag die junge Frau im Koma. Ob sie je wieder erwachen würde, war ungewiss. Dann der Moment, in dem Anne zum ersten Mal die Augen aufschlug. Sie konnte sich nicht bewegen, nicht sprechen, musste beatmet und künstlich ernährt werden. Immerhin hatte sich ihr Zustand so weit gebessert, dass sie in eine Spezialklinik nach Gailingen am Hochrhein verlegt werden konnte, 300 Kilometer weg von Röttingen.

Emil Philipp mietete eine Ferienwohnung nahe der Klinik. Seine Frau Michaela verbringt seitdem die meiste Zeit bei ihrer Tochter. Er selbst fährt am Wochenende hin. Die Familie lebt von einer kleinen Landwirtschaft und dem Weinbau. „Es ist nicht viel“, sagt Philipp, „aber uns hat es gereicht.“ Für den Hof und die Weinberge hatte Emil Philipp in den vergangenen Monaten kaum Zeit. Nachbarn und Freunde aus dem Ort sprangen ein, halfen das Gras zu mähen oder die Reben zu schneiden. Die Solidarität, die er erfahren hat, macht Emil Philipp noch heute sprachlos. „Ich hätte das nie gedacht, ich bin so dankbar dafür“, sagt er. Unter der Obhut erfahrener Ärzte und Therapeuten hat Anne inzwischen Fortschritte gemacht. Auf dem Smartphone kann sie Sprachnachrichten empfangen.

Freunde helfen Anne

„Die Tage in der Klinik sind lang“, sagt Emil Philipp, „es bringt viel, wenn Anne ihre Freunde hört, mit denen sie früher gerne mal ein Bierchen getrunken hat.“ Einige von ihnen haben sie sogar schon besucht. Anne freut sich darüber. Ihre Schwester Lena hat vor kurzem sogar ihre standesamtliche Trauung nach Gailingen verlegt, damit Anne, die eigentlich Trauzeugin hätte werden sollen, dabei sein konnte.

Seit einigen Wochen gelingt es Anne sogar, die linke Hand zu bewegen, mit dem Daumen kann sie Ja oder Nein signalisieren. Wie lange Anne noch in der Reha-Klinik bleiben kann, weiß Emil Philipp nicht. Alle sechs Wochen werde über die Verlängerung der Reha entschieden. Ausschlaggebend sei, ob noch Fortschritte zu erwarten sind.

Emil und Michaela Philipp haben sich deshalb bereits nach einem geeigneten Pflegeheim umgesehen, das nahe bei Röttingen liegt – und wurden enttäuscht. Deshalb fiel die Entscheidung, ihr Wohnhaus umzubauen und Anne heimzuholen. Ein Aufzug muss eingebaut, die Türen verbreitert werden. „Das Haus ist praktisch ein Rohbau“, sagt Emil Philipp. Auch das größere Auto, mit dem sie Anne in ihrem Pflegerollstuhl transportieren können, geht ins Geld. Neben der Sorge um die Tochter belasten die Verhandlungen mit Versicherung und Krankenkasse. Nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Fahrer eingestellt hat, sei die Schuldfrage rechtlich nicht geklärt. Entsprechend zurückhaltend agiert die Haftpflichtversicherung des Fahrers. „Es ist viel nutzlose Energie, die man aufbringen muss“, sagt Emil Philipp. Immerhin sei inzwischen ein Vergleich gelungen, wonach sie einen Teil der entstehenden Kosten übernimmt.

Solange die Krankenkasse mitspielt

Für den Rest müssen die Philipps selbst aufkommen. Eine Rechtsschutzversicherung hat Emil Philipp nicht, „ich hätte ja nie gedacht, dass ich die irgendwann mal brauche.“

In der Spezialklinik soll Anne so lange bleiben, wie die Krankenkasse es zulässt. An Weihnachten möchten die Eltern ihre Tochter aber zumindest für ein paar Tage nach Röttingen holen.

Der Unfall im Juni vergangenen Jahres und der Tod der beiden jungen Burschen hatte ganz Röttingen erschüttert. Die Anteilnahme am Schicksal seiner Tochter sei bis heute nicht geringer geworden, so Emil Philipp. Das drückt sich auch in der Aktion aus, die der Röttinger Gewerbeverein ins Leben gerufen hat.

Seit Wochen verkaufen die angeschlossenen Geschäfte gelbe Badeenten. Am Sonntag werden die 800 Enten an der Tauberbrücke bei Bieberehren in die Tauber entlassen. Wessen Entchen die Strecke am schnellsten überwindet, erhält einen Einkaufsgutschein im Wert von 100 Euro. Rund 400 Preise haben die Mitgliedsbetriebe gespendet, freut sich die Vorsitzende Sylvia Baumann.

Zum Entenrennen gibt es außerdem ein Fest, dessen Erlös ebenfalls dem guten Zweck zukommt. Drei Viertel dieses Erlöses will der Gewerbeverein der Familie Philipp zur Verfügung stellen. Ein Viertel wird in einen Fond eingezahlt, mit dem die Gewerbetreibenden künftig Menschen in Not unterstützen wollen.

Anne hätte sicher ihren Spaß an der lustigen Aktion, ist ihr Vater überzeugt. Immerhin kann sie schon wieder lachen. „Wenn sie lacht, meinst du, alles ist wie früher.“

Das Fest an der neuen Tauberbrücke in Bieberehren beginnt am Sonntag, 11. September, um 13 Uhr. Bis 14 Uhr müssen die Badeenten beim Veranstalter abgegeben werden. Um 14.30 Uhr wird die neue Brücke gesegnet. Um 16 Uhr startet das Entenrennen, Siegerehrung ist dann um 17 Uhr.

Schlagworte

  • Röttingen
  • Gerhard Meißner
  • Gewerbevereine
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!