WÜRZBURG

Nach der Flüchtlingskrise: „Wir haben keinen Plan“

Joost Butenop fordert, dass endlich akzeptiert werden müsse, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Foto: Anna Sophia Hofmeister

Das Jahr 2015 ging als das Jahr mit den meisten jemals gestellten Asylanträgen in die deutsche Geschichte ein. Die sogenannte Flüchtlingskrise begann in Deutschland mit einer Woge an Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Heute, fast drei Jahre später, sind mehr als eine Million Menschen hierher geflüchtet. Rund 7 000 davon leben derzeit in Unterfranken – untergebracht in 44 Gemeinschaftsunterkünften oder dezentral in gemieteten Wohnungen. Die anfängliche Euphorie hat sich verflüchtigt, die weltweiten Konflikte sind jedoch geblieben.

Innovative Online-Bibliothek entwickelt

„Die Mühlen mahlen sehr langsam, aber sie mahlen“, sagte Joost Butenop am Mittwochabend in der Neuen Universität vor Interessierten an seinem Vortrag „Drei Jahre Flüchtlingskrise – wo stehen wir jetzt?“ Der Arzt sprach allen ehrenamtlich Tätigen erst einmal seinen großen Dank aus. Der Referent für Asyl- und Flüchtlingsgesundheit der Regierung von Unterfranken, einer bundesweit einmaligen Position, weiß wovon er spricht. Er begann seine berufliche Laufbahn bei Ärzte ohne Grenzen und war danach 20 Jahre für die internationale medizinische Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit tätig.

Butenop entwickelte die innovative Online-Bibliothek Medbox, aus der Ende 2015 die Hilfsseite „Refugee Toolbox“ hervorging. Geflüchtete, aber auch Ärzte, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche können sich hier kostenlos und in zahlreichen Sprachen zu den Themen Gesundheit, Prävention und Integration informieren.

Das Ehrenamt habe sehr viel Positives geschaffen, sagte Butenop. Mit Blick auf die Regierungsseite runzelte er jedoch die Stirn. Noch immer sei der allgemeine Eindruck: „Warum tut die Regierung nichts?“ Ging es nicht besser oder wollte man einfach nicht? Er habe darauf noch keine Antwort gefunden, sagte Butenop, aber er arbeite daran.

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Seiner Meinung nach reichten die bisherigen Reaktionen Deutschlands und Europas auf die große Zahl Asylsuchender bei weitem nicht aus. Willkürlich geschlossene Grenzen, eine fadenscheinige „Bekämpfung von Fluchtursachen“ und fragwürdige Deals, wie der EU-Türkei-Deal oder der EU-Afghanistan-Deal, seien wenig zielführend. Die Zahl der im Land ankommenden Geflüchteten sei zwar gesunken, die Betroffenen aber nicht weniger auf der Flucht. Im Gegenteil. „Die Probleme werden einfach nur verschoben“, sagte Butenop.

Es sei höchste Zeit zu akzeptieren, dass Migration seit zwei Jahrzehnten ein Fakt und Deutschland ein Einwanderungsland ist. Gerade weil in Zukunft weitere Menschen zu erwarten seien, müsse das Land endlich jenseits von politischem Säbelrasseln sinnvolle Grundlagen entwickeln. Wer kommt, sei eben da. Laut Statistiken dauert es im Durchschnitt 25 Jahre, bis ein von Krieg und Gewalt Vertriebener nach Hause zurückkehren kann. Für diese Zeit brauche es dringend eine angemessene Bleibeperspektive, sagte Butenop: „Derzeit hat die Regierung aber nicht einmal einen Plan B für den Fall, dass die angesteuerte Abschottung nicht klappt.“ Dieser Schwebezustand würde einfach in Kauf genommen, obwohl zahlreiche Anforderungen mit bereits vorhandenem und leicht abrufbarem Wissen längst zu lösen seien. „Das Rad muss nicht neu erfunden werden“, so Butenop. Das Ehrenamt und zahlreiche Hilfsorganisationen hätten dies in den vergangenen Jahren erfolgreich gezeigt.

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