RÖTTINGEN

Neue Köpfe auf Burg Brattenstein

Ab 2014 soll vieles anders werden bei den Röttinger Festspielen. Mit Walter Lochmann und Sascha O. Bauer stehen dann zwei neue künstlerische Leiter an der Spitze. Viele Ideen haben sie schon bei ihrer Vorstellung mit nach Röttingen gebracht, die jetzt zwei Jahre Zeit zum Reifen haben.
Die Neuen: Walter Lochmann (links) und Sascha O. Bauer (rechts) stehen ab der Spielzeit 2014 gemeinsamen mit Bürgermeister Martin Umscheid an der Spitze der Röttinger Festspiele.
Die Neuen: Walter Lochmann (links) und Sascha O. Bauer (rechts) stehen ab der Spielzeit 2014 gemeinsamen mit Bürgermeister Martin Umscheid an der Spitze der Röttinger Festspiele. Foto: Gerhard Meissner

Moderner sollen die Festspiele werden – und weniger wetterempfindlich (wir berichteten bereits kurz im Kulturteil). Ganz ohne Gegenwind wird der Abschied von der bisherigen Festspielleiterin Renate Kastelik aber nicht über die Bühne gehen.

Die Wienerin macht keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Entscheidung des Röttinger Stadtrats.

Martin Umscheid, als Bürgermeister auch oberster Herr über den Festspielbetrieb, sieht Handlungsbedarf. Das Publikum schwindet. Auf der Suche nach neuen Konzepten hat man in den vergangenen Jahren schon einiges versucht. Die Musical-Sparte hat an Gewicht gewonnen auf der Bühne vor Burg Brattenstein.

„Evita“ im Jahr 2010 und die mit viel technischem Aufwand inszenierte Rockoper „Jesus Christ Superstar“ 2011 waren gut angekommen. Aber das reiche eben nicht aus, um die Festspiele wieder dauerhaft auf ein festes Fundament zu stellen, sagt Umscheid.

Das hat auch mit der Konkurrenz zu tun, die den 1984 gegründeten Röttinger Festspielen mittlerweile im Umland erwachsen ist – zahlenmäßig und qualitativ.

2011 kam ein verregneter Sommer hinzu. Mindestens 1000 zu wenig verkaufte Karten werden dem Wetter angelastet. Unter dem Strich kommt ein sechsstelliger Fehlbetrag heraus – dem stehen 85 000 Euro an ein kalkuliertem Defizit gegenüber.

Um der schleichenden Erosion der Zuschauerzahlen entgegenzuwirken, will der Bürgermeister deshalb jetzt im Verein mit einem neuen künstlerischen Führungsduo zum großen Wurf ausholen.

Walter Lochmann, 2011 erstmals als musikalischer Leiter in Röttingen, gilt als Tausendsassa der Branche. Der 57-jährige Wiener ist ausgebildet als Konzertpianist, Arrangeur und Komponist und hat Berufserfahrung als Chordirektor der Wiener Volksoper und Dirigent der Vereinigten Bühnen Wien ebenso wie als Musiklehrer an einem Wiener Gymnasium. „Meiner neuen Aufgabe in Röttingen sehe ich mit großer Freude und Gelassenheit entgegen“, sagt er deshalb. „Ich kann das.“

Sascha O. Bauer, 1979 in Heidelberg geboren, gab 2011 sein Debüt in Röttingen als Judas in „Jesus Christ Superstar“. Neben einem Grafikstudium und einer Ausbildung als Schauspieler und Regisseur verweist der Wahl-Wiener auf reichlich Bühnen-Erfahrung im klassischen Genre, sei es als Mephisto in Goethes Faust, als Franz Mohr in Schillers Räuber oder als Titelrolle in Shakespeares Hamlet.

Mehr als die üblichen zwei Stücke wollen die beiden ab 2014 auf die Bühne bringen, das ist einer der Kernpunkte des Konzepts, das Walter Lochmann in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz skizzierte.

Dabei will er aus dem vorhandenen Ensemble von höchstens 15 Schauspielern schöpfen. Nur sollen die eben nicht mehr im einen der Stücke eine Haupt- und im anderen eine Statistenrolle spielen, sondern stattdessen – zum Beispiel in der Burghalle – ein anderes Stück aufführen.

Eine zweite Spielstätte mache die Festspiele weniger wetterabhängig, weil sich Kartenbesitzer darauf verlassen könnten, auch bei schlechtem Wetter hochwertiges Theater geboten zu bekommen.

Um den erweiterten Spielplan personell stemmen zu können, setzt Sascha Bauer auf einen festen Kreis von Statisten aus dem Umland, den er aufbauen will. So könne es gelingen, die Festspiele noch besser regional zu verankern. Zudem eröffne eine feste Statisterie der Regie neue Möglichkeiten zu großzügigeren, opulenteren Inszenierungen, ohne dafür mehr Geld aufwenden zu müssen.

Das ist ganz im Sinne des Röttinger Stadtrats. Der finanzielle Rahmen der Festspiele soll durch die Neuausrichtung nicht ausgedehnt werden. Für das Jahr 2012 sieht der städtische Haushalt einen Etat von 588 000 Euro für den Kernbetrieb der Festspiele vor.

Zusätzlich zu den Erlösen aus dem Kartenverkauf erhält die Stadt rund 85 000 Euro aus der Kulturförderung des Freistaats, 15 000 Euro vom Bezirk Unterfranken und 10 000 Euro vom Landkreis Würzburg. Unterm Strich bleibt ein kalkuliertes Defizit von 85 000 Euro, das die Stadt als Gegenleistung für die Imagewerbung auf sich nimmt, die ihr die Festspiele bringen.

Im Stadtrat sei die Entscheidung für die neue Doppelspitze und die Neuausrichtung der Festspiele einstimmig gefallen, sagt Bürgermeister Martin Umscheid. Der Vertrag von Renate Kastelik, die seit 2002 die künstlerische Verantwortung für die Festspiele trug, läuft nach der Spielzeit 2013 aus.

In einem Zeitungsinterview macht die Wienerin keinen Hehl daraus, dass sie sich ausgebootet fühlt. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Uraufführung des Musicals „Romeo & Julia“, das Christian Brandauer eigens für die Röttinger Festspiele geschrieben hat. Das Stück, textlich eng an Shakespeares Original angelehnt, soll ein Höhepunkt im Wirken der künstlerischen Leiterin in Röttingen sein.

Renate Kastelik spricht von einer Degradierung des Stücks durch die Bekanntgabe der Personalentscheidung. Bürgermeister Martin Umscheid hingegen sieht den Zeitpunkt als richtig gewählt. Die künftige Intendanz der Festspiele habe so genügend Zeit, sich auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Insbesondere für den Aufbau einer Statisterie und den angestrebten Kontakt zu Schulen und Laienensembles reiche ein Jahr als Vorlaufzeit nicht.

Umscheids Vorgänger Günter Rudolf, heute Vorsitzender des Röttinger Verkehrsvereins, hatte sich schon im vergangenen Jahr kritisch über den Umgang mit Renate Kastelik geäußert, nachdem schon damals hinter den Kulissen von einer Trennung 2013 die Rede war. Für ihn sei eine Verlängerung des Vertrages keine Option gewesen, sagt Martin Umscheid heute. Gleichwohl habe sich Kastelik ihm gegenüber auch nicht geäußert, ob sie länger in Röttingen bleiben will.

Röttinger Festspiele 2012

Die Röttinger Festspiele 2012 dauern vom 21. Juni bis 12. August. Drei Stücke stehen auf dem Spielplan: Uraufführung des Musicals „Romeo & Julia“ von Christian Brandauer; „Der Muffl oder Frühere Verhältnisse“ von Johann Nestroy; „Otello darf nicht platzen“ von Ken Ludwig, Verwechslungskomödie um den Auftritt eines Opernsängers. Weitere Informationen und Vorverkauf: Tourist-Information Röttingen, Tel. (0 93 38) 97 28-55, -56, -57 und -59 sowie im Internet: www.festspiele-roettingen.de. Karten gibt unter anderem beim Ticket-Service der Main-Post, ticketservice.mainfranken@mainpost.de.

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