WÜRZBURG

Neue Mainfranken-Radtour: 600 km möglichst nicht auf Asphalt

Startfoto vom Candy B. Graveller am Luftbrückendenkmal in Frankfurt: Da hatte Jochen Kleinhenz 670 Kilometer vor sich, über Schotterpisten, bis nach Berlin.
Startfoto vom Candy B. Graveller am Luftbrückendenkmal in Frankfurt: Da hatte Jochen Kleinhenz 670 Kilometer vor sich, über Schotterpisten, bis nach Berlin. Foto: Jochen Kleinhenz

Als Jochen Kleinhenz am 2. Mai dieses Jahres gegen ein Uhr nachts in Berlin ankam, war er fix und alle. Und zwar so richtig. 670 Kilometer hatte er da hinter sich, 40 Stunden reine Fahrzeit. „Eine Monstertour“, sagt Kleinhenz. „Der letzte Tag hat mich physisch und psychisch ans Limit gebracht.“ Am 28. April hatte sich der 49-jährige Würzburger abends mit 62 anderen, die gerade sonst nichts vorhatten, am Frankfurter Flughafen am Luftbrückendenkmal auf den Weg gemacht.

Fortbewegungsmittel: das eigene Fahrrad. Ziel: das Luftbrückendenkmal in Berlin. Die Route: der ehemalige Luftbrückenkorridor. Jene Strecke, die vor 69 Jahren die Rosinenbomber genommen hatten. In der Luft. Für die 63 – sagen wir es respektvoll – Fahrradverrückten ging es über holprige Strecken, Feld-, Wald- und Forstwege. Ein knappes Drittel verlief auf dem Asphalt. Der Rest war Anstrengung. Für Beinmuskeln und Willen.

Candy Bomber wurden die Luftbrückenflugzeuge von den Amerikanern genannt. Die harte Gedenktour mit historischem Hintergrund bekam deshalb den süßen Namen „Candy B. Graveller“. „Gravel“ heißt im Englischen Kies. Und genau darum ging es Jochen Kleinhenz. Nach Berlin war er 2016 schon mit dem Rad gefahren. Mit dem Rennrad, auf asphaltierten Strecken. Jetzt sollte es mit dem Gravel-Bike, dem Rad für alle Pisten, über unbefestigte Wege gehen, über Schotter, Kies und auch mal Wurzelwerk. Mit selbst gewähltem Tempo und Pausen, wann und wo immer nötig. Denn der „Graveller“ war kein Etappenrennen, sondern eine „Selbstversorgerfahrt“. Nach dem gemeinsamen Start waren die 63 Gedenkfahrer tags wie nachts auf sich alleine gestellt.

Am letzten Tag rumpelige 270 Kilometer am Stück

Weil er einem Freund versprochen hatte, am 1. Mai abends in Berlin zu sein, fuhr er auf seiner Rumpelpisten-Schlussetappe 270 Kilometer am Stück. „Mehr mit Autopilot als Bewusstsein“, sagt Kleinhenz. „Das ist dann schon Psychosport.“ Insgesamt waren 36 Luftbrückenradler in Berlin angekommen – der schnellste war durchgefahren und nach 35 Stunden da.

Kleinhenz mag muskelbetriebenen Individualverkehr. Er nennt sich „Alltagsradler“ und „in sportlicher Hinsicht bestenfalls ambitionierter Amateur“. Wann und wo immer es geht, fährt der 49-Jährige mit dem Rad. Wenn er den Schwiegervater in Coburg besucht, steht er früh auf und durchradelt die Haßberge. Traditionell radelt er einmal im Jahr nach München, eine „Tagestour“. Und am Feierabend fährt er schon mal eben 70 Kilometer zum Schwanberg, hin und zurück. Kleinhenz betreibt einen Blog, „Mein Fahrrad und ich“. Mit Eindrücken, Ansichten, Erlebnissen, Kilometer-Tagebuch.

Plausch und Gedankenspinnen bei der Region Mainfranken GmbH

Und nach der „Monstertour“ von Frankfurt nach Berlin hatte er was zu erzählen. Kleinhenz ist Grafiker, er hat ein Büro in Würzburg und ist häufig für die Region Mainfranken GmbH tätig. Geschäftsführerin Åsa Petersson sagt, sie habe bis dato „vom Graveln gar nichts gewusst“. Lange Strecken mit dem Rad fahren, lieber durch Wälder und über Felder als auf geteerten Pisten und vollen, dichten Autostraßen. Nicht querfeldein, aber auch nicht auf den üblichen Routen. Allein unterwegs sein und mal ein Stück mit Gleichgesinnten zusammen. Sportlicher als beim Sonntagsausflug. Aber gemütlicher und entspannter als beim knackigen kurzen Mountainbike-Ritt.

„Wer immer nur am Mainradweg langfährt, verpasst die eigentlichen Sensationen“, sagt Jochen Kleinhenz. Beim Graveln, beim Schotterpistenfahren abseits der üblichen touristischen Routen würde man die Landschaft neu und anders erleben. Und Aussichtspunkte, malerische Orte, Sehenswürdigkeiten in der Natur entdecken, an denen man sonst gar nicht vorbei käme. Åsa Petersson war spontan begeistert. Hat nicht Mainfranken so viel zu bieten? Ist nicht die Region für eine Route fast nur in der Natur prädestiniert? Man müsste mal, man sollte mal . . . und aus dem Plaudern, dem Gedankenspinnen wurde schnell eine Idee und dann gleich ein Projekt: Mainfranken Graveller.

Vielleicht nicht jedermanns Sache - aber für jedermann

„Eine Region entdeckt man, wenn man sich in ihr bewegt“, sagt Jochen Kleinhenz, „und das Fahrrad ist dafür das ideale Fortbewegungsmittel.“ Klar war für den Fahrradbegeisterten wie für die Regio-Marketing-Chefin: Auch wenn Graveln vielleicht nicht jedermanns Sache ist, es soll eine Tour für jedermann sein. Ohne große Hürden, ohne große Organisation, ohne Anmeldung, ohne Zwang. Und eine Tour, die ganz Mainfranken erfahrbar macht.

Vier Mittelgebirge, alle sieben Landkreis, 600 Kilometer rundum

Weil sie zur Mainfranken Messe Premiere haben sollte, blieb zum Vorbereiten nicht viel Zeit. Vier Mittelgebirge, 600 Kilometer, 10 000 Höhenmeter. Eine Route vom 177 Meter tief gelegenen Würzburg über den Geiersberg (586 m) im Spessart, die Nassacher Höhe in den Haßbergen (512 m), den Kreuzberg in der Rhön (928 m) und den Scheinberg im Steigerwald (498 m). Eine Tour durch alle sieben Landkreise, von Habichtsthal im Westen über Weimarschmieden im Norden, Untermerzbach ganz im Osten und im Süden Tauberrettersheim.

Kleinhenz nutzte den Sommer, um eine möglichst schöne Strecke zu „basteln“, etappenweise auszuprobieren und die topografischen Extrempunkte noch einmal abzufahren. Jetzt steht er, der Mainfranken Graveller, kurz MfG17. Keine Veranstaltung, kein weiterer ausgeschilderter Radweg. Sondern, sagen Petersson und Kleinhenz, „eine Einladung, ein Vorschlag“.

Der Radfahrer fügt an: „Es ist ein Selbstversorger-Ding.“ Ob man von Herberge zu Herberge fährt oder im Camper-Modus unterwegs ist, mal nachts in einer Schutzhütte schläft. Ob man die 600 Kilometer in Etappen radelt oder am Stück, Tag und Nacht: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“

Wer nicht mitradelt, kann die Fahrer online verfolgen

So wie bei der holprigen Candy-Tour nach Berlin. Alle GPS-Daten zum Runterladen und Informationen bekommen interessierte Fahrer im Blog auf der Internetseite der Region Mainfranken GmbH. Aber losgehen soll es zusammen: am Samstag, 30. September, Punkt 12 Uhr auf der Mainfranken-Messe. Es gibt keine Anmeldung, keine Startgebühr, keine Schilder, keine Zeitnahme, keine Siegprämie. Wer nicht selbst mitradeln will, kann trotzdem dabei sein: Die Fortschritte der Fahrer können anhand von Trackinggeräten im Internet live verfolgt werden.

Wer losfährt, muss sich Gedanken machen. Was packt man ein, worauf verzichtet man? Wo und wie lädt man das Smartphone, wenn man drei Tage unterwegs ist? Wo Wasser bekommen, wenn sonntags oder am Feiertag die Läden zu haben? Und, sagt Routen-Vater Kleinhenz, „es ist jederzeit damit zu rechnen, dass einzelne Teile der geplanten Route wortwörtlich im Nichts enden“.

Bei seinem ersten „Graveller“ sei er fahrlässig und blauäugig „mit einem nichts von Unterlage und einem viel zu dünnen Schlafsack“ unterwegs gewesen. Kein Spaß bei drei Nächten draußen. Sein Kilometer-Tagebuch für Touren und Ausfahrten dieses Jahr verzeichnet übrigens derzeit 5051 gefahrene Kilometer, 56 169 Höhenmeter und eine Fahrzeit von 249 Stunden, 16 Minuten. Es werden 600 Kilometer dazukommen. Am Tag der Deutschen Einheit will Jochen Kleinhenz abends wieder zu Hause sein.

Die mehrtägige Tour ist gedacht für Fahrradfahrer, die als Selbstversorger gerne abseits üblicher (Auto-)Routen in der Natur unterwegs sind. Die Region Mainfranken GmbH will damit verborgene Schätze für jedermann erfahrbar machen – jederzeit. Eine gemeinsame „Premierenfahrt“ beginnt am 30. September, um 12 Uhr in Würzburg auf der Mainfranken-Messe. Wo die Fahrer unterwegs sind, kann dann im Internet live mitverfolgt werden. Und im Mainfrankenblog werden die Fahrer von ihren persönlichen Erlebnissen entlang der Route berichten. Die Projektseite des Mainfranken Gravellers:

www.wiefuerdichgemacht.com

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