Würzburg

Neue Mittel: So gehen Würzburgs Hochschulen auf Plagiatsjagd

Bachelor oder Doktortitel: Abschreiben ist übers Internet heute einfach. Aber Betrüger fliegen auch viel leichter auf. Würzburgs Hochschulen nutzen eine Spezial-Software.
"Strg + C": So schnell sind Textbausteine aus anderen Arbeiten kopiert und in die eigene eingefügt. Um dem auf die Schliche zu kommen, wird auch an Würzburgs Hochschulen eine Plagiatssoftware eingesetzt. Foto: Main-Post

Die Aufsehen erregendsten Fälle waren die der beiden Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU). Beide traten zurück, als ihr Schwindel bei der Doktorarbeit aufflog. Sie hatten passagenweise abgeschrieben, ohne auf die Originalstellen zu verweisen. Täuschung nennt man so etwas. Oder auch Diebstahl geistigen Eigentums.

Immer häufiger kommt Plagiatssoftware zum Einsatz

Wissenschaftlich zu arbeiten, heißt vor allem: exakt arbeiten, Quellen benennen, eigenständige Leistungen erbringen – und damit einen neuen Beitrag zum fachlichen Diskurs. Doch mit wachsenden Datenbanken im Internet wächst auch die Verführung: Binnen weniger Sekunden ist ein brauchbarer Textbaustein gefunden und kopiert. Umgekehrt fliegen wissenschaftliche Windbeutel heutzutage viel leichter auf. Hochschulen setzen immer häufiger Plagiatssoftware ein, um Betrügern auf die Schliche zu kommen.

Seit dem vergangenen Jahr setzt auch die Würzburger Julius-Maximilians-Universität eine spezielle Plagiatssoftware ein. Foto: Patty Varasano

Wieviele Plagiate pro Jahr in Bayern entdeckt werden, lässt sich nicht sagen – eine Statistik darüber gibt es nicht. Selbst einzelnen Universitäten fehlt der Überblick, weil schriftliche Arbeiten normalerweise in den Fakultäten geprüft und nicht zentral gemeldet werden. So auch an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität (JMU). Wird jemand bei einer Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit des Plagiats überführt, gilt die Abschlussprüfung als nicht bestanden. Eine Wiederholung, mit einem neuen Thema, ist in der Regel möglich.

Erinnerung an "Würzburger Doktorfabrik"

Nur besonders gravierende Fälle landen an der JMU in der Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens, bestehend aus fünf Professoren und Ombudsleuten. Sie wurde im Jahr 2001 eingerichtet und hat sich unter anderem intensiv mit den Fällen der "Würzburger Doktorfabrik" beschäftigt. Die Affäre um eine ganze Reihe von Plagiatsfällen am Institut für Geschichte der Medizin hatte vor neun Jahren bundesweit hohe Wellen geschlagen. Vier Doktortitel wurden im Zuge der Affäre aberkannt und die Aberkennung von den Gerichten bestätigt. Auch die Promotionsordnung für die Medizinische Fakultät wurde geändert.

Die Uni hat in den vergangenen zehn Jahren wegen Plagiats für den Entzug von acht Doktortiteln und eines Bachelors gesorgt. Die Arbeiten stammten aus der Medizin, den Rechtswissenschaften und der Philosophischen Fakultät. Wie JMU-Justiziarin Heidi Pabst erklärt, werden anonyme Anzeigen in der Regel nicht von der Kommission bearbeitet, auch werde sie nur bei ausreichendem Verdacht tätig.

Programm gleicht Arbeiten mit Datenbank ab

Es gelte jeden Einzelfall sorgfältig anzuschauen – und auch auf mögliche Motive hinter einer Meldung zu achten. Soll vielleicht nur ein unliebsamer Konkurrent ausgestochen werden? Die Kommission jedenfalls erhält auch Hinweise aus den Fakultäten selbst. Als neue Waffe gegen "Copy & Paste" wird an der Uni seit 2019 die Plagiatssoftware iThenticate eingesetzt. Das Programm überprüft  den Fließtext der Arbeit, checkt ihn gegen eine große Datenbank von Publikationen und meldet einen Prozentwert, in welchem Ausmaß es mögliche Plagiate erkannt hat.

Hat mehrere Jahre in der Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der JMU mitarbeitet: Uni-Vizepräsidentin Prof. Ulrike Holzgrabe. Foto: Bayr. Staatskanzlei

An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) funktioniert die Software "Plagscan" seit Juli 2016 ganz ähnlich. Für beide Hochschulen gilt: Hinweise der Plagiatssoftware bedeuten noch lange nicht, dass auch tatsächlich abgeschrieben wurde. In jedem Einzelfall muss ein Dozent oder Prüfer das Ergebnis analysieren und bewerten.

"Ein aufmerksamer Dozent merkt einen Stilbruch sehr schnell."
Prof. Ulrike Holzgrabe, Uni-Vizepräsidentin

So kann es sich bei der Auffälligkeit schlicht um korrekt wiedergegebene Zitate handeln. Oder um dieselbe Beschreibung eines Versuchs, an dem mehrere Studenten beteiligt waren. Wie Uni-Vizepräsidentin Ulrike Holzgrabe erläutert, kommt es auf die Qualität eines Plagiats an: Schreibt jemand für die Einleitung aus einem fremden Artikel ab, kann dies ein "minder schwerer Fall" sein, der nicht zur Aberkennung führt. Voraussetzung sei, dass die eigentliche wissenschaftliche Arbeit nicht berührt sei. Wird aber über Seiten aus einer anderen Arbeit ohne Kennzeichnung kopiert, gibt es kein Pardon.

Betrüger müssen heutzutage damit rechnen, dass sie enttarnt werden, denn die Arbeiten werden digital ins Netz gestellt. Und dort sind nicht wenige Plagiatsjäger – wie die bekannte Plattform Vroniplag – unterwegs. An der FHWS müssen die Studierenden dafür laut Vizepräsident Christian Bauer eigens eine zweite Version ohne persönliche Daten abliefern.

Teilweise fehlendes Unrechtsbewusstsein bei Studierenden

Diese Art von Sensibilisierung und Abschreckung scheint zu wirken. An der FHWS sind laut Bauer noch keine größeren Plagiatsfälle bekannt geworden. Und an der Uni muss sich die Kommission mit weniger als zehn Fällen pro Jahr beschäftigen, in durchschnittlich zwei Fällen pro Jahr kommt es zu Aberkennungen.

Einerseits "ist das Bewusstsein der Studierenden mittlerweile geschärft", sagt Uni-Vize Holzgrabe.  Andererseits fehle es der neuen Generation teilweise an Unrechtsbewusstsein: Viele müssten erst lernen, dass man fremde Textpassagen nicht einfach übernehmen darf. Wer diese Erkenntnis noch nicht aus der Schule mitbringt, findet sowohl an der Würzburger Uni wie an der FHWS zahlreiche Kurse zum korrekten wissenschaftlichen Schreiben. Im Kampf gegen Plagiate setzen beide Hochschulen zunächst auf Prävention – und erst dann auf detektivische Programme.

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