Niemand durfte Weihnachtsbäume haben

Königsberg Weihnachten 1945. Der Krieg war verloren, das Land besetzt. Die Menschen rechtlos, eingesperrt. Alles trostlos. Der Königsberger Alfred Pröschel erinnert sich an das erste Weihnachtsfest nach dem verlorenen Weltkrieg und wie es seinem Vater gelang, trotzdem einen Weihnachtsbaum für die Familie zu besorgen.
Ungefähr so hat es ausgesehen,       -  Ungefähr so hat es ausgesehen, als der im Jahre 1945 13-jährige Alfred Pröschel aus Königsberg mit seinem Vater
einen Weihnachtsbaum aus dem Wald stahl. Niemand durfte einen Weihnachtsbaum haben, doch für den Vater
von Alfred Pröschel war Weihnachten ohne einen Christbaum nicht vorstellbar.
Ungefähr so hat es ausgesehen, als der im Jahre 1945 13-jährige Alfred Pröschel aus Königsberg mit seinem Vater einen Weihnachtsbaum aus dem Wald stahl. Niemand durfte einen Weihnachtsbaum haben, doch für den Vater von Alfred Pröschel war Weihnachten ohne einen Christbaum nicht vorstellbar. Foto: FOTO MP
Nächtliche Ausgangssperre. Ab fünf Uhr abends durfte niemand mehr auf die Straße. Jeeps mit Militärpolizei fuhren durch die Straßen. Verdunkelte Fenster und Häuser so wie Weihnachten 1944. Doch diesmal war es anders. Keine Flugzeugmotorlärm am Himmel. Es war still. Kein Sirenengeheul, kein Fliegeralarm, der zum sofortigen Gang in den Erdkeller am Bleichdamm verpflichtete. Kein Zusammenraffen von wenigen liebgewordenen und wichtigen Habseligkeiten. Im Eilschritt war es Weihnachten 1944 zu den Kellern, zum schützenden Berg gegangen. In den Erdröhren ein Zusammenrücken, jeder kannte jeden. Jeder half jedem. Es war ein grauer Haufen. Einige Feldgraue und einige braune Uniformen darunter, die Befehle und Anweisungen gaben. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Jeder hoffte, der ganze Spuk geht bald vorbei. Jeder hoffte auf die schützende Erde über dem Kellergewölbe.

 

Sirenengeheul, Entwarnung. Die Bewohner atmeten auf, es ist nichts zu hören. Die Nacht der Nächte nimmt sie auf, kein feindliches Geräusch ist mehr zu hören. Frische Winterluft, jeder atmet erst einmal kräftig durch. Der erste Blick zum nächtlichen Himmel, die Milchstraße in ihrer gesamten Breite zieht sich über das Firmament und ist zum Greifen klar. Stille Nacht. Die Höhlenbewohner streben mit ihren Taschen, Koffern und Habseligkeiten durch die dunklen Straßen und Gässchen ihren Wohnungen und Häusern zu. Alles unbeschadet und erhalten. Woanders Feuer, Tod und Verderben. Heilige Nacht.

Aber diesmal Weihnachten 1945 ist es anders. Die Not ist eingezogen. Es herrschen und befehlen andere über uns. Wir sind aber anders geworden. Ängstlich, ohne Wissen der Zukunft. Ausgangssperre. Fremde Soldaten auf den Straßen. Personenkontrollen. Die einst bekannten Gesichter, grau, nachdenklich, vorsichtig im Umgang mit dem Nachbarn. Alle arbeitsfähigen Männer, egal ob Professor oder Arbeiter, ob Rentner oder der Rest der verbliebenen Jugendlichen, mussten zur Fronarbeit in die Wälder. Die Sieger brauchten Grubenholz für die französischen Bergwerke. Die Fabriken waren geschlossen, die Geschäfte hatten nur das Nötigste. Man schlug sich durch.

Auch mein Vater Andreas war einer der verpflichteten Waldarbeiter. Er hatte, wie viele andere, den Ersten Weltkrieg als Soldat mitmachen müssen, war zweimal verwundet, war zur Waldarbeit zwangsverpflichtet. Zog täglich mit dem Rest verbliebener Männern, die der Krieg verschonte, bepackt mit Äxten und Sägen, morgens noch bei Dunkelheit gegen die auf den Höhen liegenden Wäldern.

Patrouillen unterwegs

In improvisierten Rucksäcken und Taschen, in Flaschen oder Feldflaschen, die Monate zuvor von zurückweichenden deutschen Soldaten weggeworfen wurden, heißer Tee oder Suppe und ein karges Mahl, eine Portion Brot und vielleicht noch etwas Wurst oder Speck. So zogen sie in die Wälder und kamen abends bei Dunkelheit wieder zu ihren Familien zurück. Die französischen Kohlengruben waren unersättlich. Unser Wald gesund und voll. Reparationspflichtig.

In diesen Tagen durfte außer den Waldarbeitern niemand in die Wälder. Es patrouillierten Tag und Nacht mehrere Patrouillen auf den Feld- und Waldwegen, um Baum- und Holzklau zu verhindern. Diese Weihnachten durften keine Christbäume geschlagen oder angeboten werden.

Die erste Weihnachten seit Menschengedenken ohne Christbaum. Das war für meinen Vater undenkbar. Einen Tannenbaum damals öffentlich zu tragen war strafbar. Am 24. mussten die Waldarbeiter nicht in die Wälder, war arbeitsfrei. Am Nachmittag gegen vier Uhr, ich entsinne mich genau, sagte mir mein Vater: "Komm Alfred, wir gehen noch etwas spazieren."

Ich wunderte mich über dieses Vorhaben, da doch ab 17 Uhr Ausgangssperre war. Auch wunderte ich mich schon den ganzen Nachmittag über die Vorbereitungen zum Heiligen Abend, da der Christbaumschmuck aus der Kammer genommen wurde und mein Vater die Kugeln, Lametta und auch noch die letzten Kerzen von letztjähriger Weihnacht sortierte, zurecht legte, als ob ein Christbaum vorhanden sei. Es war bei uns eine Tradition: mein Vater organisierte jedes Jahr einen großen Christbaum und schmückte diesen auch am Heiligen Abend. Das war Vaters Sache.

Nun zog ich mit meinem Vater um vier Uhr davon, unwissend wohin es ging. So liefen wir am Friedhof vorbei, den Hohlweg zum Steickäckerli hinauf zur Kirschenallee. Ich mahnte meinen Vater zur Umkehr, da es mittlerweile gegen fünf Uhr ging und es auch schon langsam dunkler wurde. Mein Vater hatte aber für meine Einwände - ich war damals 13 Jahre alt - nur kurze Erklärungen, dass sich unser Spaziergang schon irgendwie lösen würde.

Mir kam dabei der Verdacht, dass er einen Plan hatte, von dem er mir aber nichts sagen wollte. So ging es weiter im Schutze des Waldwegs gegen den Schafshof, diesen im weiten Abstand umgehend und immer in Deckung und Ausschau nach den Waldpatrouillen, weiter gegen den Hochwald. Nach dem Schafhof tauchten wir in den Wald ein und kamen zu einer Lichtung mit jungen Tannenbäumen.

Mein Vater strebte einem gewissen Punk zu, bückte sich und zog einen etwa zwei Meter großen, bereits verschnürten Tannenbaum aus dem Gebüsch. Mittlerweile war es natürlich schon dunkel. Nur der Sternenhimmel mit der Milchstraße über uns. Dank der hellen Milchstraße konnten wir uns orientieren und den Rückweg finden. Für mich war das Unternehmen natürlich ein Abenteuer erster Güte.

Alles ausgespäht

Wir hatten einen Christbaum, vielleicht die einzigen in der Stadt. Für mich war in diesen Minuten mein Vater ein Held, für mich. Aber wir waren ja noch nicht zu Hause mit unserem Baum. Es war noch ein langer und auch nicht ungefährlicher Weg bis dorthin. Da die Waldpatrouillen unterwegs waren und auch die Sperrstunde bestand, war das ganze Unterfangen schon ein gewagtes Abenteuer. Aber für meinen Vater, musste ein Christbaum her. Weihnachten ohne Christbaum, ohne Tradition, ohne alte Kultur: Undenkbar. Der Christbaum war das Symbol unserer abendländischen Kultur und Abstammung.

So lösten wir uns, vorher alles ausgespäht, vom Waldrand. Vater vor-aus mit dem Stamm der Tanne, der Sohn hinten mit der Baumspitze. So ging es in der Dunkelheit gegen den Schafshof. Plötzlich sahen wir in einiger Entfernung und gegen den helleren Horizont auf dem Feldweg drei Gestalten laufen, nun volle Deckung im nassen Gras. Das war die Patrouille. Auf den Boden. Keine Bewegung. Sie haben uns nicht entdeckt. Sie verschwanden in der Dunkelheit. Wären wir etwas schneller gewesen, wäre das vielleicht anders gelaufen.

Da diese Gefahr sich aufgelöst hatte, ging es geduckt, den Tannenbaum in der Mitte, über die Wiesen, Felder und Wald weiter, immer wieder Ausschau und Horchen, auf Geräusche. Oben vorbei an Tropischhaus, Banzenwäldchen, Neue Straße, hinunter zum Bach Richtung Bleichdamm. Ein Stück durch das Bleichdammsgässchen bis zum Dünisch. Ausspähen, ob die Luft rein ist. Dann über die Haßfurter Straße huschen zum Fehr hinüber. Durch den Garten zum Holzplatz vom Sägewerk Apold. Da waren wir nun in Sicherheit. Vom Haus, wo meine Eltern und ich wohnten. Den Baum ließen wir in der Scheune liegen, um uns zu waschen und etwas auszuruhen. Der Baum sollte aber auf jeden Fall noch aufgestellt und vom Vater geschmückt werden, wenn es auch bereits gegen zehn Uhr ging, aber es war doch Heiliger Abend.

Draußen hörten wir die Jeeps der Militärpolizei vorbeifahren. Wir wähnten uns nun in Sicherheit mit dem Glücksgefühl, vielleicht als einziger in der Stadt einen Tannenbaum zu haben. Nun hielt der Tannenbaum Einzug in die Wohnung, wurde ausgepackt, begutachtet, Zufriedenheit auf allen Gesichtern. Nun konnte Weihnachten beginnen.

Traditionsgemäß schmückte mein Vater den Tannenbaum. Dieser wurde von Minute zu Minute immer mehr zu einem Christbaum mit Lametta, Kugeln und einigen richtigen Wachskerzen, die nun für ein paar Minuten zur Begrüßung des Christbaums brennen durften. Da zu dieser Zeit die Christbäume immer bis in den Februar hinein in den Wohnungen stehen blieben, war der Christbaum mit seiner Ausstrahlung eigentlich ein Familienmitglied, ein Symbol der Hoffnung in einer Zeit des Zusammenbruchs und der Not.

Das ist die Geschichte eines auserwählten Tannenbaums, der in einer Zeit der bittersten Not, Schutt und Asche in ganz Europa und der Sorge um das tägliche Brot zu einem Christbaum werden durfte.

Der Autor Alfred Pröschel hat bis
1952 in Königsberg gewohnt. Er ist
weggezogen und lebt heute
74-jährig in Waldshut-Tiengen.

Rückblick

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Kriegsende in Mainfranken
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!