Würzburg

Novemberrevolution: Als die Welt in Würzburg aus den Fugen geriet

Am 9. April 1919 ziehen die Kämpfer gegen die Würzburger Räterepublik siegestrunken durch die Stadt. Foto: Stadtarchiv

Die November-Revolution war friedlich, die Monarchen rasch vertrieben. Aber zu viele gewaltbereite Männer bestimmten die Politik. Vor hundert Jahren ermordeten sie in Berlin Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und in München den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Auch in Würzburg bahnten sich Mord- und Totschlag an. Mittendrin: der Revolutionär Georg Friedrich Hornung, der nicht aufgab, bis die Nazis ihn umbrachten.

Am 12. Dezember 1918, einem Donnerstag, riegeln am Vormittag, kurz nach 10 Uhr, 35 Soldaten des 9. Infanterieregiments die Ausgänge des Rathauses ab. Sechs besetzen die Polizeiwache, weitere beherrschen, bewaffnet mit Maschinengewehren, die Hauptstraßen. Den Neunern, daheim in der Zellerau, gerade zurückgekehrt von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, passt nicht, wer jetzt im Rathaus Ratschlag hält.

Dort, im heutigen Wappensaal, tagt der Soldatenrat unter Hornungs Vorsitz: 76 Kriegsheimkehrer, traumatisierte, gewaltgewohnte Männer, kampfbereit und friedenssehnsüchtig, einig im Hoffen auf ein besseres Leben, uneins in der Frage, wie es aussehen soll und was dafür zu tun sei.

"Soviel Altes und Bewährtes ist in einem Jahrtausend nicht zusammengestürzt, als in den letzten acht Tagen"
Fränkisches Volksblatt am 15. November 1918

Die Welt ist aus den Fugen geraten. "Soviel Altes und Bewährtes ist in einem Jahrtausend nicht zusammengestürzt, als in den letzten acht Tagen", hat das Fränkische Volksblatt am 15. November 1918 resümiert und mit einem Ausrufezeichen gefragt: "Wer hätte geglaubt, dass das über 1000 Jahre in Bayern ansässige und über 700 Jahre in Bayern herrschende Geschlecht der Wittelsbacher ‚abgesetzt‘ werden könnte!"

Noch ist nicht entschieden, was werden soll. Reaktionäre und die Konservativen wollen zur Monarchie zurück. Die SPD will eine parlamentarische Demokratie mit einem reformierten Kapitalismus, die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) und die KPD, die bald aus ihr erwachsen wird, ein sozialistisches Rätesystem.

Georg Friedrich Hornung als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Foto: Stadtarchiv

Hornung ist Sozialist und Mitglied der USPD. Der gebürtige Würzburger, Jahrgang 1891, ein gelernter Mechaniker, war Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Als Vorsitzender des Soldatenrates organisiert er, was vor allem die Würzburgerinnen am meisten fürchten: die Rückkehr Tausender Soldaten. Der Soldatenrat sorgt für Quartiere und Lebensmittel und sorgt für Sicherheit und Ordnung.

Würzburg und die Folgen des Ersten Weltkriegs

Die Stadt ist im Krieg äußerlich unbeschadet geblieben, aber die Würzburgerinnen und Würzburger sind in einer desolaten Verfassung. Nach vier Jahren Krieg und Angst um Gatten, Väter, Brüder und Söhne wissen die Leute nicht, wie es weitergeht. Die Lebensmittel sind knapp, eine Grippe-Epidemie kostet Hunderte das Leben.

Die Kriegsheimkehrer, viele versehrt an Leib und Seele, setzen auf Gewalt, sie kennen es nicht mehr anders. Die waffenstarrenden Neuner im Rathaus erzwingen mit Gewalt, was in Gesprächen zu lösen gewesen wäre: den Ausschluss dreier missliebiger Mitglieder des Soldatenrates.

Überall herrscht Gewalt. In Berlin lässt der Chef der Übergangsregierung, der Sozialdemokrat und spätere Reichspräsident Friedrich Ebert, an Weihnachten 1918 meuternde Soldaten erschießen, und am 10. Januar 1919 über Hundert KPD- und USPD-Leute, die mit der Besetzung von Zeitungshäusern die sozialistische Revolution weitertreiben wollen. Am 15. Januar ermorden Freikorps-Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, laut Waldemar Pabst, dem Anführer der Mörder, mit Wissen Eberts und seinem Parteifreund, dem Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske.

Umstrittene Arbeit der Historikerin Bettina Köttnitz-Porsch

Im Gegensatz zu Ebert, dem auch Würzburg eine Straße und die SPD eine Stiftung gewidmet hat, sind Männer wie Hornung verfemt und vergessen. Anteil daran hat auch die Historikerin Bettina Köttnitz-Porsch, die 1938 die Arbeit "Novemberrevolution und Räteherrschaft 1918/19 in Würzburg" vorlegte, für die sie 1985 den Doktortitel bekam. Darin hat sie sich den Würzburger Revolutionären mit sichtlicher Abscheu gewidmet, gewürzt mit falschen Informationen. So schildert sie Hornung als "hyperrevolutionären Geist", "fanatischen Kommunisten" und bescheinigt ihm "diktatorische Allüren". Allerdings vertauscht sie auch die Reihenfolge seiner Vornamen und berichtet fälschlicherweise, er sei Friseur gewesen. Die Arbeit ist unter Historikern umstritten. Axel Metz, der Leiter des Stadtarchivs, nennt sie problematisch. Zahlreiche Angaben Köttnitz-Porschs seien wegen fehlender Unterlagen nicht nachprüfbar.

Hornungs USPD geht am 12. Januar 1919 bei den Wahlen zur bayerischen Nationalversammlung sang- und klanglos unter, in Würzburg kommt sie auf nur 0,49 Prozent. Ein Rechtsradikaler ermordet den Ministerpräsidenten Eisner, die Linken radikalisieren sich, unter ihnen Hornung. Er gehört zu denen, die am 7. April 1919 die Würzburger Räterepublik ausrufen, die nach zwei Tagen und zwei Dutzend Toten schon wieder Geschichte ist.

Ungeklärte Umstände von Georg Friedrich Hornung

Der Lokalhistoriker Leo H. Hahn hat Hornungs Geschichte aufgeschrieben. Er berichtet, dass der Revolutionär nach München entkommt, wo noch eine Räteregierung amtiert, und Kommandeur der technischen Truppen wird. Nach ihrer Niederschlagung im Mai 1919 flüchtet er nach Berlin, da wird er im Oktober 1919 festgenommen. Ein Würzburger Gericht verurteilt ihn zu zehn Jahren Festungshaft, wegen Hochverrats. Nach vier Jahren kommt er auf Bewährung frei. Erst tritt er in die SPD ein, 1926 in die KPD.

1932 verhindert Hornung in der Ludwigshalle, wo heute das Stadttheater steht, eine Rede Hitlers: Er kappt die Stromkabel für Mikrofon und Lautsprecher. 1933 geht er in den Untergrund. 1936 schließt er sich dem Bataillon Thälmann der Internationalen Brigaden an, das in Spanien den Faschisten Franco bekämpft. Er gerät in Kriegsgefangenschaft und wird nach Frankreich abgeschoben. Dort lehnt er ab, in die Fremdenlegion zu gehen, und die Franzosen liefern ihn an die Nazis aus.

Einer Mitteilung des Gefängnisses Berlin-Moabit zufolge ist Hornung am 19. Mai 1942 um 15 Uhr gestorben, laut Hahn unter ungeklärten Umständen. Eine Nachfahrin Hornungs, Carola Kehrle, teilte unserer Redaktion allerdings mit, die Familie habe Nachricht bekommen, dass Hornung zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

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