WÜRZBURG

Nur solide Ausbildung integriert Flüchtlinge

Nur solide Ausbildung integriert Flüchtlinge
Auf dem Weg zum Beruf lernen die Berufsschüler verschiedene Sparten in der Praxis kennen, hier in der Metallwerkstatt der Handwerkskammer. Foto: DANIEL PETER

Wenn arbeitswillige Flüchtlinge in der Stadt ankommen, dann wollten sie fast immer schnell eine Arbeit, um Geld zu verdienen, mit dem sie Schlepper bezahlen und ihre Familie im Heimatland versorgen können, wissen die Arbeitsvermittler. Doch die Erfüllung dieser Wünsche braucht Zeit.

Zum Thema „Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt“ lud das Sozialreferat der Stadt gemeinsam mit dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit zur Handwerkskammer Service GmbH ein, einer Tochterfirma der Handwerkskammer für Unterfranken (HWK) in der Zellerau.

Es war eine Veranstaltung des Aufatmens, der Freude über das Geleistete. Denn das Miteinander der zuständigen Einrichtungen und ihrer Kooperationspartner zu Gunsten von Geflüchteten laufe in Würzburg im Vergleich zu anderen Orten sehr gut, sagt der städtische Sozialmanager Siegfried Scheidereiter. Für die Flüchtlinge bedeutet es allerdings eine riesen Umstellung. Einfach nach Deutschland kommen und hier gleich eine Arbeit mit gutem Verdienst erhalten, das ist so gut wie nie möglich.

Kaum einer der Ankömmlinge hat je von einem dualen Schulsystem erfahren. Kaum einer kann sich vorstellen, dass eine Ausbildung leicht dreieinhalb Jahre dauern kann und zuvor auch noch die deutsche Sprache gepaukt werden muss. Für Flüchtlinge eine Durststrecke. Aber nur mit guten deutschen Sprachkenntnissen, so der Leiter der Agentur für Arbeit in Würzburg Eugen Hain, bestehe eine Chance auf eine gute Ausbildung, die die Betreffenden dauerhaft im Arbeitsmarkt halten kann.

Ein Beispiel: Wer als Schreiner aus Afghanistan kommt, der mag ein Jahr bei seinem Vater im Betrieb gelernt haben, doch das reicht nicht, um als Schreiner auf dem Deutschen Arbeitsmarkt anerkannt zu sein. Und wer gar nicht erst eine Anleitung auf Deutsch lesen kann, der habe kaum eine Chance. Arbeitsagentur-Chef-Hain: „Schnellschüsse nützen nicht!“

Die gute Nachricht: Es handele sich meist um junge Leute, die sehr motiviert seien und auch gut im Arbeitsmarkt untergekommen, viele als Auszubildende, auch, weil aufgrund der guten Konjunktur viele Betriebe auf der Suche seien, so Hain.

„Schnellschüsse nützen nicht.“
Eugen Hein, Leiter der Arbeitsagentur Würzburg

Hein berichtet von einem Arbeitgeber, der seit einem Jahr einen Azubi aus Kabul hat und einen Mitarbeiter, „der vor drei bis vier Jahren als Analphabet kam“. Hier werde „nachjustiert“. Die zuständigen Behörden und Einrichtungen sind mittlerweile als Netz verbunden, begleiten die Flüchtlinge und können vielfach auch individuell helfen.

Rund 1000 Flüchtlinge leben aktuell in Würzburg, davon 652 Erwachsene, und hiervon wiederum zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. 200 sind Schulkinder und 49 Kindergartenkinder, die alle betreut werden, weitere 49 jüngere, die bei ihren Eltern sind. Die Zahl der Weiteren wird geschätzt (50). Sie sind als Flüchtlinge bereits anerkannt und suchten in Eigeninitiative Arbeit.

Die Zahlen sahen im Jahr 2016 noch ganz anders aus. Zu Beginn des vergangenen Jahres hielten sich 2300 Geflüchtete in der Stadt auf, heißt es aus dem Sozialreferat. Notunterkünfte wurden betrieben. „Viele Flüchtlinge bleiben nur wenige Wochen, dann wurden sie weiterverteilt – teils bundesweit“, so die städtische Sozialreferentin Hülya Düber. Die Stadt biete als freiwillige Leistung 180 000 Euro/Jahr und so im Schnitt 180 Euro/Jahr pro Flüchtling als direkte Hilfe zur Integration, wenn irgendwo Bundesmittel nicht ausreichten oder spezielle Hilfen nötig seien.

Hain beruhigte eventuelle Kritiker: Die „zusätzlichen Bemühungen“ hätten „nie dazu geführt, dass anderen etwas weggenommen würde.“

Eine hervorragende Verbindung bestehe auch zur Franz-Oberthür-Schule, in der Berufsschulklassen für Geflüchtete bestehen. Praktika können die Berufsschulpflichtigen dort und auch in einer Werkstatt der HWK absolvieren.

Hülya Düber sprach von bisher 26 Ausbildungsverträgen für Geflüchtete in der Stadt. Und weiterhin: sieben Berufsintegrationsklassen an der Franz-Oberthür-Schule in insgesamt drei Schuljahren – das entspricht 170 Berufsschülern bisher. Und voller Stolz von 80 Hochschulanwärtern.

Dass es im Jobcenter zum Teil unangenehme Vorfälle gegeben habe, etwa der Hinweis eines Beraters: „Sie lügen mich doch an!“ oder „Du schaffst das ja doch nicht!“, streitet Düber nicht ab. Es habe daraufhin „ein langes Gespräch mit dem Flüchtlingsrat, der Bundesagentur und den Verantwortlichen des Jobcenters“ gegeben. Düber: „Wir werden eine Ombudsstelle einrichten.“

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