Würzburg

ÖPNV: Fehlen auch in Würzburg die Busfahrer?

Die Stärkung des Nahverkehrs ist ein Anliegen vieler Parteien in Würzburg. Doch Busfahrer zu finden wird für die Verkehrsunternehmen zunehmend schwieriger. Aber warum?
Wer lenkt zukünftig die Busse über die Löwenbrücke? 160 Busfahrerinnen und Busfahrer sind auf den verschiedenen Linien in der Innenstadt unterwegs. Doch die Branche sucht verzweifelt Busfahrer.  Foto: Daniel Peter

Sie sind die Chefs von 320 Pferdestärken, die täglich tausende Fahrgäste in Würzburg von A nach B bringen: die 160 Busfahrerinnen und Busfahrer der NVG Omnibus-Betriebsgesellschaft, einer Tochter der Würzburger Straßenbahn GmbH (WSG). Es ist ein Job mit viel Verantwortung, schließlich finden bis zu 150 Fahrgäste Platz in einem der Gelenkbusse. Und Jung und Alt möchten sicher zum Ziel kommen. Doch es ist auch ein Job, den immer weniger Menschen machen wollen. Der Fachkräftemangel schlägt sich nicht nur in Bäckereien, in der Gastronomie oder in der Pflege nieder, Verkehrsunternehmen haben deutschlandweit ebenfalls große Probleme, Mitarbeiter zu bekommen.

Wie schlimm ist die Situation?

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer spricht von einem "Kampf" gegen den Nachwuchsmangel in der Branche. Und das werde die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Personenverkehrs und damit auch das Erreichen von Klima- und Umweltschutzzielen bedrohen, befürchtet der Verband.

Wie und wo zeigt sich das?

Spürbar war das zum Beispiel im vergangenen Oktober in Nürnberg: Weil die Fahrer fehlten, fielen dort zwei Wochen lang Busse aus. Allein an einem Montag waren es 44 Busfahrten auf vier Linien, wie die Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG) der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Kann das auch in Würzburg passieren?

"Die Situation ist im Moment nicht so schlecht", gibt Sabine Warmke-Wagner Etnwarnung. Sie ist Geschäftsführerin der NVG in Würzburg. "Im Moment können wir alles abdecken", sagt auch Betriebsleiter Steffen Nenner. Dass potenzielle Busfahrer Schlange stehen würden, ist aber nicht so. Warmke-Wagner erinnert sich noch an Zeiten, in denen das anders war. "Damals kamen junge Menschen noch mit der Schultasche in der Hand zu uns und fragten, wie sie Busfahrer werden können", sagt sie. Heute ist das zu einer mühsamen Suche geworden. "Mit maximaler Anstrengung", so die Geschäftsführerin.

Was heißt "maximale Anstrengung"?

Die Zeiten, in denen Stellenanzeigen in der Zeitung ausreichten, sind laut Aussagen der NVG-Experten vorbei. In der jüngsten Vergangenheit wurden diese zwar auch geschaltet, doch zusätzlich buhlte das Omnibusunternehmen auch in den sozialen Medien um Mitarbeiter. Ob das etwas gebracht hat, könne man jedoch nicht nachweisen. Bei der Heckflächenwerbung – also großen Anzeigen auf den Bussen selbst – sei das jedoch anders gewesen. Darüber habe die NVG tatsächlich Leute bekommen können.

Die NVG sucht Busfahrer für den Stadtverkehr. Betriebsleiter Steffen Nenner und Geschäftsführerin Sabine Warmke-Wagner sind davon überzeugt, dass sie das schaffen – mit "maximalen Anstrengungen". Foto: Thomas Obermeier

Welche Gründe gibt es für den Mangel?

Zum einen reißen sich viele Branchen mittlerweile um Mitarbeiter und speziell um Berufskraftfahrer. Zum anderen gibt es seit dem Wegfall der Wehrpflicht immer weniger Menschen, die einen Lkw-Führerschein vorweisen können, den sie in der Bundeswehr-Ausbildung gemacht haben, so die NVG-Experten. Den Busführerschein danach anzuknüpfen, sei noch bezahlbar. Wer jedoch keinen Lkw-Führerschein hat, muss mit bis zu 10 000 Euro Kosten rechnen, um Bus fahren zu dürfen. Bezahlt werden muss das aus eigener Tasche. Vor einer Reform im Jahre 1999 habe das nur rund 2500 Euro gekostet. "Seitdem ist ein schleichender Prozess zu beobachten, das ist kritisch", sagt Nenner. Denn diejenigen, die damals noch den günstigen Führerschein gemacht haben, gehen in Rente oder versterben. Und neue kommen wegen der hohen Kosten nicht nach.

Könnten Geflüchtete in dem Beruf Fuß fassen?

Geflüchtete stehen wie viele andere vor der Frage, wie sie den Führerschein bezahlen sollen. "Dort klafft eine Lücke im System, dass die Leute vorsprechen, aber nicht wissen, wie sie an den Führerschein kommen", merkt Sabine Warmke-Wagner an. Führerscheine – beispielsweise aus Syrien – verfallen und sind hier dann nicht mehr gültig. "Und dann stehen sie mit Null da", sagt sie.

Kann das Busunternehmen nicht einfach den Führerschein bezahlen?

Das wäre laut Betriebsleiter Steffen Nenner ein hohes Risiko für das Unternehmen. Denn da die Ausbildung nur zwei Monate dauert, sei es arbeitsrechtlich nicht möglich, den Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. Sollte er direkt nach Erwerb des Führerscheins wieder kündigen, bliebe die NVG auf den Kosten sitzen. "Es ist unmöglich für einen Betrieb in dieser Größe, 10 000 Euro dafür in die Hand zu nehmen und selbst auszubilden", sagt Warmke-Wagner.

Wie viel verdient ein Busfahrer im Stadtgebiet Würzburg?

Der Betrieb setzt darauf, mit übertariflichem Lohn und flexiblen Dienstplänen bei potenziellen Mitarbeitern zu punkten. Rund 3300 bis 3400 Euro brutto kann ein Busfahrer, der im Würzburger Stadtgebiet fährt, laut Nenner verdienen. "Für einen Beruf ohne eine dreijährige berufliche Lehrausbildung ist das eine relativ ordentliche Bezahlung", findet er.

Reichen 160 Busfahrer zukünftig aus?

Bei dieser Anzahl wird es in Zukunft vermutlich nicht bleiben, wenn die Stadtpolitik den ÖPNV stärken möchte. "Da stellt sich das massive Problem, mehr Leute zu bekommen. Und zwar deutlich mehr", sagt Sabine Warmke-Wagner. Ihr Kollege Nenner ist aber davon überzeugt, das auch zu schaffen. "In kurzer Zeit ist das aber nicht möglich", sagt er.

Über das Unternehmen
Rund 80 Busse kommen täglich zum Einsatz. Sie transportieren laut NVG-Angaben jährlich 16 Millionen Fahrgäste auf rund 440 Liniennetz-Kilometern. Insgesamt fahren die Busse 3,9 Millionen Kilometer pro Jahr – also circa 100 mal um die Erde, so das Unternehmen. Anfang der neunziger Jahre beteiligte sich die Würzburger Straßenbahn GmbH an dem in den achtziger Jahren gegründeten Unternehmen. Auf einem Areal von 23 000 Quadratmetern entstand im Jahre 1991 der Neubau des Betriebshofs im Gewerbegebiet Würzburg-Heuchelhof. 2001 und 2006 wurde er erweitert.

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