Sommerhausen

Ökosystem in Gefahr: Zigeunersee sitzt auf dem Trockenen

Der See am Zigeunerholz im Zeubelrieder Moor ist zu einem Drittel ausgetrocknet. Der Anglerverein Sommerhausen (im Bild: Vorsitzender Maximilian Spuck) sorgt sich um das Ökosystem des Sees.   Foto: Catharina Hettiger

Er dient als Naherholungsgebiet und ist beliebt bei Spaziergängern und Wanderern: der See am Zigeunerholz im oberen Ochsental zwischen Ochsenfurt und Sommerhausen, auch bekannt als Zigeuner- oder Ochsensee. Seit einiger Zeit bietet das Gewässer einen eher traurigen Anblick: An einem  Ende ist es ausgetrocknet, der Wasserstand insgesamt auffallend niedrig.

„Es fehlt fast die Hälfte der sonst üblichen Wassermasse“, sagt Maximilian Spuck. Spuck ist Vorsitzender des Anglervereins Sommerhausen, der den See seit zwölf Jahren als Vereinsgewässer gepachtet hat. Der Zustand des Sees beunruhigt die Angler, so dass sie die Gemeinde Sommerhausen zum Handeln aufrufen möchten. „2018 dachten wir noch, es handle sich um einen Ausnahmesommer – aber jetzt müssen wir reagieren“, so Spuck. Zusammen mit Sommerhausens Bürgermeister Fritz Steinmann und einem Gemeinderatsmitglied umrundeten Spuck und zwei Vereinskollegen den See. Dabei ging es darum, sich vor Ort ein Bild zu machen, denn der See ist längst nicht nur für die Bevölkerung von Bedeutung.

„Wir haben hier ein wunderschönes Ökosystem - doch das Wohl der Tiere ist in Gefahr.“
Maximilian Spuck, Vorsitzender Anglerverein Sommerhausen

Verschiedenste Tierarten haben in und um den See ihren Lebensraum gefunden. „Wir haben hier ein wunderschönes Ökosystem“, schwärmt Spuck, „doch das Wohl der Tiere ist in Gefahr.“ Neben Eisvogel und Teichmuschel, die beide unter Naturschutz stehen, sind am See Krebse und Enten zuhause, im Sommer Eidechsen und Schlangen sowie im Frühjahr Kröten und Frösche, die zur Paarungszeit an das Gewässer kommen. Rund um den See leben Mäuse und Wiesel; auch Wildschweine werden immer wieder gesichtet.

Besonders brenzlig ist die Lage für die Fische im See: Rund drei Tonnen setzen die Mitglieder des Anglervereins einmal im Jahr ein, „nur Arten, die mit hohen Temperaturen klarkommen“, betont Spuck. Dazu zählen Karpfen und karpfenartige Fische wie Schleie, Rotauge und Weißfischarten, sowie Barsch, Hecht und Zander. „Im Sommer hat sich die Oberflächentemperatur des Sees auf bis zu 27 Grad aufgeheizt – normal waren bisher 20 Grad“, sagt Spuck. Zum Teil sei kaum mehr Sauerstoff im Wasser gewesen. Durch die Trockenheit der vergangenen Jahre sei etwa ein Drittel des Sees für die Karpfen, die eine gewisse Wassertiefe zum Überleben brauchen, nicht mehr nutzbar, erklärt Spuck.

Trockenheit betrifft auch Rappertsmühlbach und Roßkopfquelle

„Der See ist an seiner tiefsten Stelle normalerweise 1,30 Meter tief; jetzt fehlen 65 Zentimeter“, sagt Spuck. Im Vergleich: 2018 sei der Wasserspiegel nur um knapp 50 Zentimeter abgesunken, so der Vorsitzende. Rund um den Jahreswechsel habe sich der See durch genügend Regenfälle wieder erholt; doch seit Ende August dieses Jahres sei die Lage so gravierend, dass er kaum noch Wasser führt. „Falls der Wasserspiegel um weitere zehn Zentimeter fällt, müsste man die Fische entnehmen und den See für die Angler sperren“, erklärt Spuck.

Die Trockenheit beschränkt sich nicht nur auf den See – auch die Quellen, aus denen er sich speist, sind ausgetrocknet bzw. zeit- und teilweise komplett versiegt. Der Rappertsmühlbach sowie die Rosskopfquelle führen seit einiger Zeit kaum Wasser, so dass auch im See kein Wasser ankommt.

Ein Teil des Sees am Zigeunerholz ist komplett ausgetrocknet; auf dem Seegrund liegt totes Holz. Foto: Catharina Hettiger

Dies betrifft auch den Rinderhalter, der seine Tiere im Ochsengrund entlang des Bachbetts weiden lässt. "Das Wasser für die Rinder kommt nun aus dem Notbrunnen Sommerhausens", weiß Steinmann. Er erinnert sich an Zeiten, in denen der Rappertsmühlbach sehr viel Wasser geführt hat, "Anfang der 80er Jahre einmal so viel, dass das Wasser noch über die B 13 geschwappt ist", so der Bürgermeister.

Auch der Biber, der sich oberhalb des Sees im Zeubelrieder Moor angesiedelt hat, könnte künftig von der Trockenheit betroffen sein. "Wenn sein Gebiet trocken laufen sollte, hätte er ein Problem", ist Volker Ohnemus überzeugt. Der Kleinochsenfurter ist regelmäßig im Zeubelrieder Moor unterwegs und hat das Treiben des Tieres schon lange im Blick. "Ausweichquartiere wären die im Moor höher gelegenen Seen oder der Main", so Ohnemus.

"Aufgrund der ausgeprägten Trockenperiode sind die Abflüsse in den Gewässern in unserem Amtsbezirk auf niedrigem bis sehr niedrigem Niveau", erklärt Christoph Kormann, Abteilungsleiter für den Bereich Stadt und Landkreis Würzburg beim Wasserwirtschaftsamt. Entscheidend dafür seien die vergleichsweise geringen Niederschläge der letzten Jahre. Da die Bildung von neuem Grundwasser deshalb häufig unter dem langjährigen Mittelwert geblieben ist, sind die Grundwasserstände niedrig bis sehr niedrig. Die Folge: Nur wenig Grundwasser fließt in die Gewässer. Weil zudem insbesondere die vergangenen Monate im langjährigen Vergleich zu trocken waren, fehle auch der Niederschlag, der ansonsten den Abfluss in den Gewässern wesentlich stütze, so Kormann weiter.

„Unser Ziel muss sein, den See als Ökosystem und Naherholungsgebiet zu erhalten.“
Fritz Steinmann, Bürgermeister Sommerhausen
Sie begutachteten den Zustand des Sees (v. links): Günther Oehler (Anglerverein Sommerhausen), Günter Hassold (Gemeinder... Foto: Catharina Hettiger

Nach dem Rundgang um den See steht für Bürgermeister Fritz Steinmann fest: „Unser Ziel muss sein, den See als Ökosystem und Naherholungsgebiet zu erhalten.“ Als nächste Schritte wolle man sich mit den zuständigen Behörden zusammensetzen, um das weitere Vorgehen besprechen.

Von Seiten des Wasserwirtschaftsamts findet keine regelmäßige Überwachung des Sees und des Rappertsmühlbachs statt, erklärt Abteilungsleiter Kormann. Denn: Es handelt es sich nicht um Gewässer, bei denen die Wasserrahmenrichtlinien relevant sind. Eines steht jedoch fest: Bei zeitweiliger Austrocknung würden die im Gewässerboden lebenden Organismen geschädigt, so Kormann. 

Um die Tierwelt im See zu schützen, gibt es bereits einige Ideen: „Zum einen geht es darum, den See zu vertiefen, da die Tiere mit mehr Tiefenfläche die Trockenheit und Hitze besser meistern können“, erklärt Spuck. Seit das Gewässer 1970 angelegt wurde, ist es nicht mehr ausgebaggert worden. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass über die Zeit Sedimente in den See gelangen und sich dort absetzen.“ Eine lose Schlammschicht von 20 Zentimetern könnte laut Spuck entfernt werden – zur Wahl stehen zwei verschiedene Methoden: "Entweder lässt man das Wasser aus dem See komplett ab, entnimmt die Fische und trägt dann die Schlammschicht ab - oder ein Schwimmbagger kommt zum Einsatz." Dieser saugt den losen Lehmboden ab; Wasser und Tiere können in diesem Fall im See bleiben. Letzteres sie die schonendste und auch günstigere Variante, so Spuck.

Für die Fische im See am Zigeunerholz wird es eng: Die Hälfte der sonst üblichen Wassermasse fehlt. Foto: Catharina Hettiger

Ein weiterer Ansatzpunkt wäre die Installation eines Sand- und Schlammfangs im Rappertsmühlbach am oberen Ende des Sees, wodurch verhindert würde, dass größere Mengen an Sediment in den See gelangen. Die angedachten Maßnahmen müssten so früh wie möglich umgesetzt werden, darin waren sich die Teilnehmer am Rundgang um den See einig.

Eine wichtige Komponente bleibt jedoch unberechenbar: das Klima. "Es muss davon ausgegangen werden, dass im Zuge des Klimawandels Extremwetterereignisse zunehmen werden", so Kormann vom Wasserwirtschaftsamt. Dies beträfe auch Dürrephasen; zudem würden weitere niederschlagsarme Sommer wie 2015, 2018 und 2019 auftreten. "Folglich werden auch die Gewässer in Mitteleuropa und vielen anderen Teilen der Welt häufiger austrocknen, als dies bisher der Fall war", so das Fazit Kormanns.

Für die Angler aus Sommerhausen steht bei allen Widrigkeiten eines fest: "Der See soll unser Vereinsgewässer bleiben."

See am Zigeunerholz und Rappertsmühlbach
Der See am Zigeunerholz wurde 1970 im Rahmen der Flurbereinigung der Gemeinden Erlach, Kleinochsenfurt und Sommerhausen im oberen Ochsental angelegt und speist sich aus dem Zeubelrieder Moor, verschiedenen kleinen Quellen und dem Rappertsmühlbach, der auch den Abfluß des Sees bildet.
Der Rappertsmühlbach ist ein rechter Zufluss des Mains. Er verläuft durch das Zeubelrieder Moor und entlang des Ochsentals, fließt durch den See am Zigeunerholz und mündet in Kleinochsenfurt in den Main. Der Name läßt darauf schließen, dass der Bach einst Energie für die historische Rappertsmühle im Heringsgrund lieferte.

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