LEINACH

Ötzis Zeitgenossen aus Leinach

Spektakuläre Funde: Beim Bau der neuen Trasse zur Fernwasserversorgung bei Leinach wurden Skelette gefunden. Die über 4000 Jahre alten Überreste bestätigen die alte Theorie einer Siedlung dort.
Grabungsarbeiten an der etwa zwölf Meter breiten neuen Trasse der Fernwasserleitung.

An Karies oder gar Zahnausfall litt der auf eine Größe von 1,73 Meter geschätzte Mann nicht, dessen Skelett bei Grabungen im Verlauf der neuen Trasse zur Fernwasserversorgung bei Leinach zutage gefördert wurde. Ein zweites Skelett eines etwa zehnjährigen Jungen unweit des Erwachsenen lässt den Schluss zu, dass das Leinachtal längst vor seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 776 besiedelt war. Aufgrund der besonderen Positionierung beider Skelette in der so genannten Hockerbestattung in Erdgruben geht Grabungsleiter Ulrich Müller vom Archäologischen Büro Heyse von Funden aus der ausgehenden Jungsteinzeit aus. Anthropologische Untersuchungen sollen nach der Bergung der Funde genauen Aufschluss geben über das Alter der Skelette.

Mit dem Fund der ungewöhnlich gut erhaltenen Skelette bestätigte sich die Kartierung des betreffenden Bereiches als Bodendenkmal. Auf Grund dessen waren Archäologen beim Bau der neuen Leitungstrasse der Fernwasserversorgung in die Baumaßnahme involviert und vor Ort.

Bestätigung einer Siedlung

Aufmerksam geworden durch verschiedene Feld-Lesefunde und Anzeichen auf den betreffenden Ackerflächen war Dr. Ralf Obst vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege schon vor zwei Jahrzehnten. Er war von einer Besiedelung des betreffenden Bereiches ausgegangen. Daraufhin hatte Obst seine Magisterarbeit der dortigen frühzeitlichen Besiedelung gewidmet.

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4000 Jahre alt: Skelette ausgegraben

Inzwischen fungiert Obst beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als Ehrenamtsbeauftragter in der Bodendenkmalpflege für Nordbayern, Franken und die Oberpfalz. In dieser Funktion betreut er ehrenamtlich Tätige vor Ort wie Leinachs Agenda-Arbeitskreis „Kultur“. Zwar Stolz angesichts der Bestätigung seiner Theorie einer „Dr.-Obst-Siedlung“, ließ er beim offiziellen Begehungstermin den Mitgliedern der Grabungsgruppe und des Arbeitskreises jedoch galant den Vortritt.

Geschichte muss neu geschrieben werden

Auf Grund der faszinierenden Funde geht Walter Klüpfel vom örtlichen Agenda Arbeitskreis „Kultur“ davon aus, dass die Geschichte des 776 erstmals urkundlich erwähnten Ortes neu geschrieben werden muss. Denn unweit des männlichen Skelettfunds wurden neben weiteren knöchernen Überresten eines etwa zehnjährigen Jungen auch fast 40 Pfostengruben, Schlitzgruben, Kegelstumpfgruben, sowie Keramik-Gegenstände entdeckt. Diese lassen auf eine weitaus frühere Besiedelung des Leinachtals schließen.

„Kegelstumpfgruben im Erdreich wurden zur damaligen Zeit zur Lagerung von Getreide und Lebensmittel genutzt. Hingegen wurden über Schlitzgruben Webstühle positioniert. Der Webfaden konnte durch die Feuchtigkeit in den Gruben nicht austrocknen und folglich bei der Verarbeitung nicht reißen“, erklärte Grabungsleiter Ulrich Müller. In verschiedenen Pfostengruben waren von den Archäologen noch Spuren ehemaliger Behausungen zu erkennen. Eine genauere Rekonstruierung ist jedoch selbst für die Experten nicht möglich. Farbliche Veränderungen im gewachsenen Erdreich sind aber nach Müllers Erfahrungen grundsätzlich unzweifelhafte Anzeichen auf Gruben oder Bestattungsorte.

Aufgrund der Positionierung der Skelette in der so genannten Hockerbestattung geht Grabungsleiter Ulrich Müller davon aus, dass sie aus der ausgehenden Jungsteinzeit herrühren. Diese bestimmte Art der Bestattung von Verstorbenen wurde ab der frühen Jungsteinzeit, also von 5600 bis 2200 vor Christus bis in die Frühe Bronzezeit gewählt.

Feuerstein bei Überresten gefunden

Die Bestattung erfolgte stets in gleicher Anordnung. In Seitenlage des Körpers befindet sich der Kopf stets exakt im Westen, die Beine im Osten. Bei Männern war dabei der Blick nach Norden, bei Frauen nach Süden gerichtet. Die Funde beim Bau der Fernwassertrasse weckten bei Grabungsleiter Ulrich Müller Erinnerungen an ein Gräberfeld der frühkeramischen Kultur, das er einst bei Dettelbach frei legte. Denn auch bei Leinach wurden Keramikreste und Grabbeigaben gesichert. So lagen bei dem Erwachsenen-Skelett neben einem Reibstein auch ein Feuerstein, der gleichzeitig als Klinge zu verwenden war. Der Schnittversuch an einer Visitenkarte bestätigte Müllers Schilderung.

Der Grabungsleiter geht bei der Fundstelle der Skelette jedoch von einer nachfolgenden Siedlung auf einer Geländekuppe aus. „Durch die Trasse der Fernwasserleitung liegt nach dem Oberbodenabtrag zwar nur ein Bereich von etwa zwölf Metern Breite offen. Den Ausmaßen nach aber könnten hier bis zu 300 Menschen gelebt haben“, so Müllers Vermutung. Nach Einschätzung des Archäologen scheint eine frühere Siedlung fast einen Kilometer unterhalb der Skelett-Fundstelle in unmittelbarer Nähe zum Leinach-Bach an der heutigen Staatsstraße in Richtung Zellingen existiert zu haben. Denn hier wurden ältere Keramikfunde, aber keine Hinweise für menschliche Überreste gesichert.

Skelett durch Lößlehm sehr gut erhalten

„Das Fundmaterial datiert ebenfalls in die späte Hallstattkultur, einzelne Belege für graphitierte Keramik deuten auch auf die Frühlatenekultur hin“, erklärt der Archäologe. Den außergewöhnlichen guten Zustand der Skelette nach mehr als 4000 Jahren führt Müller auf das vorhandene sehr kalkhaltige Erdreich aus so genantem Lößlehm zurück.

Spektakulärer Fund bei Leinach beim Bau den neuen Trasse der Fernwasserleitung: Ein männliches Skelett aus der ausgehend... Foto: Herbert Ehehalt
Grabungsleiter Ulrich Müller vor dem Skelett eines etwa zehnjährigen Jungen.

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