Würzburg

Organspende: Unterfranken sind enttäuscht von Entscheidung im Bundestag

Eine Widerspruchslösung ist vom Tisch: Nach dem Votum im Bundestag befürchten Betroffene und Mediziner in der Region, dass sich in der Organspende kaum etwas verbessert.
Die 140. Sitzung des Bundestages: Wichtigstes Thema war am Donnerstag die Abstimmung über eine Neuregelung zur Organspende. Foto: Kay Nietfeld, dpa

In Deutschland wird auch künftig nur zum Organspender, wer einer Spende aktiv zugestimmt hat. Mit 379 zu 292 Stimmen lehnte der Bundestag am Donnerstag eine "doppelte Widerspruchslösung" ab, initiiert von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Sie wollten das Prinzip umkehren: Jeder wäre zum potenziellen Organspender geworden, wenn nicht zu Lebzeiten selbst oder im Tod durch Angehörige widersprochen wurde.

Mehrheit für die erweiterte Entscheidungslösung

Während in Umfragen eine Bevölkerungsmehrheit dieser Lösung den Vorzug gibt, betonten die Gegner im Bundestag vor allem das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen. Der Staat dürfe nicht über die Organe seiner Bürger verfügen, Schweigen könne keine Zustimmung sein. Mit einer Mehrheit von 381 zu 261 Stimmen sprach sich der Bundestag für eine erweiterte Entscheidungslösung aus, eingebracht von einer ebenfalls interfraktionellen Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seine Fraktionskollegin Gitta Connemann geben bei der Sitzung des Bundestages ihre Stimmkarten ab. Foto: Kay Nietfeld, dpa

Sie bestätigt das bisherige Verfahren. Allerdings soll künftig die Bereitschaft zur Organspende bei Behördengängen und Arztbesuchen abgefragt und in einem zentralen Register festgehalten werden. Kritiker bezweifeln, dass sich damit die niedrige Zahl der Organspenden in Deutschland spürbar erhöhen lässt.

Große Enttäuschung bei Organspende-Verfechtern

Heiner Röschert aus Eibelstadt (Lkr. Würzburg) war nach der Abstimmung tief getroffen. "Erschreckend" fand er die Debatte und das Votum als "Schlag in die Gesichter aller, die auf ein Organ warten". Röschert hatte an Weihnachten 2011 seine beiden erwachsenen Kinder bei einem unverschuldeten Autounfall verloren. Sein Sohn aber wurde durch die Organspende zum vierfachen Lebensretter.

Heiner Röschert hat das Netzwerk Organspende gegründet und ist seit Jahren unermüdlich dafür im Einsatz. Foto: Theresa Müller

Seitdem ist Röschert unermüdlich im Einsatz, wirbt in Vor- und Beiträgen für die Organspende. Hunderte Kilometer ist er im vergangenen Jahr gefahren, gab Interviews in großen Magazinen, war zu Gast in Ministerien. Aller Aufwand umsonst? "Die Baerbock-Lösung bedeutet zu 100 Prozent Stillstand", befürchtet Röschert. Rathausangestellte seien nicht in der Lage, über die Organspende aufzuklären. Und Hausärzte bräuchten erst Fortbildungen, auch wenn sie eine Beratung künftig abrechnen können.

Spenderorgane aus dem Ausland: Deutschland profitiert von Europa

Röschert, ausgezeichnet mit dem bayerischen Organspendepreis, sieht ein weiteres Problem: Weil viel zu wenige Organe gespendet werden, könnte Deutschland "als Schmarotzer" aus dem Eurotransplant-Verbund fallen, der Organe europaweit verteilt. Der Eibelstädter hofft auf einen neuen Anlauf für die Widerspruchslösung, hätte sich nur diesmal schon eine Änderung gewünscht: Wer sich nicht pro oder kontra Organspende festlegen mag, solle zumindest eine Karenzzeit von ein bis zwei Jahren bekommen.

Brigitte Meister ist dankbar für ihr zweites Leben durch ein Spenderherz und wirbt für die Organspende – hier beim "Würzburger Kellergespräch" im Herbst 2018. Foto: Angie Wolf

Betrübt ist auch Brigitte Meister aus Rüdenhausen (Lkr. Kitzingen), die seit 2012 mit einem Spenderherzen lebt und für die Organspende wirbt: "Der Beschluss verändert überhaupt nichts." Umso wichtiger sei nun eine forcierte Aufklärung, es fehle in der Bevölkerung an Information.

Im Bundestag plädierten nur die Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD klar für die Widerspruchslösung. Mit großen Mehrheiten dagegen waren AfD, Grüne und FDP. Von den zwölf unterfränkischen Bundestagsabgeordneten votierten fünf für die Widerspruchslösung: Dorothee Bär, Alexander Hoffmann, Andrea Lindholz (alle CSU), Sabine Dittmar (SPD) und Simone Barrientos (Linke) – dagegen waren Paul Lehrieder, Anja Weisgerber (beide CSU), Bernd Rützel (SPD), Andrew Ullmann, Karsten Klein (beide FDP), Manuela Rottmann (Grüne) und Klaus Ernst (Linke).

Reaktionen aus Würzburgs Uniklinik (Transplantationszentrum)
Georg Ertl, ärztlicher Direktor: "Als transplantierendes Klinikum sind wir sehr enttäuscht, wir hatten viel erwartet. Ich hoffe, dass es wenigstens durch die mediale Öffentlichkeit zu mehr Organspenden kommt und das System insgesamt noch besser unterstützt wird. Vor allem kleinere Kliniken haben es bei der Organspende schwer."
Anna Herzog, Transplantationsbeauftragte: "Ich hätte mich über einen anderen Ausgang gefreut, die neue Regelung wird keinen großen Effekt haben. Die Frage ist auch: Wie wird sie auf Ämtern und bei den Hausärzten umgesetzt? Ich hoffe, dass die angestoßene Diskussion nicht gleich wieder verpufft."
Ingo Klein, Transplantationschirurg: "Man hat eine Chance verpasst, die Organspende zu einem Stück Normalität zu machen. Auch die Widerspruchslösung hätte niemanden zur Organspende gezwungen. Jetzt hängt viel von der Umsetzung ab, als Transplantationszentrum sollten wir Fortbildungen für die Hausärzte anbieten."
Kai Lopau, Leiter des Nierentransplantationsprogramms: "Leider wird nun alles weitergehen wie bisher, der Beschluss bringt überhaupt nichts. Und die mediale Präsenz wird wieder abflauen. Einzig positiv ist das im April 2019 in Kraft getretene Transplantationsgesetz, das Abläufe und Finanzierung bei der Organspende verbessert. Ansonsten bleibt uns nur die Aufklärung und mit vielen Leuten zu reden."   

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