„Outet euch! Outet euch!“

Homosexualität: Die Würzburger Schwulenbewegung stammt aus einer Zeit, in der schwuler Sex ein Verbrechen war. Jetzt feiert sie 40-Jähriges.
Vor dem Häuschen: Das Würzburger Schwulenzentrum im Nigglweg 2 heißt jedermann willkommen: Männer, Frauen, Alte, Junge u... Foto: Foto:

Anfang 1972 taucht an der Neuen Universität am Sanderring ein handgeschriebenes Flugblatt auf. Sein Inhalt: Nach dem Vorbild nahezu aller Unis in der Bundesrepublik werde auch in Würzburg ein „homophiler Diskussions- und Arbeitskreises“ gegründet. Grund: Die schwulen Männer wollen ihre Isolation ebenso überwinden wie ihre Hemmungen „und anderen Schwierigkeiten“. Und sie wollen die Ursachen „unserer beschissenen Situation“ diskutieren. Überschrieben ist das Flugblatt mit „1 von 25!“ – eine Anspielung auf die Forschungsergebnisse des US-amerikanischen Sexualforschers Alfred Kinsey, nach denen vier Prozent der Männer – einer von 25 – homosexuell sind.

Für die Würzburger Schwulenbewegung ist dieses Flugblatt eine Gründungsurkunde. Am Sonntag feiert sie ihr 40-Jähriges.

Seit 1994 ist Homosexualität kein Verbrechen nach dem Strafgesetzbuch mehr. Zur Zeit des Flugblatts an der Neuen Uni bedroht die Republik Männer für gleichgeschlechtlichen Sex mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Stellvertretend für die Haltung einer Mehrheit im Land ist Franz-Josef Strauß' Bonmot von 1971, er wolle „lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ sein. In Würzburg entfernt das Studentenwerk Plakate aus der Mensa, mit denen Schwule zur Selbstorganisation aufrufen.

„Wir wollen nicht um Toleranz betteln.“

Flugblatt von 1972

Im Dezember 1972 gründen sie die Würzburger Homosexuelle Studenteninitiative (WüHSt). Sie wollen, steht bald wieder auf einem Flugblatt, die „Befreiung aus der Gettosituation“. Sie wollen Hilfe für Studenten organisieren, „die mit ihrer Situation nicht mehr fertig werden“, fordern die Emanzipation der Homosexuellen und propagieren den „Kontakt mit anderen fortschrittlichen Gruppen zur Veränderung dieser Gesellschaft“. In einem weiteren Flugblatt machen die WüHSt-Männer klar, was sie nicht wollen: Sie wollen sich nicht schämen fürs Schwul-Sein, sie wollen sich nicht isolieren, nicht „um Toleranz betteln“ und „kein Tuntenkränzchen sein“.

1974 eröffnete die WüHSt in der Virchowstraße zum ersten Mal ein kleines Zentrum; daraus wird 1977 in der Burkarder Straße das WuF („Werdet unsere Freunde“), das nach diversen Umzügen 1983 in das Anwesen Nigglweg 2 einzieht, wo es heute noch besteht.

Die Gründerväter der Würzburger Schwulenbewegung Jahre provozierten, indem sie die homophobe Mehrheitsgesellschaft mit ihrer Homosexualität konfrontierten. Andreas Roser, einer ihrer Nachfolger und WuF-Vorsitzender in den 2000er-Jahren, sagt, es sei darum gegangen zu zu zeigen, „dass man da ist“. Und es ging um Selbstfindung, um das Entwickeln einer schwulen Identität.

Im WuF-Archiv gibt es eine Darstellung schwulen Lebens vor der Gründung des WuF-Zentrums: „Wir haben uns in irgendwelchen Ecken eingerichtet, in denen uns die homophobe Gesellschaft haben will“, „tratschend die öde Wartezeit auf den Traumprinzen“ verbringend, durch Parks, Klappen und Discos huschend, „immer auf der Suche, immer den Paragrafen im Nacken“. Auch später noch sei der Druck so groß gewesen, dass schwule Männer irgendwann selbst geglaubt hätten so zu sein wie die Gesellschaft sie will: „lächerlich, ekel- oder Aids-erregend“. Homosexuelle Männer diskriminierten sich, so die Selbstanalyse, selbst und machten sich „mit einem Selbsthass sondergleichen“ das Leben schwer.

In den 80er Jahren löste eine neue Generation die politisch-kämpferischen Gründerväter der Würzburger Schwulenbewegung ab. Roser schildert einen Rückzug ins Private; das WuF sei eine Art Wohlfühl-Insel geworden, auf der Mann sich häuslich einrichtete.

Konflikte gibt es trotzdem. Konservative Christen protestieren gegen die Schwulen Filmfeste in der Evangelischen Studentengemeinde. 1984 verbietet Erich Felgenhauer als 3. Bürgermeister das Aufhängen von Filmfest-Plakaten in städtischen Räumen. Er begründet das Verbot mit der Weigerung, „Werbung zur Verführung Jugendlicher“ und für „abnorme Veranlagungen“ zu gestatten. Erst sechs Jahre später hebt der neu gewählte OB Jürgen Weber das Verbot auf.

Die schwulen Aktivisten sind auch sauer auf die Main-Post. In einem Brief an die Chefredaktion unterstellen sie die Zensur von Nachrichten, weil das Blatt ihre Pressemitteilungen nicht veröffentlicht. „Wir sind es leid“, steht im Brief der WüHSt, „nur in Zusammenhängen von Überfällen und Polizeiberichten oder gar als exotische Randerscheinung in Presseberichten aufzutauchen.“ Die Main-Post mache sich so „bewusst oder unbewusst zum Transporteur von Vorurteilen“.

„Das Leben als Homosexueller ist heute viel leichter.“

WuF-Vorstand Andreas Roser

Tatsächlich werden vor allem im Ringpark immer wieder schwule Männer gewaltsam angegriffen, 1973 ein Türke und ein Italiener im Husarenwäldchen ermordet. 1990 fordert die WüHSt, die Polizei müsse bei der Aufklärung der Straftaten „klar zwischen Opfer und Täter differenzieren“. Der beste Schutz wäre aber „der Abbau von Diskriminierung und Ächtung der Schwulen durch die Gesellschaft.“ Im Januar 1990 – der Paragraf 175 StGB gilt immer noch – verkauft das Schwule Filmfest 3000 Eintrittskarten. Zum Filmball ins Autonome Kulturzentrum Würzburg (AKW) kommen 700 Leute, mehrere 100 werden wegen Platzmangels weggeschickt. Jenseits politischer und gesellschaftlicher Institutionen gehören schwule Männer selbstverständlich dazu. Zumindest in großen Teilen der Kulturszene.

Mit Beginn des neuen Jahrtausends startet die dritte Generation der Würzburger Schwulenbewegung den, sagt Roser, „Marsch in die bürgerliche Gesellschaft“. Nach dem Vorbild prominenter schwuler Männer, etwa Berlin Regierender Bürgermeister Wowereit, engagieren sich immer mehr schwule Männer im öffentlichen Leben, ohne ihre Homosexualität zu verbergen. Roser zufolge ist heute das Leben als Homosexueller „viel leichter. Und trotzdem gibt es viele, die sich nicht trauen, sich zu outen“. Er predige deswegen: „Outet euch! Outet euch! Outet euch!“ Denn wie könne ein Briefträger lernen, „dass es nicht schlimm ist, einem schwulen Paar einen Brief in den Briefkasten zu werfen, wenn er es gar nicht kennt?“ In Teilen der Schwulenbewegung herrsche immer noch die Auffassung, man müsse „lieb und unauffällig sein, um Spießer nicht zu provozieren“. Er aber meine: „Nein! Nein! Die müssen uns aushalten.“

Das WuF feiert

An diesem Sonntag, 20. Mai, gibt das WuF um 14 Uhr in der Don Bosco-Berufsschule am Schottenanger 10 einen öffentlichen Empfang. Redner sind OB Georg Rosenthal, Axel Hochrein vom Vorstand des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland, Michael Groß, Leiter der Aids-Beratungsstelle der Caritas, WuF-Vorsitzender Björn Soldner und Autor und Comiczeichner Ralf König. Der WuF-Chor Sotto Voce und das Querflötenensemble tutti flauti besorgen die Musik. Im Anschluss wird im WuF eine Ausstellung zur Schwulenbewegung eröffnet. Das WuF-Zentrum im Nigglweg 2 ist heute Treffpunkt für Schwule, Lesben und Freunde. Neben einem Kulturprogramm gibt es im, so schreiben die WuF-Leute „schwulesbischen“ Zentrum Unterstützung, Infos und Beratung rund ums schwullesbische Leben. Angeboten werden Informations- und kulturelle Veranstaltungen und zahlreiche Gruppen wie die Jugendgruppe DéjaWü, die 40-Plus-Gruppe, das Rosa Hilfe Telefon, die Elterngruppe von homosexuellen Kindern, schwulen Väter und viele mehr. Infos: www.wufzentrum.de

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