Würzburg

Palmöl: Segen und Fluch - Biologen aus Würzburg klären auf

Die Ölpalme ist eine Superpflanze. Die Schäden durch den Anbau aber sind gigantisch. Zwei Würzburger Biologen zeigen, dass Palmöl in fast all unseren Produkten steckt.
Öliger Inhalt: Schnitt durch eine Ölpalmfrucht mit Kern. Foto: Frank Nierula

Es steckt im Toastbrot und in der Nougatcreme, die zum Frühstück gerade auf dem Tisch stehen. Es steckt in der Müslimischung, in der Margarine, im Plunderteilchen. Im Schokohasen, der von Ostern noch übrig ist, ist es drin. In der Fertigpizza und in Kartoffelchips auch. Es steckt in Seifen, Duschgel, Zahncreme und in allen erdenklichen sonstigen Pflegemitteln im Badezimmerschrank. Es ist in Putzmitteln, in Waschmitteln, im Geschirrspülmittel. Und im Tank, im Biodiesel, ist es auch.

Palmöl ist allgegenwärtig. Palmöl ist überall. Von Palmöl oder seinen Abwandlungen können wir jeden Tag lesen. „Wir müssen nur die Verpackung der Produkte umdrehen, die in unseren Schränken stehen“, sagt Biologin Dr. Frauke Fischer. „In unserer Welt lebt die Ölpalme im Kleingedruckten, in den Zutatenlisten von Lebensmitteln oder in den Inhaltsangaben von Kosmetika.“ Viel Aufhebens machen die Hersteller nicht darum. „Sie wird nicht beworben – lieber totgeschwiegen“, sagt Frauke Fischer über Elaeis guineensis, das Palmengewächs, aus dessen Früchte und Samen so viel Öl gewonnen wird.

In vielen Produkten, in denen man kein Pflanzenöl vermuten würde 

Welche gravierenden Folgen der Anbau der Ölpalme haben kann – Frauke Fischer, die Tropenbiologin, die lange Zeit die Forschungsstation der Uni Würzburg an der Elfenbeinküste geleitet hat, wusste es natürlich aus eigener Anschauung, eigener wissenschaftlicher Erfahrung. Aber wie präsent das Palmöl in unseren alltäglichen Produkten ist, wie umfassend es in so vielen Dingen steckt, in denen man gar kein Pflanzenöl vermuten würde – das war für die Wissenschaftlerin dann doch „überraschend“.

Vor ein paar Jahren brachte ein Masterstudent die Biologin auf die Palme . . . Frank Nierula hatte in seiner Masterarbeit über die negativen Effekte und Hintergründe des industriellen Palmölanbaus in Indonesien so viele interessante Aspekte zusammengetragen, dass Fischer dachte: Da muss man mehr daraus machen. Aber wo und wie?

Dr. Frauke Fischer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Uni Würzburg, beschäftigt sich seit langem mit Biodiversität und gesellschaftlicher Verantwortung. 2003 gründete sie die Agentur „auf!“, die Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz berät. Foto: Thomas Obermeier

Irgendwann fragten die beiden Würzburger Wissenschaftler mal beim Oekom-Verlag in München an, bekannt für Fachbücher zu Ökologie und Nachhaltigkeit. Und beim Verlag war man begeistert, weil man just eben gesagt hatte: „Wir brauchen ein Palmölbuch!“ Jetzt ist es da: der Palmöl-Kompass. Mit ihm versuchen Fischer und Nierula, Schneisen zu schlagen und Orientierung zu geben im verwirrenden Informationsdschungel. Sie beleuchten die Hintergründe und Grundlagen des Anbaus und des Handels von Palmöl und Palmkernöl. Folgen der Wertschöpfungskette des Pflanzenöls bis in den Alltag, zeigen also, wie weit es sich in unserer Gesellschaft ausgebreitet hat. Und geben all denen, die sich Gedanken über ihren Konsum machen, konkrete Tipps an die Hand.

Ertragreich, genügsam, ergiebig, gut haltbar - und für fast alles zu gebrauchen

Palmöl ist das seit Jahren meistgehandelte Pflanzenöl auf dem Weltmarkt. Es ist in großen Mengen verfügbar, ist gut haltbar und billig in der Herstellung. „Ein Alleskönner“, sagt Frauke Fischer, „eine tolle Pflanze!“ Denn von den Fähigkeiten von Elaeis guineensis sind die Biologen tatsächlich fasziniert.

Nichts mehr außer Ölpalmen: Plantage in Südostasien.    Foto: Frank Nierula

In Wäldern, ihrem wohl ursprünglichen Lebensraum, wächst die afrikanische Ölpalme bis zu 30 Meter in die Höhe. Steht sie einzeln oder wird auf den Monokultur-Plantagen angebaut, wird sie nur halb so hoch. Am oberen Ende des Stammes wachsen pro Jahr sternförmig etwa 30 lange, gefiederte Blätter aus – die typische Blätterkrone einer Palme. „Das, was alle Welt interessiert, wächst in den Achseln der Blattstiele“, sagt Frank Nierula. Dort nämlich entwickeln sich männliche oder weibliche Blütenstände – und die weiblichen bilden nach der Bestäubung die begehrten Früchte. Zwischen 500 und 4000 einzelne Früchte um den Stamm herum, zusammen zehn bis 25 Kilo schwer – diese Fruchtstände oder besser ihr öliger Inhalt „begründen den weltweiten Siegeszug der Ölpalme“.

Palmöl ist Segen - und Fluch: Die ökologischen und sozialen Folgen sind gravierend.  

Ihre Bedeutung hat die Pflanze nicht nur durch die Beschaffenheit des gewonnenen Rohstoffs gewonnen, erklären Fischer und Nierula. Sondern vor allem durch die außergewöhnlich große Menge an produziertem Öl pro Anbaufläche: „Fakt ist: Sie bringt mehr Ertrag als jede andere Ölpflanze.“ Ein Grund, warum Frauke Fischer von „Fluch und Segen“ spricht. Überhaupt, die beiden Kompass-Autoren wollen kein „Palmöl-Bashing“ betreiben. Sie haben eine Überzeugung, was ökologisch wie sozial gut und richtig ist. „Aber wir haben uns bemüht, mit so viel Distanz und Differenziertheit wie möglich die Fakten zu beschreiben.“

Fakten sind zum Beispiel: Die Ölpalme braucht wenig Anbaufläche, sie braucht wenig Dünger. Die Ölpalme kann ihr unterirdisches Wurzelwerk auf einen beeindruckend großen Radius von bis zu 25 Metern ausbreiten und deshalb extrem effektiv Nährstoffe aus dem Boden aufnehmen. Die bis zu 50 Palmwedel in der Krone wandeln das Sonnenlicht hocheffizient in Energie um. Und: Praktisch alle anderen ölhaltigen Nutzpflanzen wie Soja, Raps, Sonnenblume oder Mais müssen vor jeder Ernte neu angepflanzt werden. Die Ölpalme dagegen bringt ab dem dritten, vierten Jahr kontinuierlich hohe Erträge ein – über mehr als 20 Jahre hinweg. Das mache, so die beiden Biologen, die Palme „in der industriellen Agrarwirtschaft zu einer konkurrenzlosen Hochleistungspflanze“.

Überhaupt. „Das ist ein Superöl!“, sagt Frauke Fischer über das Öl, das für unterschiedliche Einsatzgebiete aus Früchten und Kernen gepresst wird. „Das Problem ist, dass es überall reingehauen wird.“ Denn so günstig das Öl ist – die Folgen und Folgekosten „sind gigantisch“. Für die riesigen zusammenhängenden Monokulturen, in denen Ölpalmen vor allem in Südostasien angebaut werden, werden die Ökosysteme nahezu komplett zerstört.

Palmöl-Plantage in Indonesien.  Foto: dpa

„Der Regenwald wird in den seltensten Fällen von kleinen Plantagen unterbrochen“, so Frank Nierula. „Er wird meist auf gigantischen Flächen gerodet.“ Wo artenreicher Urwald war, gibt es am Ende nur noch befestigte Straßen, Bewässerungs- und Entwässerungsgräben, Lager für Maschinen, Düngemittel und Pestizide, Wohnräume für Arbeiter und Palmölmühlen. Und: Rückstände. „Einige sind harmlos und haben sogar einen gewissen Nutzen“, schreiben die Biologen im Kompass über kompostierbare Reste.

Hat das Biologiestudium mit einer Studie über Folgen und Hintergründe des industriellen Anbaus der Ölpalme in Südostasien abgeschlossen: Frank Nierula.  Foto: Frank Nierula

Andere können der Umwelt massiven Schaden zufügen. Das Abwasser aus der Ölmühle, ein Gemisch aus Wasser, Öl, Fett und Fruchtfasern, entzieht durch Abbauprozesse Bächen, Flüssen oder Seen große Mengen an gelöstem Sauerstoff, der dann den Wasserorganismen fehlt. „Das geht bis hin zum Fischsterben in ganzen Flussläufen.“ Und wo Gewässer erst mal vom Ölgemisch verschmutzt sind, lässt sich kein Trinkwasser mehr gewinnen. Die Palmölindustrie hat nicht nur ökologisch, sondern auch sozial fatale Folge.

Was der Verbraucher tun kann? Einfach ist die Lösung nicht.

Was tun? Die beiden Tropenbiologen hätten gerne eine einfache Antwort. Und müssen doch sagen: „Es gibt keine einfache Lösung.“ Denn die Alternativen sind nicht automatisch besser für Mensch und Natur, zeigen Frauke Fischer und Frank Nierula in ihren Vergleichen und Beispielrechnungen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Uni Würzburg hat vor 16 Jahren schon die Agentur „auf!“gegründet, die Unternehmen bei ihrem Engagement für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und den Erhalt von Biodiversität berät. Auch Frank Nierula arbeitet inzwischen in der Agentur und beschäftigt sich mit der Frage, was Konsumenten tun können.

Im Kompass samt kleinem Einkaufshelfer geben die Autoren Orientierungshilfen für den Alltag. Sie zeigen, in welchen Produkten im Supermarkt versteckt Palmöl steckt. Sie erklären Kennzeichnungen und listen auf, unter welchen Namen Palmöl bei den Inhaltsstoffen auftauchen kann. Einfach ist die Sache nicht. Aber, sagt Frauke Fischer, eines sei klar: „Wer meint, er muss für 69 Cent Schokolade kaufen, der zerstört den Regenwald und ruiniert Lebensgrundlage für immer.“

Buchtipp: „Der Palmöl-Kompass. Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag“, von Frauke Fischer und Frank Nierula, oekom-Verlag München, 176 Seiten, 20 Euro

Wo überall offen und versteckt Palmöl drin ist - oder drin sein kann
- in Lebensmittelzusatzstoffen wie Emulgatoren, Trennmittel und Stabilisatoren: Sie können immer noch Palmöl enthalten, ohne dass dies kenntlich gemacht werden muss. 
- in Würzmischungen, Gemüsenbrühen, Fertiggerichten, Milchnahrung und Babybrei, Schokoriegel, Margarine, Gemüseaufstriche, Margarine, Nougatcreme, Müsliriegel, Frühstücksflocken,  Blätterteiggebäck, Speiseeis, Chips, Keksen, Brötchen aus Automatenbäckereien . . .
- auch in vielen Bioprodukten und Lebensmittel speziell für Veganer und Vegetarier
- in Kosmetika und Pflegeprodukten wie Handseifen, Shampoos, Cremes
- in Allesreiniger, Fensterputzmittel, Vollwaschmittel: Hinter Bezeichnungen wie Sodium Lauryl Sulfate, Cetyl Alcohol, Alcohol Sulfates, Stearate, Oleate . . . kann Palmöl stecken 
- - in E-Zigaretten: Propylenglycol und Glycerin werden oft aus Palmöl hergestellt - und sind Hauptbestandteile des Liquids, das verdampft wird.
 

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