WÜRZBURG

Pfarrer Gottfried Amendt war über 20 Jahre Seelsorger an den Universitätskliniken

Dasein, zuhören, reden, schauen, was möglich ist: Krankenhauspfarrer Gottfried Amendt wird nach über 20 Jahren Dienstzeit an der Würzburger Universitätsklinik verabschiedet.
Dasein, zuhören, reden, schauen, was möglich ist: Krankenhauspfarrer Gottfried Amendt wird nach über 20 Jahren Dienstzeit an der Würzburger Universitätsklinik verabschiedet. Foto: Sebastian Auer

(mr) Das Büro von Pfarrer Gottfried Amendt in der Würzburger Uniklinik zeigt, dass sein Leben derzeit im Umbruch ist: Nach mehr als 20 Jahren als katholischer Klinikseelsorger scheidet der 65-Jährige altersbedingt zum 31. Januar aus den Diensten der Universitätsklinik. Schränke und Regale sind schon abgebaut, Bücher stehen in Kisten verpackt im Flur und warten darauf, abgeholt zu werden. Ein Rosenstrauß und eine brennende Kerze machen den verbliebenen kleinen Schreibtisch gemütlich. Weil für Priester die Arbeitszeit regulär mit Vollendung des 70. Lebensjahres zu Ende geht, wird Amendt nach einer Sabbatzeit im September als Klinikseelsorger in der Missionsärztlichen Klinik einsteigen. Zuvor wird er einige Monate mit Exerzitien, Pilgern und Klosterleben auf Zeit verbringen - und sicher mehr als einmal Rückschau halten.

Viel Veränderung hat er in den mehr als zwei Jahrzehnten in den Universitätskliniken im Würzburger Stadtteil Grombühl seit Dienstbeginn im September 1990 erlebt, berichtet der Pressedienst des Bischöflichen Ordinariats: Neue Klinikgebäude wurden errichtet. Und die durchschnittliche Verweildauer der Patienten hat sich deutlich verringert.

Gleich geblieben ist Amendts Motivation, die nicht immer leichte Begleitung Kranker und Sterbender sowie deren Angehöriger zu übernehmen: „Ich habe die Menschen gerne“, sagt er mit sonorer Baritonstimme. Das heißt auf seinen Arbeitsalltag übersetzt: Dasein, zuhören, reden, schauen, was möglich ist. Weil er gerne nahe an den Menschen ist, hat Amendt sich bewusst gegen die mit mehr Verwaltungsaufgaben verbundene Leitung einer Pfarrei entschieden, als er nach Kaplansstationen in Bad Neustadt, Kirchlauter und Gerolzhofen sowie 13 Jahren als Rektor des Würzburger Matthias-Ehrenfried-Hauses und Jugendseelsorger des Stadtdekanats Würzburg eine neue Herausforderung suchte.

Mit einem Todesfall hat der Klinikpfarrer durchschnittlich pro Tag zu tun. Insgesamt rund 1500 Patienten betreut das Team aus katholischen und evangelischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern auf den 86 Stationen der Würzburger Universitätskliniken, darunter acht Intensivstationen.

„Wenn es ans Eingemachte geht, wird der Glaube für fast alle ein Thema“, weiß Amendt aus Erfahrung. Mal wünschen die Patienten selbst geistlichen Beistand, mal melden sich die Angehörigen, mitunter ist es das Pflegepersonal, das auf das Angebot der Seelsorge hinweist. Manchmal wurde Amendt mitten in der Nacht angefordert, weil jemand im Sterben lag. „Ich finde es wichtig, dass wir als Kirche auf die Menschen zugehen.“

Der Alltag in der Klinikseelsorge besteht aus vielen Gesprächen, in denen Menschen Amendt ihre ganze Lebensgeschichte anvertrauen. „Oft ist das unsere erste Begegnung. Umso erstaunlicher finde ich das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“ Vielleicht liegt es auch an Amendts ruhiger und zugleich aufmerksamer Ausstrahlung. „Mein Vater fiel auf den Tag acht Monate vor meiner Geburt kurz vor Kriegsende in Eberswalde.“

Als Halbwaise aufgewachsen

Leid, so konstatiert Amendt, ist ihm also schon vom Mutterleib an vertraut. Für den Halbwaisen war der Großvater eine wichtige Bezugsperson: „Er war eher still, hat mir aber immer das Gefühl vermittelt, dass ich ihm wichtig bin und er mir seine Aufmerksamkeit schenkt.“ Dieses Vorbild und die Tatsache, dass der Tod des Großvaters mitten im Kreis der ganzen Familie in Ebersbach im Spessart ein friedvolles Erlebnis war, habe ihn geprägt, sagt Amendt zurückblickend. „Mein ganzes Leben bezeichne ich als eine großartige Fügung Gottes.“

Bei aller Glaubensstärke gibt es sie trotzdem auch in seinem Leben – Fälle, für die es keine Antworten und noch weniger Konzepte gibt: Wenn zum Beispiel die Angehörigen eines 50-Jährigen Familienvaters nach dessen plötzlichen Herzinfarkttod wütend sind vor Trauer; die Mutter, der er auch als erfahrener Priester keine Antwort geben kann, warum ausgerechnet ihre Tochter in jungen Jahren an Krebs sterben musste. „Dann kann ich nur da sein und versuchen, die Menschen anzunehmen und sie zu begleiten.“ Zeit zu haben, ist daher für Amendt oberste Priorität in der Klinikseelsorge. „Wichtig ist außerdem, barmherzig zu sein. Mir steht es weder zu, zu urteilen, noch zu verurteilen.“

Ein einfaches Rezept hat der Geistliche aber doch, zumindest was ihn selbst betrifft: „Wichtig ist, abgeben zu können.“ Um bei dem vielen Leid, das ihm täglich begegnet, nicht die Kräfte zu verlieren, setzt Amendt konsequent auf vier Säulen: Gebet und Kontemplation, also Zeit der stillen Meditation, haben einen festen Platz im Tagesablauf. Außerdem wandert Amendt, so oft es ihm möglich ist, in freier Natur, um den Kopf wieder frei zu bekommen. „Früher habe ich auch noch Fußball in meinem Heimatverein gespielt“, sagt der Fan des 1. FC Kaiserslautern. Außerdem besucht er regelmäßig die Supervision und lässt sich von einem Gestalttherapeuten helfen, die eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten.

Ein Thema ist in den vergangen Jahren, nicht zuletzt des medizinischen Fortschritts wegen, öfters aufgetaucht: Angehörige wollen einen Rat, wenn es darum geht, den mutmaßlichen Willen eines todkranken Familienmitglieds zu lebensverlängernden Maßnahmen zu ergründen. „Hier versuche ich, durch gezielte Fragen zum Leben des Betreffenden eine Hilfestellung zu geben.“

Anerkennung und Dankbarkeit

Stapel von Weihnachtskarten, die Amendt zugegangen sind, lassen erahnen, wie vielen Menschen sein Dienst wichtig geworden ist. „Die Anerkennung und Dankbarkeit, die ich erfahre, ist viel mehr als das, was ich den Menschen geben kann“, sagt Amendt in dem für ihn typischen leisen Tonfall. Äußerlichkeiten wie der Ehrentitel „Monsignore“, den er seit 2006 führen darf und lapidar als „Alterserscheinung“ abtut, sind für ihn nebensächlich.

Das Element des leidenschaftlichen Pilgers, der insgesamt schon vier Mal zu Fuß nach Santiago de Compostela gelaufen ist, ist die Seelsorge. „Was mir von den 20 Jahren nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist, sind die letzten Worte einer Frau, die ich begleiten durfte: ,Wenn ich heute sterbe und meine Mutter treffe, werde ich ihr gleich sagen, dass ich nach langer Zeit wieder einen Menschen getroffen habe, der mir zugehört hat.'“

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