WÜRZBURG

Pflege-Serie: Den Tod nicht vernachlässigen

Debatte über Sterbehilfe
Ein friedliches Lebensende ohne Schmerzen ist ein Wunsch, den es zu erfüllen gilt. Foto: Werner Krüper, EPD
„Geburt und Sterben sind die wichtigsten Ereignisse im Leben.“
Elisabeth Jentschke, Psychologin an der Uniklinik Würzburg

„Vor einem Monat war unser Leben noch in Ordnung, und jetzt . . .“ Solche Sätze hört Elisabeth Jentschke regelmäßig. Wer zu ihr in die Beratung ins Interdisziplinäre Zentrum Palliativmedizin der Würzburger Uniklinik kommt, ist durch eine schlimme Diagnose in existenzielles Leid gestürzt. Grundlegende Annahmen, Werte, Haltungen, alles, was ein Mensch über das Leben gedacht hat, können ins Wanken geraten, wenn er beispielsweise hört, dass er schwer an Krebs erkrankt ist, sagt die Psychogerontologin.

Aufmerksam hört etwa ein Dutzend Pflegeerfahrene eines Seminars der Würzburger Akademie Frankenwarte zu. Vieles, was sie an diesem Nachmittag in der Palliativstation hören und sehen, ist neu für sie. Anfangs sei Palliativmedizin vor allem Schmerztherapie gewesen, sagt Jentschke. Jetzt ginge es darum, Patienten und Angehörige psychisch, physisch, sozial und spirituell zu unterstützen, durch Beratung und therapeutische Gespräche, aber beispielsweise auch durch Yoga, Musik, Kunst und vor allem durch Zeit und Zuwendung.

 

Die letzten Tage voller Leben

Licht und heiter wirkt die Palliativstation der Uniklinik, als die Frankenwarte-Gruppe durch die Glastür tritt. Der Gang ist in hellen Farben gestrichen. Das Maigrün an den Wänden löst ein wenig die Beklemmung der Gesunden bei diesem Kontakt mit Sterben und Tod. Es riecht frisch. Das „Wohnzimmer“, das Elisabeth Jentschke öffnet, wirkt privat. Es ist möbliert mit weinroten Sesseln. Vor dem Fenster wachsen immergrüne Bäume. Drinnen steht auf einem niedrigen Holztisch ein Fernseher.

„Viele Patienten schauen gerne Fußball“, sagt die Psychologin. Dann stehen Bier und Wein auf dem Wohnzimmertisch und die Unterhaltung ist engagiert, wie überall, wo Fans ein Spiel begleiten. Geraucht werden darf auf dem Balkon. „Hier ist alles erlaubt“, sagt Jentschke. Die letzten Tage sind voller Leben.

Und manchmal wird dank des Palliativteams Leben nachgeholt. Die Psychologin erzählt von einer 55jährigen Brustkrebspatientin, die sich mit einer ihrer beiden Töchter entzweit und schon zehn Jahre keinen Kontakt mehr zu ihr hatte. Auf der Palliativstation gelang es Mutter und Töchtern wieder, Annäherung und Worte zu finden. Die Patientin und ihre Kinder waren froh. Von solchen Klärungen hänge ganz entscheidend die Trauerverarbeitung ab, so Jentschke.

Sie erzählt noch andere Beispiele: Eine Kranke bewältigte mit Yoga ihre Ängste. Einer jungen Krebspatientin mit Methastasen in der Lunge, die fürchtete, durch Ersticken zu sterben, half schon viel, zu erfahren, dass es dagegen mittlerweile Medikamente gibt.

Psychosoziale Unterstützung

Wie positiv sich die psycho-soziale Unterstützung auswirkt, lässt sich auch wissenschaftlich nachweisen. Eine Studie mit Lungenkrebspatienten ergab, dass Palliativmedizin nicht nur die Lebensqualität der Menschen am Ende ihres Daseins verbessert, sondern die Lebenserwartung überraschend erhöht. „Das erreicht in diesem Stadium keine Chemotherapie“, sagt Elisabeth Jentschke. Das hat medizinische Gründe, aber auch psychologische.

Und es hat ganz viel mit Würde zu tun. Sterbende und ihre Angehörigen bekommen Hilfe, um sich nicht dem Schicksal ausgeliefert zu fühlen, sondern die Abschiede der letzten Tage gestalten zu können.

Möglichst früh sollten Patienten und ihre Familie die Palliativbetreuung in Anspruch nehmen, wünscht sich die Psychologin. Sie weiß allerdings auch, dass die zehn Betten dafür in der Uniklinik immer belegt sind, obwohl Würzburg und Unterfranken in der Hinsicht gut versorgt sind.

So gibt es unter anderem eine Hozpiz-Station im Würzburger Julius-Spital und dazu ein ambulantes Team. Palliativstationen haben auch das Krankenhaus St. Josef in Schweinfurt, das Kreiskrankenhaus in Bad Neustadt und das Aschaffenburger Klinikum. In Bad Kissingen, Schweinfurt und Würzburg gibt es Hospizvereine.

„Wir brauchen überall Ärzte mit Palliativgedanken“, fordert Jentschke. Da pflichtet ihr die Leiterin des interdisziplinären Zentrums, Prof. Birgitt van Oorschot, bei. Sie wünscht sich eine bedarfsorientiert abgestufte Palliativmedizin. Patienten, denen es körperlich und psychisch entsprechend gut geht, könnten ambulant versorgt werden, Menschen mit hohem Bedarf stationär.

Die Mehrzahl stirbt im Krankhaus

„In Deutschland haben wir das Pferd von hinten aufgezäumt“, sagt sie. Zuerst seien Hospize für Sterbende eingerichtet und Spezialisten gefördert worden. Seit etwa anderthalb Jahren regelt das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung (HPG) die Betreuung Sterbenskranker und ihrer Angehörigen auch durch Hausärzte und ambulante Dienste. Das sei eine Chance, sagt van Oorschot, aber noch sei das Gesetz „nicht finanziell unterlegt“.

Bei einem großen Problem schaffe es keine Abhilfe: Die Mehrzahl der Deutschen sterben im Krankenhaus, etwa 20 Prozent in Pflegeheimen, und dort sei der Tod bürokratisiert, normales Sterben kaum möglich. Viele Menschen würden in ihren letzten Stunden ins Krankenhaus eingewiesen, weil Heimpersonal und Angehörige in der Situation hilflos seien. „Wir müssen Krankheit und Tod als Lebensereignisse sehen“, wünscht sich die Medizinerin.

Die 30 Beschäftigten der Uni-Palliativstation tun das ständig. Jeder zweite Patient stirbt bei ihnen. „Es gibt Tage, an denen sterben drei Menschen auf der Station“, sagt Elisabeth Jentschke. Die Toten bleiben einen Tag in den Zimmern, damit sich die Angehörigen lange verabschieden können. Im kleinen Raum der Stille können Trauernde mit sich und der Erinnerung allein sein. Blumen, Kerzenflamme und ein Buch, das letzte Grüße und die Worte aufnimmt, die nicht mehr gesagt werden konnten, helfen, den Schmerz zu bewältigen.

Dort gestalten die Mitarbeiterinnen regelmäßig Gedenkfeiern für die Gestorbenen. „Wir müssen unsere Trauer auch verarbeiten, denn wir haben die Patienten längere Zeit intensivst begleitet“, sagt Jentschke. Dieser ständige Umgang mit Sterben und Tod schreckt die Beschäftigten offenbar nicht. Eine Ehrenamtliche, der die Gruppe von der Frankenwarte begegnet, wirkt glücklich mit ihrer Aufgabe und eine Pflegerin schwärmt geradezu, sie wolle nicht mehr zurück auf eine andere Station.

Wird der Tod vernachlässigt?

Gerade die intensive Beschäftigung mit den Patienten und ihren Angehörigen und die individuelle Pflege auch mit viel Zeit, Engagement und ungewöhnlichen Methoden liebe sie an ihrer Arbeit.

„Geburt und Sterben sind die wichtigsten Ereignisse in unserem Leben“, sagt Jentschke. Über die Geburt eines Kindes kreisten viele Gedanken der Angehörigen. Der Tod werde dagegen vernachlässigt. „Mein Leben ist anders geworden, seit ich ständig erlebe, wie schnell Sterben eintreten kann“, sagt die Psychologin. Und auch Stefanie Böhm, die Referentin der Akademie Frankenwarte, die den Besuch der Uniklinik organisierte, ist beeindruckt. „Es war wichtig, diesen Ort aufzusuchen. Ich glaube, niemand von uns hätte es freiwillig allein getan“, sagt sie. Ihr sei bewusst geworden: „Eine Sterbekultur müssen wir uns selber schaffen.“

Palliativpflege daheim

Wie die Begleitung Schwerkranker und Sterbender aussehen kann, sagt beispielsweise die Deutsche Krebsgesellschaft (im Internet: www.krebsgesellschaft.de). Wichtig sei das Zusammenspiel von unterstützender Begleitung, professioneller Pflege und medizinischer Betreuung, um Patienten und Angehörige zu entlasten und Raum für eine gemeinsame Gestaltung der verbleibenden Zeit zu schaffen, heißt es dort. Das Lebensende zu Hause verbringen möchte laut Umfragen ein Großteil der Menschen. Wichtig sei dabei, dass sich jemand zuverlässig um den sterbenden Menschen kümmert. Und: Nicht alle Maßnahmen, die das Leben verlängern, sind daheim durchführbar. Unterstützung für Angehörige gibt es. Die Krebsgesellschaft rät zur Zusammenarbeit mit Hausarzt, Kliniken und deren Sozialdiensten. Bei der Pflege zu Hause helfen mobile Dienste: Gespräche und Hilfe im Haushalt bieten ambulante Hospizdienste an. Wird medizinische Unterstützung benötigt, hilft mancherorts die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung. Diese Teams aus Ärzten, Pflegenden und oft Sozialarbeitern haben rund um die Uhr Rufbereitschaft. Informationen über das regionale Angebot und die Finanzierung gibt es unter anderem auf den Internetseiten des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (www.dhpv.de) und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (www.wegweiser-hospiz-und-palliativmedizin.de). bea
Demenz: Reise ins Anderland
Wie sieht ein Leben mit Demenz aus? Wie gehen Angehörige und Pflegende mit der Krankheit um? Erich Schützendorf beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Demenz. Nun stellte er seine Thesen in der „Zukunftswerkstatt Demenz“ der Seniorenwohnanlage am Würzburger Hubland vor. Für Schützendorf ist Demenz wie eine Reise, bei der sich Reisende und Reisebegleiter wohl fühlen müssen. „Wir lassen Reisende nach Anderland los und versuchen nicht, sie bei uns in Normalien zurückzuhalten.“ Dies sieht Schützendorf als ersten Schritt für alle, die Menschen mit Demenz auf ihrer Reise begleiten möchten. Prävention, Demenzvorbeugung heißt für ihn, die Möglichkeit des geistigen Abbaus in den Lebensentwurf einzuplanen und Vorsorge zu treffen. Vorsorge nicht im Sinne von Verhinderung, sondern von der Überlegung: Wie gestalte ich diese Phase? Weil er als Pflegebedürftiger lieber ins Grüne statt auf weiße Decken starren würde, habe er sich beispielsweise einen gläsernen Wintergarten ans Haus anbauen lassen, in den ein Pflegebett genau reinpasst. An heißen Tagen will er von dort in den Regen hinaus gebracht werden. Das hat er bereits festgelegt. Angehörigen rät er, statt den alten Menschen wiederfinden zu wollen, dem lieb gewonnenen Menschen im Jetzt und Hier zu begegnen. „Poesie zählt in Normalien mehr als Wissen.“ Für die Reise ins Anderland, so Schützendorf, müsse man sich von der Überbewertung der Rationalität, des Verstandes trennen. Der Mensch sei mehr als nur Verstand. Daneben machen Gefühle, Sinnlichkeit und vieles mehr einen Menschen aus. „Menschen bleiben auch Menschen, wenn sie nicht (mehr) vernünftig handeln oder mit dem Verstand ihre Welt schaffen“, sagt Schützendorf. Es sei nicht nur schlecht, sondern könne auch schön sein, stehe einem der Verstand nicht mehr im Wege. Betrachtet etwa Frau Schmitz Tag für Tag den Baum vor dem Fenster als ihren Freund, von dem sie jedes Blatt kennt, dann geht es nicht um das Wissen, was das für ein Baum ist. Es gehe vielmehr darum, sich neben sie zu setzen und ihr Staunen zu teilen. In Anderland, so Schützendorf, komme es mehr auf Passivitäten an als auf Handeln. Was in Normalien Sinn macht – zweckgerichtetes Handeln zu fordern, vernünftige Erklärungen zu geben, permanent verbal anzuleiten – ist in Anderland sinnlos. Besser ist es, sich auf das zauberhafte Andere einzulassen. Statt entrüstet zu sagen: „Was machen Sie denn da?“, dem anderen lieber mit der Haltung begegnen: „Was machen Sie da Interessantes?“ Und so weit es irgend geht, die vermeintlich sinnfreie Handlung zulassen. Statt Essen mit den Fingern zu verbieten, die Hände einfach vorher waschen. Statt Trommelübungen oder andere spielerische Experimente zu verbieten und streng darauf hinzuweisen, dass „wir doch jetzt essen und nicht klopfen wollen“ „uns anziehen wollen, statt die Bettdecke zu inspizieren“, lieber ganz nebenbei zum Essen, zum Aufstehen regelrecht verführen.“ „Wir dürfen die Reisenden in Anderland alleine leiden lassen, vorausgesetzt, wir kehren bald wieder zurück. Für echte, langfristige Begleitung, braucht es den Mut, die eigene Begrenztheit zu akzeptieren.“ Der Punkt, der vielen Pflegenden am schwersten fällt. Ein Problem, das noch verschärft wird durch hohen Eigenanspruch und Vorschriften sowie Prüfung und Bewertung der Pflege, die sich allein an Funktionalitäten orientiere. Tatsächlich aber, betont Schützendorf, könne niemand permanent für andere da sein. Es könne keiner aushalten, von anderen Menschen ständig gefordert zu werden. Unerlässlich seien daher Ruhepausen, Rettungsboote und Inseln im Meer der Verrücktheit. Das könne das Schwesternzimmer sein, in dem auch mal der Vorhang zugezogen wird, eine zweite schalldichte Tür, die das Dauerrufen unhörbar macht, ein Schaukelstuhl im Bewohnerbereich, in dem Pflegende nur körperlich präsent sind. Das alles, rät er Einrichtungsleitern, müsse nicht nur erlaubt sein, sondern jeweils von den Mitarbeitern nach ihren Wünschen gestaltet. Zwingend dazu gehöre dann aber auch, so der Demenzprofi, die Bewohnerzimmer so einzurichten, dann es für die Pflegenden attraktiv ist, auch weder dorthin zurückzukehren. „In Anderland holt man die Menschen nicht ab, wo sie stehen, sondern begegnet ihnen, wo sie sind.“ Auf die Reisenden zugehen, sie anschauen, auf sie (zurück) zu blicken (lateinisch: re-spectare). Mehr brauche es nicht. „Reden Sie nicht so viel, sondern halten einfach mal die Klappe und seien Sie bereit, nur Händchen zu halten, anders als verbal zu kommunizieren – und sich hinein zu fühlen ins Anderland. Denn auch wenn sie keine Worte mehr haben, ausdrücken können sich die Menschen bis zum Schluss.“ Die Reise nach Anderland ist zu Hause und für die Angehörigen allein oft irgendwann nicht mehr möglich. Zu sehr weicht das dionysische Verhalten von gesellschaftlichen Normen ab. Diese Tatsache müsse man akzeptieren, so Schützendorf. Einrichtungen, die es schaffen, oben beschriebene Biotope zu sein, seien dann für alle die beste Lösung. Die Diskussion darüber allerdings, wo die Grenze des Erträglichen in einer immer toleranteren Gesellschaft liegt, müsse geführt werden. Immer wieder neu.

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