WÜRZBURG

Pilotprojekt gegen Radikalisierung

Die Leiterin des Pilotprojekts Elena Enzmann sprach bei einer Pressekonferenz über radikalisierungsgefährdete Jugendliche. Foto: Theresa Müller

Das Vorhaben ist in Bayern einzigartig: Zum ersten Mal wollen künftig alle Verantwortlichen gemeinsam und koordiniert an einem Strang ziehen, wenn es darum geht, jedweder Form von religiös begründeter Radikalisierung vorzubeugen. Dafür gründen die Stadt und der Landkreis Würzburg das erste „interkommunale Präventionsnetzwerk Radikalisierung“. Es gehe vor allem um die Sensibilisierung in Schulen und im Jugendbereich, sagt Oberbürgermeister Christian Schuchardt am Dienstag in Würzburg.

Welche sind die ersten Anzeichen, wenn Kinder und Jugendliche in die Fänge fundamentalistischer Prediger geraten? Wie können Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter und Ehrenamtliche frühzeitig die Warnsignale erkennen? Wie kann man von vorneherein radikalen Ideologien den Nährboden entziehen? Mit diesen Fragen will sich das Netzwerk beschäftigen, das vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert wird. Wie hoch die Förderung sein wird, ist noch unklar. Sicher ist aber, dass der Freistaat zwei halbe Stellen sowie die einzelnen Projekte für Kinder und Jugendliche zunächst bis Ende des Jahres 2019 finanziert.

„Das Netzwerk richtet sich gegen jede Form der Radikalisierung, die religiös begründet ist – egal, welcher Glaubensrichtung“, sagt Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg. Eingebunden sind alle fünf Würzburger Moscheegemeinden, die auch selbst Workshops anbieten werden, sowie Vertreter der Kirchen.

„Noch gibt es keinen Masterplan“, sagt Klaus Rostek, Fachbereichsleiter im Amt für Jugend und Familie des Landkreises. Im Herbst soll es losgehen. Im Anschluss werden die ersten Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen stattfinden. „Wir wollen auf externe Referenten setzen, die das entsprechende Knowhow mitbringen“, so Rostek. Diese Experten sollen zunächst die Fachkräfte schulen. Gemeint sind Lehrer der Mittelschulen, Berufs- und Fachoberschulen, Jugendhelfer, Sozialarbeiter und Pädagogen, kurzum alle, die sich um Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund sowie um junge unbegleitete Flüchtlinge kümmern.

Im nächsten Jahr sollen Veranstaltungen für Eltern, Mitarbeiter des Stadt- und Kreisjugendrings und Verantwortliche in Sportvereinen angeboten werden. Auch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer – allein im Landkreis gibt es 30 Helferkreise, die sich um 1130 Asylbewerber kümmern – will das Netzwerk einbinden.

Anschließend will man sich der gefährdeten Zielgruppe selbst widmen. In Jugendtreffs, Einrichtungen der Jugendhilfe und in Unterkünften für Asylbewerber sollen Kinder und Jugendliche für religiöse Radikalisierung sensibilisiert werden. Ziel sei es, „das Selbstbewusstsein von Jugendlichen zu stärken, die sich in einer Identitätskrise befinden, sie in unsere Gesellschaft einzubinden, sie über Terrorismus und Extremismus aufzuklären, sie vor radikalen Gruppen in sozialen Medien zu warnen und ihnen religiöse Bildung zu vermitteln“, erklärt Elena Enzmann, Projektleiterin des Netzwerks für die Stadt Würzburg. Das Ziel sei die Prävention. In Fällen, in denen eine Radikalisierung bereits stattgefunden hat, werde man externe Experten einschalten.

Die Anzeichen einer Radikalisierung können unterschiedlich sein, so Enzmann. Gefährdet sind Jugendliche, die sich in einer Krise befinden, die ihr Verhalten, ihr äußeres Erscheinungsbild, ihr Gebets- oder Essverhalten verändern, soziale Kontakte abbrechen und Feindbilder aufbauen.

Denn eines, darin sind sich alle einig, soll nie wieder passieren, meint Landrat Eberhard Nuß: Dass ein minderjähriger Flüchtling, der gerade noch mit den kleinen Kindern einer Pflegefamilie, die ihn herzlich aufgenommen hatte, Fußball und Maumau spielte, urplötzlich mit einer Axt in einen Zug steigt und ein Blutbad anrichtet. Das Axt-Attentat im Juli 2016 in Würzburg, bei dem fünf Menschen verletzt wurden, habe vieles verändert. Doch Ängste oder Vorurteile – „das will niemand“, so Nuß.

Rückblick

  1. Axt-Attentat in Würzburg: Hongkonger bekommt Rettungsmedaille überreicht
  2. Drei Jahre nach Würzburger Axt-Anschlag: Ermittlungen dauern an
  3. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Rettungsmedaille für Hongkonger
  4. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Opfer von damals heiraten
  5. Würzburger Muslime besorgt um den Ruf ihrer Religion
  6. Kennt Bundesanwaltschaft den Hintermann des Axt-Anschlags?
  7. Axt-Attentat: Der Terror vor der Haustüre
  8. Wie die Polizei mit gefährdeten Jugendlichen umgeht
  9. Jugendliche stark machen im Kampf gegen Radikalisierung
  10. Landrat plädiert für anderen Umgang mit Flüchtlingen
  11. „Diese Politik ist menschenverachtend“
  12. „Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück“
  13. Terror: Mehr Schutz für die Ersthelfer
  14. Helfer im Einsatz: Die Angst kommt erst später.
  15. „Kein Anschlagsszenario, das zuvor irgendjemand im Blick hatte“
  16. Leitartikel: Der Anschlag von Würzburg bleibt rätselhaft
  17. Axt-Attentat in Würzburg - Ein Jahr danach
  18. Der blutige Sommer 2016 muss uns stark machen
  19. Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen
  20. Die Feuerwehr im Einsatz: Das Jahr 2016
  21. Nach dem Axt-Attentat: Checkliste für Retter im Einsatz
  22. Pilotprojekt gegen Radikalisierung
  23. Wie die Welt der Salafisten aussieht
  24. Opfer des Axt-Attentats bleiben optimistisch
  25. Der Tag, an dem Würzburg zur Zielscheibe des Terrors wurde
  26. Leitartikel: Es braucht Wahrheit und Wehrhaftigkeit
  27. Gerhard Kallert: „Kein Grund für mehr Ängste“
  28. Axt-Attentat: „Es tat gut, helfen zu können“
  29. Axt-Attentat: Die Frage nach dem Warum bleibt
  30. Schüsse auf Axtattentäter waren einzige Chance für Polizei
  31. Leitartikel: Trauer und Leid ohne Groll
  32. Axt-Attentatsopfer melden sich erstmals zu Wort
  33. Axt-Attentat: Zustand der Opfer hat sich weiter verbessert
  34. Nach Axt-Attentat: Erste Opfer fliegen nach China zurück
  35. Axt-Attentat: Chat belegt Kaltblütigkeit
  36. Nach Axt-Attentat: Konferenz für Pflegefamilien
  37. Axt-Attentäter anonym in Bayern bestattet
  38. Ein Monat zwischen Alptraum und Alltag
  39. Nach dem Axt-Attentat: „Nichts ist mehr so, wie es mal war“
  40. Asylantrag wegen technischer Störung unentdeckt
  41. Axt-Attentat: Spendenkonto für die Opfer eingerichtet
  42. Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft kümmert sich um Angehörige
  43. Ein anonymes Grab für den Axt-Attentäter?
  44. Axt-Terrorist schlüpfte ungeprüft aus Ungarn herein
  45. Zweifel an islamischem Begräbnis für Attentäter
  46. Die Zugfahrt, die im Alptraum endete
  47. Keine jungen Flüchtlinge in Pflegefamilien
  48. Bahn will hunderte Sicherheitskräfte neu einstellen
  49. Die Angst vor dem Terror
  50. Axt-Attacke: Leiche des Täters noch nicht freigegeben

Schlagworte

  • Würzburg
  • Angelika Kleinhenz
  • Asylbewerber
  • Attentat in Würzburg
  • Christian Schuchardt
  • Eberhard Nuß
  • Hülya Düber
  • Stadt Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!