MÜNCHEN/WÜRZBURG

Plakativer Bauernprotest

Protest gegen die Preispolitik der Handelskonzerne: Maria Hoßmann (Kreisbäuerin Main-Spessart), Barbara Reitz und Alfons Baumann (BBV Würzburg) und Herrmann Brell (Kreisobmann Würzburg) vor der Real-Filiale in Würzburg. Foto: BBV

Hitze und Trockenheit haben die Aufmerksamkeit auf die Nöte der Landwirte gelenkt, auf Trockenschäden und Ernteeinbußen. Der Bayerische Bauernverband (BBV) nimmt den Ball auf und schießt sich auf „Schleuderpreise im Supermarkt“ ein.

Der BBV verurteilt, dass „in dieser schwierigen Lage“ Lebensmitteldiscounter die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte „weiter drücken“. Eine Pressemitteilung spricht von massiven Auswirkungen auf die Betriebe „bis hin zu Betriebsschließungen“. Der Verband will nun mit plakativen Botschaften auf die Probleme aufmerksam machen. Auf Plakaten heißt es unter anderem: „Auch Bauernhöfe sind Arbeitsplätze – Bauern brauchen faire Preise“.

Wann sind Preise fair? Jedenfalls dann nicht, wenn der Liter fettarme Milch beim Discounter 51 Cent kostet, sagt die Würzburger BBV-Fachberaterin Barbara Reitz. Dem Erzeuger blieben dann „im besten Fall 30 Cent“. So zwinge man Familienbetriebe in die Knie. Um seine Unkosten zu decken, bräuchte der Bauer „eigentlich 40 Cent pro Liter“.

Preissenkungsrunden beginnen nicht selten beim Discounter Aldi, zuletzt Anfang August. Mitbewerber ziehen in der Regel binnen weniger Tage nach, auch Supermärkte orientieren sich bei den Preisen für Eigenmarken wie „gut und günstig“ längst an Aldi & Co. Leidtragende sind die Produzenten.

Aldi-Süd-Sprecherin Lina Unterbörsch spricht auf Anfrage der Redaktion von „zahlreichen“ Preissenkungen. Nicht nur Milch, Butter, Quark und Käse wurden in mehreren Etappen günstiger, auch die Preise für Würstchen, Hackfleisch und Koteletts purzelten.

Die Preise richten sich nach Angebot und Nachfrage, schreibt Unterbörsch, bekanntermaßen gebe es derzeit ein Überangebot auf dem Milchmarkt. Zu der „fairen“ Preispolitik bei Aldi-Süd gehöre es, „dass wir die erzielten Ersparnisse an unsere Kundinnen und Kunden weitergeben“. Basis für die Preisfindung seien „jederzeit offene und konstruktive“ Gespräche zwischen Aldi-Süd und den jeweiligen Verhandlungspartnern wie den Molkereien und Fleischereien.

Faire Preispolitik? Die Lebensmittelhandelskonzerne Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland verdrängen ihre Wettbewerber nach einer Untersuchung des Bundeskartellamtes. Der zufolge droht eine weitere Verschlechterung des Wettbewerbs, der bereits zu 85 Prozent von diesen Unternehmen dominiert wird.

Aktuell wächst die Marktmacht von Aldi & Co. nicht nur durch die fortwährende Konzentration in der Branche, sondern auch durch das Embargo landwirtschaftlicher Erzeugnisse, mit dem Russland auf die westlichen Sanktionen in der Ukraine-Krise reagierte. Auch deswegen sind Milchprodukte im Überfluss auf dem Markt – und gerade für Schweinefleisch war Russland ein wichtiger Exportmarkt, weiß man im BBV-Präsidium. Dort sieht man Bayerns Milch- und Fleischerzeuger „im Schraubstock zwischen Russland-Embargo und der Marktmacht von Lebensmitteleinzelhandel“.

Wie kommt man heraus aus dem Schraubstock? Der Bauernverband ruft mit einem Sechs-Punkte-Programm unter anderem nach Maßnahmen gegen die „erdrückende“ Marktmacht und die „ruinöse“ Preispolitik des Einzelhandels sowie nach Steuererleichterungen, Ausgleichszahlungen und einer Liquiditätshilfe auf Bundesebene.

Ebenfalls an die Politik, aber auch an Bauern und Verbraucher richtete sich der Forderungskatalog des „Agrarbündnis Bayern“ aus kirchlichen Hilfsorganisationen und Umweltverbänden. 2012 plädierte es für eine ökologisch ausgerichtete EU-Agrarpolitik, um die „ruinöse“ Preisdumpingpolitik der Lebensmittelkonzerne und des „Agrobusiness“ zu stoppen. Der Bauernverband aber hielt an der bisherigen Agrarpolitik fest.

Schlagworte

  • Würzburg
  • Tilman Toepfer
  • Aldi Gruppe
  • Aldi Süd
  • Bauernproteste
  • Bauernverbände
  • Bayerischer Bauernverband
  • Bundeskartellamt
  • Edeka-Gruppe
  • Kaufland
  • Lidl
  • Preispolitik
  • Rewe Gruppe
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
2 2
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!