ZELL/WÜRZBURG

Prachthäuser vom Verfall bedroht

Zeller Weinhändlerhäuser: Die Geschichte geht zurück bis ins 17. Jahrhundert, ihre Zukunft ist ungewiss. Auch Balthasar Neumann und Residenz-Handwerker haben Spuren hinterlassen.
Spuren des Verfalls sind am Zeller Schloss, das Balthasar Neumann geplant hat, unübersehbar. Die Räume sind heute als Wohnungen vermietet. Foto: Alle Ivana Biscan

Die Hauptstraße in Zell gibt heutzutage ein eher trauriges Bild ab. Dabei könnte sie eine wahre Prachtstraße sein, die sie nämlich im 18. und 19. Jahrhundert einmal war. Doch inzwischen sind viele Häuser, die einst prächtige und prunkvolle Palais waren, in einem bedauernswerten Zustand. An die glorreiche Vergangenheit erinnert heute nicht mehr viel.

„Schuld“ an der einstigen architektonischen Pracht Zells waren in erster Linie die vier Weinhändlerfamilien Wiesen, Fasel, Bauer und Fleischmann. Denn damals wurde von der Gemeinde am Main aus der Frankfurter Weinhandel beherrscht – mit lauteren und manchmal auch weniger erlaubten Mitteln.

Die Ausgangslage: Ende des 17. Jahrhunderts waren die Weinbaugebiete der Rheinpfalz und Rheinhessens durch kriegerische Auseinandersetzungen (Pfälzer Erbfolgekrieg) verwüstet. Daraus ergaben sich neue Vermarktungschancen für die Main- und die Tauberregion, deren Weinhändler auch sogleich in die Bresche sprangen. Auch in Zell erkannte man die neuen Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Das brachte den angenehmen „Nebeneffekt“ mit sich, dass die Weinhändler viel Geld verdienten. Für ihre Kundschaft brauchten die Weinhändler dann aber auch sowohl Lagerräume als auch repräsentative Geschäftsräume. Also bauten sie in Zell entsprechende Häuser neu oder ließen bereits bestehende umbauen.

Die ersten mit dem Weinhandel in Zusammenhang stehenden Gebäude in Zell sind auf die Jahre 1688 und 1692 nachweisbar, schreibt der in Zell lebende Historiker Christian Naser in seinem Buch „Das vergessene Schloss – Balthasar Neumanns Weinhändlerpalais in Zell“. Bei dem sogenannten Schloss handelt es sich um das großzügige Wohn- und Geschäftshaus des Zeller Weinhändlers Andreas Wiesen, das dieser sich nach Plänen Neumanns, der damals gerade in Würzburg mit dem Bau der Residenz beschäftigt war, errichten ließ. Von der damaligen Pracht des dreiflügeligen Gebäudes samt seiner bis zum Main reichenden Gartenanlage ist heute nicht mehr viel übrig geblieben.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Frankfurt zur Weinhandelsmetropole vor allem für fränkische Weine, die maßgeblich für den Aufschwung des Frankfurter Weinmarktes wurden. Etwa 30 fränkische Weinhändler verlegten seit 1720 den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit dorthin. Auch die vier bedeutend-sten Zeller Weinhändlerfamilien Wiesen, Fleischmann, Fasel und Bauer hatten Niederlassungen in Frankfurt. Sie handelten aber nicht mehr nur mit Frankenwein, sondern dehnten ihr Geschäft auch auf Rheingauer und Pfälzer Weine aus.

17 Weinhändlerhäuser sind erhalten

Sämtliche Versuche des Frankfurter Rates, den eigenen Markt zu schützen und die Handelstätigkeit der fränkischen Weinhändler einzuschränken, scheiterten an den fürstbischöflichen Interventionen aus Mainz und Würzburg, schreibt Naser in seinem Buch. Besonders erfolgreich beim Ignorieren und Umgehen der Vorschriften für den Weinhandel sei die Zeller Familie Wiesen gewesen. Auch der Weinhandel in Würzburg war damals vor allem von Zeller Kaufleuten dominiert. Die Zeller Weinhändler waren also mächtige und vor allem auch reiche Leute, was sich in den Häusern, die sie in Zell errichten ließen, niederschlug.

Wann es sich bei einem Haus um ein Weinhändlerhaus handelte, lässt sich laut Naser relativ leicht feststellen. Denn sie waren alle nach dem gleichen Schema gebaut. Im Kellergeschoss befanden sich in der Regel ausgedehnte Räume für die Weinlagerung. Im Eingangsbereich befanden sich Kontorräume, die auch als Empfangs- und Anmelderäume dienten. Erst nachdem Besucher diese passiert hatten, kamen sie in die oft prächtig ausgestatteten Repräsentationsräume im ersten Obergeschoss. Meist war dies ein Zentralsaal mit zwei Nebenräumen. In den obersten Stockwerken befanden sich schließlich die Diensträume.

17 solcher Weinhändlerhäuser konnten in Zell identifiziert werden und inzwischen erläutern Hinweistafeln ihre frühere Funktion und ihre (Bau)Geschichte. Von der großzügigen Innenausstattung ist so gut wie nichts übrig geblieben, erklärt Naser bei einem Rundgang durch den Altort. Immer wieder wurden die Häuser umgebaut und dabei auch kunstvoller Stuck einfach abgeklopft. Naser erinnert daran, dass beim Bau der Häuser sehr wahrscheinlich hochkarätige Künstler am Werk waren, da parallel in Würzburg die Residenz erbaut wurde.

So gab es beispielsweise im 1731 vom Weinhändler Johannes Wiesen errichten Anwesen Hauptstraße 113 ein Deckenfresko von Anton Urlaub mit dem Titel „Maria Himmelfahrt“. Es wurde zusammen mit dem Deckenstuck bei Umbauarbeiten in den 1960er-Jahren undokumentiert und vollständig vernichtet.

Ein „Schlüsselgebäude“ der Epoche der Weinhändlerhäuser steht laut Naser in der Mainuferstraße 3 und 4. Allerdings sieht man das dem Haus nicht mehr an. Es ist unbewohnt und das Dach beginnt einzusinken. der private Besitzer hat offensichtlich kein besonderes Interesse daran, das historische Gebäude zu erhalten.

Andere Weinhändlerhäuser veränderten im Laufe der Zeit ihr äußeres Aussehen. Dies lässt sich beispielsweise an der Fassade des Anwesens in der Hauptstraße 40 und 42 ablesen. Betrachtet man beide Häuserfassaden zusammen, bilden sie die typische Struktur eines Weinhändlerhauses ab.

Fensterkörbe stammen wohl von Oegg

Das neben dem Schloss zweitgrößte Weinhändler-Ensemble wurde 1751 für Christoph Josef Fleischmann in der Hauptstraße 34 errichtet. Seit 1783 war hier das Gasthaus zur Rose untergebracht. Während der aufwändigen Renovierung zwischen 2004 und 2006 wurde im Keller eine Brunnenstube entdeckt und freigelegt. Eine Besonderheit sind auch die Fenstergitter an der Fassade. Sie sind in ihrer Gestaltung fast völlig baugleich mit den Fensterkörben des von Balthasar Neumann errichteten Wohnhauses des Hofschlossers Johann Georg Oegg in der Würzburger Kapuzinerstraße. Dass Oegg auch in Zell am Werk war, liegt also nahe.

Vollständig renoviert wurde von 1991 bis 1998 auch das älteste Zeller Weinhändlerhaus in der Hauptstraße 86, das wohl 1614 errichtet wurde. Diese Jahreszahl ist jedenfalls über einem Torbogen zu sehen. Der Weinhändler Johann Christoph Fleischmann ließ das Anwesen wohl 1692 umbauen. Ein mit Weintrauben und Blättern verzierter Balken dokumentiert die Nutzung als Winzerhof.

Aktuell ist die Zukunft der historischen Anwesen völlig ungewiss. Insbesondere viele private Eigentümer scheinen wenig Interesse an einer Instandhaltung oder Renovierung zu haben, die allerdings auch erhebliche Summen kosten würden.

Eingezwängt und stark gefährdet. Das Anwesen in der Mainuferstraße 3 und 4.
Zells ältestes Weinhändlerhaus von 1614 steht nach der Renovierung bestens da.

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