Würzburg

Prozess um Mordversuch: Würzburger Angeklagte freigelassen

Das Gericht setzte überraschend die Haftbefehle außer Vollzug: Ein Urteil im Fall um die Attacke auf einen Gastwirt fällt nun wohl erst im Frühjahr 2020.
Seit 20 Monaten sitzen zwei Würzburger in Ingolstadt in Untersuchungshaft. Doch mitten im Prozess um versuchten Mord an einem Gastwirt setzte das Landgericht die Haftbefehle nun außer Vollzug. Foto: Oliver Berg, dpa

Überraschende Wendung im Prozess gegen zwei Würzburger um den Mordversuch an einem Ingolstädter Gastwirt: Nach 20-monatiger Untersuchungshaft hat das Ingolstadter Landgericht jetzt "die Haftbefehle gegen beide Angeklagte außer Vollzug gesetzt".  Das sagte der Pressesprecher des Gerichts, Jürgen Häuslschmid, am Mittwoch auf Anfrage dieser Redaktion.

Die Angeklagten können damit an Weihnachten nach Hause ins 200 Kilometer entfernte Würzburg. Im Oktober war ein erster Antrag zur Haftaussetzung noch abgelehnt worden. Die Große Strafkammer gehe aber weiter von einem dringenden Tatverdacht aus, betonte deren Vorsitzender Jochen Bösl.

Das seit 3. Mai laufende Verfahren dreht sich wegen dünner Beweislage in Endlosschleifen. Das ursprünglich im Sommer vorgesehene Urteil sollte schon im August, dann im Oktober – und zuletzt im dritten Anlauf am 20. Dezember fallen. Nun wurde der Prozess aber erneut verschoben, weil die Verteidiger nach sieben Monaten eine neue Variante des Tatmotivs in den Raum stellen.

Maskierte Täter sprachen russisch

Wer dem 43-jährigen Gastwirt in Ingolstadt im Frühjahr 2018 in seiner Tiefgarage auflauerte und auf ihn schoss, steht nach wie vor nicht fest. Der von vier Projektilen getroffene Mann überlebte. Und er hörte, wie einer der Maskierten zu einem anderen auf Russisch sagte: "Schieß auf ihn! Mach ihn fertig!" Er verdächtigte zunächst einen ukrainischen Gast seines Lokals, mit dem er Streit gehabt hatte. Der jedoch präsentierte ein Alibi.

Die Kripo nahm vier Wochen später in Würzburg einen mittlerweile 47-jährigen gebürtigen Armenier mit deutschem Pass und einen 56 Jahre alten Kasachen fest. Die beiden Männer bestreiten den Mordversuch. Der Ältere will in der fraglichen Nacht gar nicht in Ingolstadt gewesen sein, der jüngere schon, aber nicht in der Tiefgarage.

Handydaten wiesen Mordermittlern den Weg

Die Ermittler haben nicht viel mehr als die Daten der Handys der beiden, die beweisen: Die Telefone waren in der Nacht des Überfalls an einem Sendemast in der Nähe des Tatorts eingeloggt.

Im Zeugenstand widerlegte indessen ein Forensiker des Landeskriminalamtes (LKA) eine entlastende Aussage des einen Angeklagten. Der hatte behauptet, sein Handy am Tag der Schüsse gar nicht dabei gehabt zu haben.

Polizei stellte Selfie auf Mobiltelefon wieder her

Die Polizei konnte auf dem sichergestellten Telefon aber ein Selfie des Angeklagten wiederherstellen, das drei Stunden nach der Tat entstand. Der Zeitstempel des Fotos sei falsch, behauptete die Verteidigung. Er sei authentisch und der Zeitstempel darauf nur von Fachleuten zu fälschen, befand dagegen der Experte.

Bisher stand die langjährige Beziehung einer 35-Jährigen zu dem verheirateten Wirt und einem der Angeklagten im Vordergrund. Ein Brief eines der Angeklagten aus dem Knast wirft die Frage auf: Hatte der Wirt, auf den geschossen wurde, mit illegalen Rauschgift-Geschäften zu tun?

Verteidiger: Steckt hinter den Schüssen ein Drogenhandel?  

Sein Neffe stehe derzeit im Mittelpunkt eines Drogenprozesses, weiß der "Donaukurier". Und kurz vor den Schüssen in der Tiefgarage soll ein Pflasterstein durch ein Fenster im Lokal des Opfers geflogen sein, quasi als Warnung.

Dazu passt für die Anwälte der beiden Würzburger ein weiterer Mosaikstein: In einem von Ermittlern überwachten Telefonat hatte der attackierte Gastwirt gemunkelt, die Polizei sitze ihm im Nacken.

Gericht prüft Zusammenhang

"Ein Familienmitglied des Gastwirtes ist Beschuldiger in einem anderen Ermittlungsverfahren", bestätigt auf Anfrage Jürgen Häuslschmid, der Sprecher des Landgerichts. "Die Kammer prüft daher, ob sich aus diesem Verfahren bedeutsame Indizien für das gegenständliche Strafverfahren ergeben." Diese Prüfung dürfte geraume Zeit dauern.

Der Sprecher des Landgerichts bestätigt: Inzwischen wurden Prozesstermine bis März 2020 festgesetzt.

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