WÜRZBURG

Rennrollstuhl stört Schaffnerin

Positive Erlebnisse: Thomas Lurz und Elena Krawzow, Silbermedaillengewinnerin über 100 Meter Brust bei den Paralympics, am Samstag SEite an Seite beim Sportfest „No Limits“. Die spezielle Brille, die Thomas Lurz aufsetzt, simuliert die Sehschwäche von Elena. Foto: THOMAS OBERMEIER

Auf ihrer Internetseite wirbt die Deutsche Bahn mit ihrem Engagement für den Behindertensport und ihren „Leistungen für Menschen mit Behinderung“. Schöne Worte, deren Umsetzung im Reise-Alltag allerdings zu wünschen übrig lässt, wie Rennrollstuhlfahrer Rahim Nagibulla am Wochenende auf der Strecke zwischen Berlin und Würzburg erfahren musste.

Nagibulla stammt aus Afghanistan, lebt in Berlin und will bei den Paralympics 2016 im Rennrollstuhl für Deutschland an den Start gehen. Am Samstag war der 26-Jährige einer der prominenten Gäste beim integrativen Sportfest „No Limits“ auf dem Uni-Sportgelände. Als er mit etwa dreistündiger Verspätung in Würzburg eintraf, hatte er eine kleine Odyssee hinter sich. Sein Problem bei der Fahrt mit der Deutschen Bahn: das Sportgerät.

Berührungsängste abbauen und die Inklusion von Menschen mit Behinderung leben – das ist das Ziel beim Sportfest „No Limits“, bei dem am Samstag viele prominente Sportler mit und ohne Behinderung in Würzburg zu Gast waren und ihre Sportarten präsentierten. Ihre körperlichen Grenzen bekamen dabei eher die Athleten aufgezeigt, die ihren Sport sonst ohne körperliche Einschränkungen betreiben können. Und Rahim Nagibulla? Der bekam von der Bahn Grenzen aufgezeigt.

Seine Reise von Berlin nach Würzburg hatte der Behindertensportler frühzeitig geplant und ein Ticket für den ICE gekauft – Hin- und Rückfahrt 2. Klasse im Sparpreis 146 Euro inklusive Reservierungsgebühr. Er hatte der Bahn wochenlang vorher gemeldet, dass er als Rollstuhlfahrer Hilfe beim Ein- und Aussteigen benötigt und dass er eine Begleitperson und einen zweiten Rollstuhl dabei haben wird. So weit, so gut: Die Reservierung war bestätigt, die Reise begann am Samstagmorgen ohne Probleme, mit dem ICE fuhr Nagibulla samt Begleiter und Rennrollstuhl nach Fulda.

Als er dort in den ICE umgestiegen war, der ihn nach Würzburg bringen sollte, weigerte sich die Schaffnerin plötzlich, den Rennrollstuhl mitzunehmen. „Die Schaffnerin hat gesagt, es ist zu wenig Platz und er passt nicht rein. Sie wollte die Verantwortung dafür nicht übernehmen“, sagte Nagibulla nach seiner Ankunft mit mehrstündiger Verspätung am Samstagnachmittag auf.

Nagibulla wollte nur mit seinem Sportgerät weiterreisen. Als er sich weigerte auszusteigen, rief die Schaffnerin die Polizei, die dem Behindertensportler keine andere Wahl ließ, als den ICE zu verlassen. „Sogar die anderen Reisenden haben gesagt, dass es kein Problem wäre, den Rennrollstuhl mitzunehmen. Ich hatte ja auch alles bezahlt, aber das hat niemand interessiert“, so Nagibulla.

„Wenn ich so etwas höre, kriege ich eine Hals“, sagte Annette Wolz vom Organisationsteam des No Limits-Sportfestes. Mit der Regionalbahn – die verpflichtet ist, Schwerstbehinderte samt Gepäck jederzeit kostenlos zu transportieren – fuhr Nagibulla zunächst von Fulda nach Frankfurt. Dort durfte er – nach einer Nachfrage des Bayerischen Rundfunks bei der Deutschen Bahn – wieder in einen ICE steigen und nach Würzburg weiterfahren.

„Bei der Deutschen Bahn weiß offenbar A nicht, was B sagt.“
Annette Wolz Organisationsteam von No Limits

„Ich finde es schade, dass wir in einem Land leben, dass eigentlich viel für Behinderte tut, aber dann passiert doch so etwas. Das versteht kein Mensch“, sagte der 26-Jährige, der seinen Auftritt bei „No Limits“ mit mehrstündiger Verspätung hatte.

Veranstaltet wurde das Sportfest von der Thomas Lurz/Dieter Schneider Sportstiftung zusammen mit der Universität. Dieter Schneider ging am Samstagabend davon aus, dass mindestens 1000 Besucher da waren. „Ich bin total zufrieden, weil ich den ganzen Tag so viele glückliche Gesichter gesehen habe. Alles lief völlig entspannt und harmonisch ab“, lautete Schneiders Bilanz am frühen Abend. Eben mit einer kleinen Einschränking: der Odyssee von Rahim Nagibulla.

Denn Am Abend kam dann das nächste Problem: Nagibulla wollte mit Hilfe von Annette Wolz seine Rückfahrt am Sonntag vom späten Nachmittag auf 7.26 Uhr umbuchen. Die Umbuchung wurde zunächst bestätigt. Dann kam ein weiterer Anruf der Bahn, mit dem die Umbuchung – offenbar wieder wegen des Rennrollstuhls – rückgängig gemacht wurde.

„Bei der Deutschen Bahn weiß offenbar A nicht, was B sagt“, so Wolz. Nagibulla durfte deshalb am Sonntagmorgen am Würzburger Hauptbahnhof nicht in den ICE einsteigen. Nach einer gut achtstündigen Fahrt mit der Regionalbahn – dreimal musste er dabei umsteigen – kam er am Sonntag gegen 16 Uhr wieder in Berlin an.

„Er hat auch in Leipzig noch einmal versucht, in einen ICE einzusteigen, ist aber wieder nicht mitgenommen worden“, berichtete Wolz am Nachmittag. Rahim Nagibulla hat bereits am Samstag angekündigt, dass er nicht vorhat, die Sache auf sich beruhen zu lassen: „Ich will auf jeden Fall den Fahrpreis zurück, den ich für den ICE bezahlt habe.“

-> Mehr über das Sportfest „No Limits“ auf Franken Seite 9
Negatives Erlebnis: Sportler Rahim Nagibulla am Samstag in Würzburg beim Wettkampf in seinem Rennrollstuhl, den die Bahnschaffnerin in Fulda nicht hatte mitnehmen wollen. Der 26-Jährige bekam von der Bahn Grenzen aufgezeigt. Foto: PATRICK WÖTZEL

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