WÜRZBURG

Routiniert auf der Bühne: Cem Özdemir in Würzburg

Klare Kante auf der Bühne: Cem Özdemir beim Wahlkampfauftritt am Dienstagabend auf dem Oberen Markt. Foto: Theresa Müller

Fünf Minuten können ganz schön lang werden, wenn man auf einer Bühne steht und vor sich ein großes Publikum hat, das wartet. Für den Würzburger Grünen-Bundestagsdirektkandidaten Martin Heilig jedenfalls ist es am Dienstagabend eine kleine Herausforderung, die Zeitspanne zu überbrücken, bis„der Cem“ endlich den Weg von einem Innenstadt-Hotel zum Oberen Markt zurückgelegt hat.

Denn in „fünf Minuten“, wie von Heilig angekündigt, ist Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, noch lange nicht da. Aber kurz nach 19 Uhr, das Glockenkonzert der Innenstadt-Kirchtürme ist gerade vorüber, kommt der prominente Gast dann doch.

Lob für den Bürgerentscheid

Özdemir hat am Dienstag bereits Wahlkampftermine in Unterfranken hinter sich, was man dem Politprofi nicht anmerkt. Kaum am Bühnenrand begrüßt und verkabelt, schaltet der 51-jährige Schwabe in den Auftrittsmodus um.

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Cem Özdemir im Interview: Klimawandel und bayerische Hybride - Trotz Dieselskandal läuft der Wahlkampf für die Grünen nicht besonders gut. In den Umfragen liegt die Partei zwischen sechs und acht Prozent. Im Interview erzählt der Bundesvositzende Cem Özdemir, warum ihm der Wahlkampf dennoch Spaß macht und was ihn mit Mainfranken verbindet.
Dass Özdemir sich nicht erst warmlaufen muss, liegt vielleicht auch daran, dass Würzburg ein starkes grünes Revier ist und das hier erst vor ein paar Wochen ein grünes Thema einen Erfolg eingefahren hat: beim Bürgerentscheid über den Faulhaber-Platz.

Für die Bürger-Absage an die Tiefgarage gibt es von Özdemir einen nachträglichen Glückwunsch: „Das muss man erst mal schaffen, dass man sich da durchsetzt.“ Damit hat der prominente Redner den Beifall des mehrheitlich jungen bis mittelalten Publikums – etwa 300 Zuhörer sind gekommen – auf seiner Seite.

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Cem Özdemir

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Dann ist der Ausflug in die Lokalpolitik beendet. Was folgt, ist eine kleine Rundreise durch die grünen Leib-und Magenthemen, allen voran Umwelt- und Klimapolitik. In den rund 45 Minuten, die der Grünen-Vorsitzende redet, weiß er das Publikum mit einer Mischung aus Fakten, Gags und wohlgesetzten kleinen Gemeinheiten bei der Stange zu halten.

So als er US-Präsident Donald Trump bescheinigt, mit seinem Austritt aus dem Pariser Klimaschutzabkommen „wenigstens ehrlich“ zu sein, während Kanzlerin Angela Merkel die Umsetzung des Abkommens blockiere.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt bekommt wenig später sein Fett weg: „Eines unserer Ziele ist: Qualifikation darf kein Hinderungsgrund mehr sein, in Deutschland Verkehrsminister zu werden!“ Das kommt an bei den Zuhörern auf dem Oberen Markt.

Dieselskandal als grünes Thema

Özdemir ist jetzt richtig in Fahrt, hat doch der Dieselskandal den Grünen noch einen echten Knaller beschert, nachdem es fast so ausgesehen hatte, als müsste die Öko-Partei den Wahlkampf ohne griffiges Thema über die Runden bringen. Entsprechend legt sich der Parteichef auch in Würzburg ins Zeug, kräftiges Gestikulieren und routinierte Rundum-Blicke inklusive.

„Die 3000 Euro Rente am Tag bekommen, sollen etwas beisteuern für das, was sie angerichtet haben!“, entrüstet sich Özdemir und weiß, dass er den Namen des ehemaligen VW-Managers Martin Winterkorn gar nicht erst aussprechen muss, um auf dem Würzburger Markt hörbare Zustimmung zu ernten.

Der Grünen-Chef hat schon unzählige Reden im Bundestag, auf Versammlungen und Marktplätzen gehalten, und er weiß, wie er mit einem der gängigsten Vorwürfe gegen seine Partei am besten umzugehen hat. Die Grünen eine Verbotspartei? Aber nicht doch, da dreht Özdemir den Spieß ganz flugs um und lenkt das Interesse auf ein weiteres grünes Herzensthema – den Verbraucherschutz. „Nein, wir verbieten Ihnen nicht zu wissen, wie Tiere gehalten werden“, ruft er, und wieder ist ihm der Applaus sicher.

Überhaupt scheinen sich auf dem Oberen Markt vor allem Grünen-Anhänger versammelt zu haben. Zwischenrufe gibt es kaum, Pfiffe überhaupt nicht. Nur ein etwa vierjähriger Besucher mit grünem Luftballon in der Hand wird langsam ungeduldig: „Wann ist die Rede zu Ende?“, will er vom Papa wissen. „Gleich“, sagt der, was nicht ganz stimmt, weil Özdemir erst noch der AfD ordentlich einen einschenkt: „Helfen Sie mit, dass diese Brüder im Deutschen Bundestags nichts verloren haben!“ Es ist der Satz, der an dem Abend den stärksten Beifall bekommt.

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