WÜRZBURG

Rugby: Mit Respekt auf dem Spielfeld

Autorin Anna Baum hat Rugby in Würzburg ausprobiert. Foto: Daniela Arndt

Crouch – die Trainerin fordert sechs junge Frauen dazu auf, in die Hocke zu gehen. Dicht aneinander gedrängt klammern sie ihre Hände in den Hosenbund der Nachbarin. Berührungsängste darf man bei Rugby nicht haben. Bei dieser Sportart wird angepackt – auch bei der Damenmannschaft. Im weiteren Verlauf des Scrums (deutsch: Gedränge) senken die Frauen ihre Köpfe und drücken ihre Schultern aneinander. Dann wirft eine Mitspielerin das Leder-Ei durch die Mitte – jetzt heißt es den Ball mit einem freien Fuß herauszufischen und in Richtung der Teamkolleginnen zu kicken.

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Keine Angst vor Körperkontakt: Rugby im Selbsttest - Für die sportliche Sommerserie der Main-Post probieren Redakteure außergewöhnliche Sportarten aus und testen, ob sie für jeden etwas sind. Reporterin Anna Baum hat sich an Rugby versucht.

Der Unterschied zum Fußball ist ganz deutlich

Der Scrum ist mit dem Freistoß im Fußball vergleichbar. Sonst finden sich wenige Schnittpunkte der beiden Sportarten. Ein Spiel dauert 80 Minuten und der Ball ist nicht rund, sondern ein ovales Leder-Ei. Ziel ist es, dieses in das gegnerische Tor, das Mal, zu bringen und damit Punkte zu sammeln. Das Leder-Ei darf nicht nach vorne geworfen, sondern muss nach hinten zum Mitspieler gepasst werden.

Ein Sprichwort aus Großbritannien, wo Rugby entstanden ist, erklärt den Unterschied ganz deutlich: „Fußball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby ist eine Raufbold-Sportart – gespielt von Gentlemen“.

Caroline Proestler, Teammanagerin der Damenmannschaft des Würzburger Rugby Klubs, kann exakt erklären, wie man das Leder-Ei hält und wirft. Dagegen tut sie sich schwer, ihre Begeisterung für Rugby in Worte zu fassen. Sie wirft das Ei noch einmal durch die kühle Abendluft, bis sie es versucht: „Rugby ist einfach geil. Groß, klein, dick und dünn, für jeden ist was dabei. Es macht einfach Spaß.“

Zweimal in der Woche trifft sich die Damenmannschaft des Würzburger Klubs auf dem etwas abgelegenen Trainingsplatz am Oskar-Neisinger-Weg. Zeitgleich trainieren auch die Herren. Mit Stollenschuhen und Mundschutz in der Hand begrüßen die jungen Frauen Neulinge mit einem begeisterten „Spielst du heute mit?“. Natürlich. Schließlich muss man Rugby laut Caroline Proestler selbst ausprobieren, um die Begeisterung zu verstehen. Passend wäre auch die Frage gewesen, ob man Angst vor dem ersten Training hat. Die Antwort wäre dieselbe: natürlich.

Das Team ist eine Familie

Dass der Sprecher des Würzburger Rugby Klubs, Christian Behrens, seinen Arm in einer Schlaufe hält, weil er seine Schulter beim Spielen ausgekugelt hat, ist etwas beunruhigend. Doch die herzliche Art der Lionesses, der Löwinnen, wie sich die Würzburger Rugby Damen nennen, lässt alle Befürchtungen in den Hintergrund rückten.

„Wir sind eine Familie. Dieser Zusammenhalt macht diesen Verein auch wirklich aus – vor allem bei den Mädels“, sagt Christian Behrens. Er soll Recht behalten. Nach einer kurzen Aufwärmphase mit Nackendehnen und Armekreisen fängt das Spiel an. Die Stimmung unter den Frauen ist harmonisch, obwohl sie sich auf dem Feld tackeln, also mit viel Körpereinsatz versuchen, dem Gegner das Leder-Ei abzunehmen. Der Respekt untereinander ist wichtig. Seit 2012 gibt es den Würzburger Rugby Klub, die Damenmannschaft allerdings erst seit zwei Jahren. Aktuell trainieren 25 Frauen im Verein. Heute sind 15 trotz der Kälte zum Training auf den Platz gekommen.

Im Gegensatz zu den Herren, die mit 15 Mann auf dem Platz stehen, spielen die Damen Siebener Rugby, erklärt Christian Behrens. Für ein Spiel braucht man zwölf feste Mannschaftsmitglieder.

Die Würzburger Damen treten in der Division Süd der Siebener Rugby Liga an, die es seit 2002 gibt. „In der letzten Saison gab es gleich zwei neue Mannschaften: Würzburg und Unterföhring“, sagt Vereinsvorsitzender Charles Hall.

Das zeigt: Rugby ist „in“. Sich Raufen und zum Schutz des Leder-Eis in den Matsch zu werfen – vielleicht gefällt Rugby gerade deswegen vielen Frauen so gut. „Es ist nicht diese klischeehafte Rolle eines Mädchens – du kannst alles rauslassen“, sagt Christians Behrens. Was er damit meint, wird beim Schlachtruf kurz vor dem Probespiel deutlich. Die Neue darf heute schreien: „Würzburg“. Das Team steht eng umschlungen im Kreis. Die Antwort kommt prompt und vielstimmig: „Ladies“. Dreimal wird das Ganze wiederholt. Das motiviert.

Gepackt von der Rugbyliebe

Nach der Weltmeisterschaft 2015, dem drittgrößten Sportereignis der Welt, ist das Interesse an der Sportart spürbar gewachsen. „Es gab einen richtigen Boom“, so Behrens. Zu diesem Zeitpunkt haben sich viele Vereine neu positioniert und aktiv um Mitglieder geworben. Der Würzburger Rugby Klub hat seitdem eine Facebook-Seite. Mitspieler kommen auch von der Universität, manche spielen während ihres Auslandsjahres im Verein. Knapp hundert Mitglieder hat der heute. „Viele sind dabei geblieben, weil es Spaß macht und was anderes ist“, sagt Christian Behrens.

Verständlich. Die Sportart verbindet Bolzplatz-Gefühl mit einem komplizierten Spielverlauf. Wer einmal das Leder-Ei für sein Team aus einem Scrum gefischt hat, wird vermutlich schnell von der Rugbyliebe gepackt. Da stört es auch nicht, dass nach dem Training das Regenwasser in den Schuhen steht und die Muskeln brennen.

Die wichtigsten Regeln beim Rugby

Der Angriff: Raumgewinn kann beim Rugby auf vier verschiedene Arten erreicht werden: Durch das Umlaufen des Gegenspielers durch eine Körpertäuschung oder plötzliche Richtungsänderung, durch einen kleinen (Über-)Kick über den Gegner und Nachlaufen des Balltreters, indem man der gegnerischen Verteidigung durch Abspielen des Balles entwischt, also das sogenannte passen, oder wenn mehrere Spieler sich aneinander festhalten und versuchen, den Gegner wegzudrücken. Dieser Zug wird Maul genannt. Um den Raumgewinn des Gegners zu verhindern, gibt es nur eine Möglichkeit: Das Tiefhalten oder sogenannte Tackling. Alles andere, zum Beispiel Beinstellen, Schlagen oder Halten am Hals, ist verboten. Generell ist Körpereinsatz erlaubt und gefordert, aber Fairness ist das oberste Gebot. Die Punkte: Wenn der Ball über die Mallinie in das gegnerische Malfeld gelegt wird, ist das ein Versuch und zählt fünf Punkte. Nun hat man die Möglichkeit noch zwei Punkte zu erzielen, indem man von der Stelle des Versuchs soweit parallel zur Auslinie zurückgeht, bis ein günstiger Winkel entsteht, um den Ball durch die Stangen und über die Querlatte zu kicken. Gedränge (Scrum): Wird der Ball nach vorne geworfen, ordnet der Schiedsrichter ein Gedränge an. Je acht Stürmer einer Mannschaft binden sich aneinander und versuchen, nachdem der Ball in den Tunnel geworfen wurde, den Ball durch Wegdrücken des Gegners zu bekommen. Variationen des Rugbyspiels werden erreicht, indem man die Spielerzahl reduziert. Siebener Rugby etwa ist schneller und auch für Laien übersichtlicher. bau
 

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