WÜRZBURG

SPD-Basis feiert Martin Schulz

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz stellt sich am Samstag (04.03.17) im Vogel Convention Center (VCC)  in Würzburg der Basis vor.
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz stellt sich am Samstag (04.03.17) im Vogel Convention Center (VCC) in Würzburg der Basis vor. Foto: Patty Varasano

Minutenlanger Applaus, zahlreiche Jubel-Plakate („Martin, ich will eine Regierung von Dir“) und lautstarke „Martin, Martin“-Rufe: Auch in Würzburg feiern 1000 Zuhörer im Vogel Convention Center Martin Schulz, den designierten Kanzlerkandidaten der SPD. Die Aufbruchstimmung unter den Genossen ist auch bei der dritten von deutschlandweit fünf Regionalkonferenzen spürbar.

Walter Kolbow, Ehrenvorsitzender der SPD in Unterfranken, hat dieser Tage bei Facebook sein rotes Mitgliedsbuch mit dem Eintrittsdatum gepostet: 1. März 1967. Fragt man den 72-Jährigen, wann er seine Partei zuletzt so euphorisch, so optimistisch erlebt habe, antwortet dieser: „Beim Eintritt vor 50 Jahren.“ Willy Brandt, damals Außenminister einer Großen Koalition unter CDU-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger, sei seinerzeit die Lichtgestalt der Genossen gewesen. Zwei Jahre später stellte die SPD erstmals den Bundeskanzler. So soll es jetzt mit Schulz wieder gelingen.

Klage über Gerechtigkeitslücken

„Dass der 61-jährige ehemalige Fußballer („bin FC-Köln-Fan“) auf Sieg spielt, daran lässt er in seiner 50-minütigen Rede keinen Zweifel. Die SPD trete unter seiner Führung mit dem Anspruch an, die stärkste politische Kraft in Deutschland zu werden. Wer dann ein Koalitionspartner sein könnte, darüber spricht Schulz erwartungsgemäß nicht.

Ihm gehe nicht darum, ein blühendes Land schlecht zureden, sagt er. Doch es gebe Gerechtigkeitslücken, wenn Studenten, Alleinerziehende und viele Familien in Ballungsräumen keinen bezahlbaren Wohnraum finden, wenn zwar der Bäckermeister um die Ecke seine Steuern bezahle, nicht aber der amerikanische Kaffee-Konzern.


Konkret fordert er unter anderem „Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Universität“, mehr Unterstützung und eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte sowie Investitionen in Qualifizierung und Weiterbildung auch von älteren Arbeitnehmern. Dafür solle man die derzeitigen Milliardenüberschüsse der öffentlichen Haushalte verwenden statt Steuergeschenke zu verteilen, von denen vor allem Besserverdienende profitierten. Schulz mahnt mehr Chancengleichheit an. Dazu gehöre, dass Frauen und Männer – „im Osten und im Westen“ – den gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten und dass Infrastruktur überall ausgebaut wird.

„Menschen im ländlichen Raum sind genauso viel wert wie Menschen, die in der Großstadt leben.“

Bei den Genossen punktet der Kandidat bei den Genossen auch mit seiner Herkunft. Elf Jahre war er „Dorf-Bürgermeister“ der 40 000- Einwohner-Stadt Würselen bei Aachen. Kommunalpolitiker erführen „unmittelbar“ von den Sorgen der Menschen, sagt Schulz unter großem Applaus. Diese Erfahrung sei ihm ebenso wichtig wie die als Europa-Politiker. Der langjährige EU-Parlamentspräsident hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa. Nationalismus helfe nicht, um die Demokratie vor Anfeindungen wie dem islamistischen Terrorismus, aber auch vor Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu schützen. Insofern sei die AfD keine Alternative für Deutschland, sondern eine „Schande für Deutschland“. „Für alles haben sie Sündenböcke. Für nichts haben sie eine Lösung.“

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Martin Schulz

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„AfD gefährdet Demokratie“

Schulz kritisiert AfD-Vize Alexander Gauland, der analog zu US-Präsident Trump aktuell einen Einreisestopp für Muslime forderte. Im Grundgesetz stehe nicht, die Würde der Deutschen sei unantastbar, so Schulz. „Da steht, die Würde des Menschen ist unantastbar“. Der Kandidat stellt sich auch hinter die Pressefreiheit. Wer andere Meinungen als „Lügenpresse“ diffamiere, lege „Axt an die Wurzeln der Demokratie“ – egal, „ob er Präsident der Vereinigten Staaten ist oder in einer Pegida-Demonstration mitläuft“.

Persönlich wird Schulz auch, wenn er in Anspielung auf Schulabbruch und Alkohol-Absturz gesteht, er habe in jungen Jahren die „Orientierung verloren“. Doch Familie und Freunde hätten ihm eine „zweite Chance“ gegeben, die er als Buchhändler genutzt habe. Solche Erfahrungen wünsche er sich auch für andere Menschen. „Es geht um den gegenseitigen Respekt vor der individuellen Lebensleistung.“

Martin Schulz nahm sich am Samstag (04.03.17) im Vogel Convention Center (VCC) Zeit für seine Fans.
Martin Schulz nahm sich am Samstag (04.03.17) im Vogel Convention Center (VCC) Zeit für seine Fans. Foto: Patty Varasano

Mit Vorwürfen gegen CDU und CSU oder gar die Bundeskanzlerin hält sich Schulz zurück. Die anderen Parteien seien Mitbewerber, „keine Feinde“. Nur eine Spitze will er sich nicht verkneifen: Der CSU-Generalsekretär habe am Aschermittwoch von der „gefühlten Mehrheit“ gesprochen, die zur CSU-Veranstaltung gekommen sei. Er aber sei froh, so Schulz, „dass in der Demokratie noch immer die reale Mehrheit entscheidet“. Da jubelt der Saal.

Verspätung wegen Stau

Nach knapp einer Stunde ist der Hoffnungsträger dann auch wieder weg. Viel Zeit für Selfies und Autogramme hat Schulz nicht. Schließlich ist er mit Verspätung in Würzburg angekommen. Er saß fest im Stau auf der A 3. „Wahrscheinlich ist der Dobrindt schuld“, spotteten da die Genossen in Anspielung auf den CSU-Verkehrsminister.

Derweil präsentieren sich im VCC die unterfränkischen Bundestagskandidaten Bernd Rützel (Main-Spessart), Sabine Dittmar (Bad Kissingen), Eva Maria Linsenbreder (Würzburg) und Markus Hümpfer (Schweinfurt/Kitzingen). Ulrich Maly, der Oberbürgermeister von Nürnberg, sprach angesichts des Aufwinds für die SPD von „Martin-Schulz-Festspielen“.

Rückblick

  1. Das große Scheitern
  2. Ernst wird es, wenn Steinmeier die Kanzlerwahl startet
  3. Trauma von 2013 wirkt noch nach
  4. Mit Schulz in mögliche Neuwahlen?
  5. CSU steht vor der Seehofer-Zerreißprobe
  6. Klaus Ernst (Die Linke): Für Neuwahlen und Plebiszite
  7. Bernd Rützel (SPD): Weiter Nein zu Schwarz-Rot
  8. Stamm: „Seehofer unverzichtbar“
  9. Bär: „Viel Arbeit für den Papierkorb“
  10. Rottmann: „Jamaika-Scheitern ist schlecht fürs Land“
  11. Unterfränkischer FDP-Chef: „Scheitern war nie auszuschließen“
  12. +++ LIVE +++: Wie geht es nach dem Jamaika-Aus weiter?
  13. Wenn es Mainfranken nach Jamaika zieht
  14. Bundestag so groß wie nie zuvor
  15. Protest gegen AfD-Wähler: Rentner reagiert gelassen auf Kommentare
  16. Ein Rentner schämt sich für die AfD-Wähler in seiner Stadt
  17. Bisherige AfD-Chefin Frauke Petry vollzieht Parteiaustritt
  18. Wer in der AfD-Fraktion sitzt
  19. MdB Hoffmann fordert Seehofer-Rücktritt
  20. Ein teurer, aufgeblähter Bundestag mit 709 Abgeordneten
  21. Frauke Petrys Abgang mit Ansage
  22. Seehofer: Rücktrittsforderungen auch in Unterfranken
  23. Bofinger: AfD-Wähler nicht vorrangig aus ärmsten Schichten
  24. Hart, aber fair: Bär & Co. üben schon mal für Jamaika
  25. Bremst Merkel ihren Einsatz für Europa?
  26. Frauke Petry sorgt für Eklat
  27. Standpunkt: Der AfD droht die Spaltung
  28. Vorsichtige Schritte in die Zukunft
  29. Die SPD leckt ihre Wunden
  30. Rücktrittsforderungen an Seehofer sind bisher nur Einzelmeinungen
  31. Leitartikel Seehofers Existenzfrage
  32. Bundestagswahl: Tops und Flops in Main-Spessart
  33. Wahlanalyse: Mit der AfD haben Würzburgs Wähler wenig am Hut
  34. Wo die AfD in Unterfranken besonders gepunktet hat
  35. Grünen-Kandidatin Rottmann spricht von einem „großen Erfolg“
  36. Unterfränkische Wahlbilanz: Die Alten bleiben, Neue kommen
  37. Zufriedenheit bei AfD-Kandidat
  38. Das große Comeback der Liberalen
  39. Merkel, die Vierte - aber wie geht es dann weiter?
  40. Trotz Verlusten: Merkel bleibt Kanzlerin
  41. Schulz stimmt SPD auf Opposition ein
  42. Schockstarre bei der CSU
  43. "Die Volksparteien müssen ihre Strategien ändern"
  44. Schockstarre bei der Würzburger CSU
  45. Grüne: Gewinne für Partei und Martin Heilig
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  47. Der Herr der Hochrechnungen
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