Würzburg

Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?

Luisa Neubauer ist das Gesicht der deutschen Klimaschutzbewegung, hier beim Globalen Klima-Protesttag vor dem Brandenburger Tor am 20. September. Foto: Fabian Sommer, dpa

Liebe Luisa Neubauer,

Sie haben mir vor Kurzem geschrieben, also nicht mir direkt, aber irgendwie fühlte ich mich doch angesprochen. „Interessiert euch!“, war Ihr Aufruf in einer großen deutschen Wochenzeitung überschrieben, und Sie meinten damit uns, die Journalisten. Es müsste selbstverständlich sein in diesen Zeiten, so lauteten Ihre anklagenden Worte, dass Journalisten aller Ressorts über die Klimakrise Bescheid wüssten, aber nur wenige verfügten über eine gewisse Expertise.

Ich möchte mich ungern herausheben aus der Reihe der vermeintlich Ahnungslosen. Aber ich bin so selbstbewusst zu behaupten, die großen Zusammenhänge – und darum geht es – durchaus begriffen zu haben.

Die Menschheit muss sich ändern, um auf dieser Welt weiter existieren zu können. Wissenschaftlich betrachtet, könnte man sagen, unser Planet habe eh keine Chance, weil ihn die Sonne in spätestens 500 000 Jahren so weit aufgeheizt hat, dass Leben nach unserem Verständnis nicht mehr möglich ist. Aber unser aller Ziel sollte doch sein, uns bis zum Jüngsten Tag eine möglichst angenehme Zeit zu machen. Machen wir so weiter wie bisher, dauert es keine 50 Jahre, bis viele Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren.

Der Wald stirbt - das hatten wir schon mal

Aber wem sage ich das, liebe Luisa! Sie wissen selbst, wie es um die Zukunft der Erde steht. Beschissen, würden Sie in Ihrem jugendlichen Impetus sagen. Die Amazonaswälder brennen, die Polkappen schmelzen, und wenn ich morgens vor die Tür trete und auf unseren Hausberg blicke, sehe ich braune Bäume. Der Wald stirbt – das hatten wir schon mal in anderer Form. Und dann feiert sich neulich ein Politiker – ich weiß nicht mehr, wer es war – dafür, dass heute keiner mehr übers Ozonloch rede. Das sei doch ein Erfolg. Was soll man dazu sagen?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, als Sie vorige Woche das von der Koalition geschnürte Klimapaket in Händen hielten. Ich habe mich erst mal hingesetzt, habe die Schleife des Päckchens entfernt und voller Spannung hineingeschaut. Aber wissen Sie, was ich gefunden habe? Nichts als laue Luft, die beim Öffnen entwichen ist. Bei der Stiftung Warentest wäre es als glatte Mogelpackung durchgefallen. Gerne hätte ich das Paket zurückgesandt mit dem Vermerk: Zustellung verweigert.

Seit fast einem Jahr gibt es in Deutschland die Fridays-for-future-Demos wie hier am 5. Juli in Würzburg. Foto: Daniel Peter

Woran ich denken musste bei diesem angeblich so großen Wurf des deutschen Klimakabinetts: an eine Karikatur aus dem Jahr 2013, die neben meinem Schreibtisch hängt, darauf zwei Männer und ein grimmig blickender Eisbär mit Demo-Plakat. Sagt der ältere Herr zu seinem Gegenüber, einem Bonzen in Anzug und mit dicker Zigarre: „Hinter Ihnen läuft ein kleiner Eisbär.“ Darauf der Bonze: „Ich weiß, das sind die Klimaziele. Die gehen mir gerade am Arsch vorbei.“ Die Industrie glaubt immer noch, dass es in unserer endlichen Welt unendliches Wachstum gibt. Und die Regierung Merkel? Tut das, was sie immer schon getan hat: Politik mit minimalem Risiko. Sie wirft bei Problemen einfach mit Geld um sich.

Werden Sie jetzt noch radikaler auftreten?

Was mich wirklich interessiert: Wie gehen Sie um mit dieser Ignoranz der Mächtigen? Was bedeutet das für Ihre Bewegung? Werden Sie noch radikaler, noch lauter auftreten? Wenn nicht die sichtbare und fühlbare Zerstörung des Planeten Wind auf Ihre Mühlen ist, was muss noch passieren, damit Sie nicht als moderner Don Quijote in die Geschichte eingehen? Sie, liebe Luisa, haben der Klimabewegung in Deutschland ein Gesicht gegeben, sind sozusagen die hiesige Botschafterin der globalen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die in dieser Woche beim UN-Klimagipfel in New York eine, nun ja, Wutrede gehalten hat. Wussten Sie vorher davon?

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg während ihrer Wutrede beim UN-Klimagipfel in New York. Foto: Jason Decrow

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie und Ihre Mitstreiter sich mit wachsender Lautstärke auch mehr Gehör verschaffen. Viele Menschen haben Angst, dass ihnen etwas genommen wird von ihrem Wohlstand, aber es wird nicht gehen, ohne sich zu bewegen, ohne sich einzuschränken, und zwar nicht in kleinen Schritten, sondern schnell. Das ist das Dilemma, in dem ich auch Sie sehe.

Meine Sympathie haben Sie: weil Sie mutig vorangehen, weil Sie den Leuten nichts vormachen und Ihnen ungeschminkt die Wahrheit sagen. Ich halte bei der Größe der Aufgabe nichts von kleinen Schritten. Ein bisschen Klimaschutz geht nicht – genauso wenig wie ein bisschen schwanger, um mal mit einem großen deutschen Wirtschaftspolitiker zu sprechen. Deshalb dürfen Sie jetzt nicht aufhören. Ein echter Revolutionär braucht vor allem eines: Geduld.

Mit besten Grüßen,

Eike Lenz, Redakteur

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Rückblick

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