Würzburg

Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?

Johannes Engels war von 2003 bis 2015 Kulturamtsleiter in Würzburg. In der Öffentlichkeit steht er unter anderem weiterhin als Moderator der Sparda-Bank Classic Night beim Hafensommer. Foto: Patty Varasano

Lieber Herr Engels, als wir neulich beisammen saßen und über unvergessliche Erlebnisse mit Musik schwärmten, wurde mir wieder einmal klar, wie unersetzbar das echte Konzerterlebnis ist. Auch und gerade in Zeiten unendlicher Verfügbarkeit elektronischer Medien. Natürlich mag es bequemer sein, ein Konzert oder eine Oper daheim auf dem Sofa zu genießen, als sich in Schale zu werfen, womöglich an der Kasse anzustehen und den Abend dann eingepfercht hinter einer Dame mit Hochsteckfrisur und/oder neben einem Herrn mit der Statur eines mehrtürigen Kleiderschranks zu verbringen. Und man bekommt ja auch nicht immer Eintrittskarten.

Eng kann's schon mal werden, besonders an der heiligste Stätte klassischer Kulturpflege überhaupt: im Festspielhaus Bayreuth. Glücklicherweise geht es andernorts längst viel komfortabler und entspannter zu. Im Großen Saal der Hochschule für Musik Würzburg zum Beispiel, in dem seit vielen Jahrzehnten die Meisterkonzerte der Musikalischen Akademie stattfinden. Aber wer weiß das besser als Sie, langjähriger Würzburger Kulturamtsleiter und vor allem Vorsitzender der Musikalischen Akademie, lieber Herr Engels?

Während Riesen-Open-Air-Events Zigtausende locken, tut sich klassische Kammermusik schwer

Ich habe hier viele wunderbare Abende verbracht. Besonders als Musikstudent war ich dankbar für die Möglichkeit, Solisten und Kammermusiker von Weltrang live erleben zu können. Es waren nur ein paar Schritte aus dem Übezimmer rüber in den Saal, und ich konnte phänomenale Auftritte etwa des Emerson String Quartet oder von Jacques Loussier erleben. Oder jenes Konzert, als dem Geiger Rainer Kussmaul einfach so der Bogen brach. Selten habe ich ein verdutzteres Gesicht auf einer Konzertbühne gesehen. Dass Kussmaul das Konzert mit einem Ersatzbogen so kaltblütig wie bravourös zu Ende brachte, war im übrigen auch ganz schön eindrucksvoll. 

All sowas erlebt man nur live. Dafür gibt es keinen Ersatz. Auch nicht in HD. Und doch plagen viele Programmgestalter Sorgen. Denn während Riesen-Open-Air-Events wie Beethovens Neunte am Brandenburger Tor Zigtausende locken, tut sich klassische Kammermusik im Saal schwer. Der Quartettabend, vor wenigen Jahrzehnten noch die Königsdisziplin, ist heutzutage eher was für hartgesottene Spezialisten. 

In ihrer Funktion als Vorsitzender der Musikalischen Akademie und damit Programmverantwortlicher der Meisterkonzerte kämpfen Sie, lieber Herr Engels, mit genau diesem Phänomen: Es gibt zwar ein treues Stammpublikum, doch es altert gemeinsam, während der Nachwuchs sich rar macht. Klassik gratis und draußen gerne. Aber drinnen ist das doch eher uncool.

Was sicher auch an den alten Klassik-Klischees liegt: langweilig, steifleinern, akademisch, schwierig, anstrengend. Diese Vorurteile haben übrigens noch nie gestimmt – zumindest nicht generell. Natürlich gibt es langweilige Klassik-Konzerte, so wie es auch langweilige Rock- oder Jazzkonzerte gibt. Ohne jetzt zu sehr abzuschweifen, sei hier nur angemerkt, dass die Unterscheidung in E- und U-Musik sowieso Unfug ist. Oder, um einmal mehr den großen Leonard Bernstein zu zitieren: "Es gibt nur gute Musik und schlechte."

Vielleicht ist es  ja wie auch sonst im Leben: Es muss eine Krise her, damit etwas Neues entsteht

Dennoch, das Problem besteht: Es kommen zu wenige Besucher in die Meisterkonzerte. So wenige, dass der Fortbestand der Reihe gefährdet ist, wie Sie mir neulich im Gespräch gesagt haben, Herr Engels. Dabei ist vieles, was die Meisterkonzerte anbieten, durchaus cool. Dass Sie die Finger von halbgaren Crossover-Projekten lassen, wie sie derzeit so schwer in Mode sind, halte ich übrigens für eine besondere Qualität.

Sie haben sich jetzt eine Dreijahresfrist gegeben, um neue Ansätze für die Meisterkonzerte zu entwickeln. Vielleicht ist es hier ja wie auch sonst im Leben: Es muss erst eine Krise her, damit etwas Neues entstehen kann. In diesem Fall vielleicht das Konzert der Zukunft? Es gibt sie ja, die Ensembles, die mit neuen Ideen begeistern. Das Vision String Quartet, das in der vergangenen Saison zu Gast war, zum Beispiel. Da spielen die Musiker auswendig und im Stehen (nur der Cellist natürlich nicht), was der Vitalität und Spontaneität des Auftritts entgegenkommt. Kaum zu glauben, dass die Gattung über 200 Jahre alt werden musste, bevor jemand auf diese Idee kam.

Das Vision String Quartet hat auch in Würzburg den Saal gerockt, der halt leider halb leer war. Es wird also sicher ein wenig dauern, bis sich herumspricht, dass bei den Meisterkonzerten Zukunftsmusik im besten Sinne gespielt wird. Ich jedenfalls kann es kaum erwarten.

Mit besten Grüßen, Mathias Wiedemann, Redakteur


Jedes Wochenende lesen Sie unseren  "Samstagsbrief" . Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.

Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück.
Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier.

Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Miss Bayern, Du bist mehr als eine Blondine!
  2. Samstagsbrief: Warum ist Bildung Glückssache, Frau Karliczek?
  3. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  4. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  5. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  6. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  7. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  8. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  9. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  10. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!
  11. Antwort von Peta zum Schweineskandal: "Tierquälerei pur“
  12. Samstagsbrief an PETA: Nerven Sie weiter im Schweineskandal!
  13. Antwort auf Samstagsbrief: Verständnis füreinander ist wichtig!
  14. Samstagsbrief: Opa Gerhard, stell den Ramazzotti kalt!
  15. Samstagsbrief: Herr Könicke, passen Sie auf Ihre Messe auf!
  16. Samstagsbrief: Frau Neubauer, was sagen Sie zum Klimapäckchen?
  17. Samstagsbrief: "Stutzen Sie den Bundestag auf Normalmaß, Herr Schäuble!"
  18. Antwort auf den Samstagsbrief: Vom Zauber der deutschen Sprache
  19. Samstagsbrief: Herr Sturn, feiern wir die deutsche Sprache!
  20. Samstagsbrief: Liebe Eltern, nerven Sie Ihr Kind zum Schulanfang nicht!
  21. Samstagsbrief: Herr Engels, erklingt in Würzburg demnächst Zukunftsmusik?
  22. Samstagsbrief: Es lebe das Spaghetti-Eis, Herr Fontanella!
  23. Samstagsbrief: Herr Rorsted, danke für die Adilette!
  24. Samstagsbrief: Lieber St. Burkard, versimpelt die Gesellschaft?
  25. Antwort auf Samstagsbrief: Wieso hängt das Antikriegs-Banner nicht mehr am Rathaus?
  26. Samstagsbrief: Herr Heil, sind Sie mutig – oder tollkühn?
  27. Klima-Debatte: Warum sich die Wissenschaftler festlegen
  28. Samstagsbrief: Danke für den Klima-Klartext, Herr Lohse!
  29. Samstagsbrief: Sie verdienen selbst den Preis, Herr Schmelter
  30. Samstagsbrief: Herr Winterkorn, haben Sie zu hoch gepokert?
  31. Sind Sie Chef einer Poker-Zentrale, Herr Juncker?
  32. Samstagsbrief: Frau Bundestrainerin, geben Sie dem Frauenfußball neuen Stolz!
  33. Antwort auf den Samstagsbrief: Mehr als nur Mathe-Abi
  34. Samstagsbrief: Herr Reichhart, lernen Sie von den Tirolern!
  35. Samstagsbrief: Herr Lafontaine, ist bei Ihnen jetzt Ehekrach?
  36. Samstagsbrief: Respekt, Frau Kaniber, für Ihre Charmeoffensive!
  37. Samstagsbrief: Herr Pfeiffer, ihre Reaktion gegen Gaffer war klasse
  38. Beim Mathe-Abi haben sich die Schüler verrechnet, Herr Grasmüller
  39. Samstagsbrief: Frau Brunschweiger, Kinder sind keine Umweltsünde
  40. Samstagsbrief: Hat Ihnen Kevin Kühnert den Wahlkampf versaut, Herr Schulz?
  41. Samstagsbrief: Sind 30 Meter zu viel für die Gerechtigkeit, Herr Siebert?
  42. Samstagsbrief: Eure Heiligkeit, diese Haltung zu Kindesmissbrauch verstört!
  43. Herr Cryan, warum sind Abfindungen wie bei Ihnen so hoch?
  44. Samstagsbrief: Was macht Misstrauen mit uns, Herr Rörig?
  45. Samstagsbrief: Herr Botschafter, stoppen Sie Ihre Attacken auf die deutsche Politik!
  46. Linke Nähe zur AfD? Klaus Ernst antwortet auf Samstagsbrief
  47. Samstagsbrief: Sie haben meinen Respekt, Greta Thunberg!
  48. Samstagsbrief: Wie nah sind sich "ganz links" und "weit rechts", Herr Ernst?
  49. Samstagsbrief: Wie trefflich locker ist Ihre Zunge wirklich, Herr Aiwanger?
  50. Samstagsbrief: Das ist keine Schmähkritik, Heidi, das ist Lob!

Schlagworte

  • Würzburg
  • Mathias Wiedemann
  • Festspielhaus Bayreuth
  • Hochschule für Musik
  • Hochschule für Musik Würzburg
  • Jacques Loussier
  • Johannes Engel
  • Kammermusiker
  • Klassische Musik
  • Leonard Bernstein
  • Ludwig van Beethoven
  • Musiker
  • Oper
  • Rainer Kussmaul
  • Samstagsbrief
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!