Würzburg/München

Samstagsbrief: Lieber Pumuckl, uns fehlt ein Kobold!

Am Sonntag kehrt der Pumuckl ins Fernsehen zurück. Bei unserem Autor werden da Kindheitserinnerungen wach. Aber wäre die Sendung so wie sie war heute noch möglich?
Die Serie 'Meister Eder und sein Pumuckl' hatte vor 38 Jahren ihre Fernsehpremiere im Bayerischen Rundfunk.
Die Serie "Meister Eder und sein Pumuckl" hatte vor 38 Jahren ihre Fernsehpremiere im Bayerischen Rundfunk. Foto: Bayerischer Rundfunk

Lieber Pumuckl!

Wir hatten zu Hause einen gelben Wälzer mit Dir auf dem Titel, aus dem mir meine Mutter oft vorgelesen hat. Darin waren alle Deine großen und kleinen Abenteuer mit dem Meister Eder gesammelt. Die Geschichte von eurem Ausflug in den Zoo musste sie mir so oft vorlesen, dass sie sie vermutlich heute noch auswendig kann. Natürlich hatte ich auch die Hörspiele auf Kassette. Und es kommt mir wie gestern vor, dass ich als kleiner Junge vor dem Fernseher saß, während Du am Leimtopf vom Meister Eder festgepappt bist. Wie Du deswegen für den Schreinermeister sichtbar wurdest und dann 52 Folgen lang Eders Werkstatt und seine Münchener Hinterhofwelt auf den Kopf gestellt hast.

Du bist eine Kindheitserinnerung, lieber Pumuckl, die nun zurückkommt. Wie ich das finde? Ich antworte mit einem deiner vielen Gedichte: "Späne fallen, Nägel knallen, mich freut's, niemand bereut's." Ab diesem Sonntag läuft die Serie aus den 80ern – wie es sich gehört digital aufgehübscht – wieder im Bayerischen Rundfunk. Doch wichtiger als die HD-Bildqualität ist, dass Du und der Meister Eder wieder in viele Kinderzimmer kommen. Denn was nach Euch kam, war meist kommerzielle Massenware ohne Anspruch. Von den "Minions" über die "Super Wings", "Paw Patrol" und die "Pokémon"-Filme bis hin zum Tiefpunkt aller Kindersendungen: den "Teletubbies". "Bledsinn", würde der Meister Eder sagen.

Ihr ward anders. Bei Euch haben Kinder noch was gelernt. Grundlegende Verhaltensregeln und Selbstverständlichkeiten, die heute allzu oft vergessen werden: dass man nicht lügt und niemanden ärgert. Dass auch ein Stück Schokolade verdient sein will. Dass man "auf einen, der in der Patschn sitzt" (Zitat Eder) nicht noch eintritt. Geradezu prophetisch wirkt die Edersche Feststellung: "Es muss a Blede geben, ned? Aber es wern oiweil mehra." Zu Hochdeutsch: Es muss auch Blöde geben, aber es werden immer mehr.

Zugegeben: Meister Eders Erziehungsmethoden waren manchmal grenzwertig. Der frechen Charlotte aus dem Vorderhaus, die immer Steine ans Werkstattfenster geschmissen hat, drohte er schon mal eine Watschn an – wahrgemacht hätte er die Drohung nie, dafür war der Grantler viel zu gutmütig. Dich hat er aber durchaus mal in eine Schublade gesperrt, wenn Du nicht gefolgt hast. Und – Du wirst dich erinnern, Pumuckl: Weil Du die Puddingkochversuche von Meister Eders abergläubischer Zugehfrau sabotiert hast, hat er dich ausgesperrt und Du musstest durchs Fenster zuschauen, wie der Schreinermeister den doch gelungenen Pudding ganz alleine aufisst. Wie so oft, hast Du auch in dieser Folge deine Lektion gelernt. "Eder ist strenger, merkt es Euch länger", hast Du treffend gereimt. Und auch wenn Du ein "Saubatzi" warst, vergaß der Eder nie: "Im Pumuckl steckt ein guter Kern, drum hab i ihn oiweil gern."

Aber weißt Du, was das Tragische ist, Pumuckl? Ich befürchte, heute wäre eine Sendung wie "Meister Eder und sein Pumuckl" nicht mehr möglich – zumindest nicht in dieser Form. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der sogar alte Kinderbücher und -lieder angeblich kindgerechter und politisch korrekt umgeschrieben werden. Drehbuchschreiber des Jahres 2020 würden Euch und die Serie wohl ganz anders kreieren. Viel glatter. Eder dürfte nicht mehr so leidenschaftlich fluchen und Du dürftest nicht mehr ganz so frech sein. Gedichte wie "Hallo Meister Eder, bist ein kleiner Blöder, das weiß wirklich jeder. Bohrt sich in der Nase, wie ein Osterhase. Manchmal kommt's auch vor, da bohrt er sich im Ohr" würden dem Rotstift zum Opfer fallen.

Und was glaubst Du, was heutzutage los wäre, wenn es in einer populären Kinderserie eine Szene gäbe, wie in "Pumuckl macht Ferien": Da fahrt Ihr zwar quasi Fridays-for-Future-konform klimaneutral in den Urlaub – von München mit dem Bummelzug auf einen Bauernhof ins Alpenvorland. Aber dort angekommen raucht der Eder erst mal eine "Ferienanfangszigarre" und trinkt statt einer von der Bäuerin angebotenen Milch lieber ein Bier. Damit nicht genug: Du bekommst sogar zwei Schluck ab. Ich sehe behütete Kinder vor mir, die an dieser Stelle von ihren Helikoptereltern Augen und Ohren zugehalten, aber nie vorgelesen bekommen.

Lieber Pumuckl, Du und der Meister Eder, Ihr seid aus heutiger Sicht herrlich unangepasst. Vielleicht ist der Eder mit seinen Flüchen und bist Du mit deinem Schabernack nicht immer das beste Vorbild. Aber wie Ihr mit den Menschlichkeiten umgeht, ist ehrlich und lehrreich. Blicke ich auf die heutige Gesellschaft, komme ich zum Schluss: Uns fehlt ein Kobold.

Mir bleibt nur noch zu sagen: Hurra, hurra, Du bist wieder da!

Pfüat di!

Benjamin Stahl, Redakteur

Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"
Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse.
Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

Rückblick

  1. Samstagsbrief: Sanften Tourismus für die Mainschleife, Marco Maiberger!
  2. Samstagsbrief: Andere kämpfen gegen Corona, Du machst Party?
  3. Samstagsbrief: Danke für die Corona-Schule, liebe Lehrer!
  4. Antwort auf Samstagsbrief: "Glauber höhlt Artenschutz-Gesetz aus"
  5. Samstagsbrief: Herr Friedl, loben Sie ruhig – und tadeln weiter!
  6. Samstagsbrief: Sie sind eben ein echter Kerl, Herr Scheuer!
  7. Samstagsbrief an Kapitän Schuppan: Liebe Kickers, ihr schafft das!
  8. Samstagsbrief: Bitte ein Auto-Konzert an der Residenz, lieber Sting!
  9. Samstagsbrief: Was Ihren Fall so tragisch macht, Herr Amthor
  10. Samstagsbrief: An die britische Boulevardpresse in Sachen Maddie
  11. "Naturwald"-Diskussion: Eck reagiert auf Samstagsbrief
  12. Samstagsbrief: Warum im Steigerwald nicht versöhnen, Herr Eck?
  13. Samstagsbrief: Treten Sie zurück, Herr Schulz, der SPD zuliebe!
  14. Samstagsbrief an einen Wirt: Konserviere deine Leidenschaft, lieber Bruder!
  15. Zwingt Corona Mütter in uralte Rollen, Frau Allmendinger?
  16. Antwort auf den Samstagsbrief: Schweißtreibendes Frisieren
  17. Samstagsbrief: Nehmen Sie's lockig, Frau Henneberger
  18. Samstagsbrief: Ciao Maria, danke für die Kugel Normalität!
  19. Antwort auf Samstagsbrief: Erzieherin aus Leidenschaft
  20. Samstagsbrief in Coronazeiten: Erzieher sind keine Basteltanten
  21. Samstagsbrief: 100 000 Mundmasken sind ein starkes Signal, Herr Grupp!
  22. Samstagsbrief an Zukunftsforscher: Wie geht es nach Corona weiter?
  23. Antwort auf Samstagsbrief: Ein Telefon für Ängste rund um Corona
  24. Samstagsbrief: Herr Bach, als Herr der Ringe müssen Sie Olympia absagen!
  25. Samstagsbrief: Frau Schmidt, die Corona-Besorgten brauchen Sie!
  26. Samstagsbrief: Herr Hopp, halten Sie Spielabbrüche für gerechtfertigt?
  27. Samstagsbrief: Lieber Pumuckl, uns fehlt ein Kobold!
  28. Samstagsbrief: Herr Frankenberger, Ihre Moralkeule wird gebraucht
  29. Samstagsbrief: Sie sind ein Glücklichmacher, Herr Preuß!
  30. Samstagsbrief: Respekt für diese Thüringer Chuzpe!
  31. Antwort auf Samstagsbrief: Mit Argumenten gegen Bonpflicht
  32. Samstagsbrief: Herr Weghofer, beim Bier hört der Spaß auf!
  33. Samstagsbrief: Herr Ludewig, regen Sie sich über die Bonpflicht auf!
  34. Samstagsbrief: Herr Seehofer, sollen wir alle auf die Straße?
  35. Samstagsbrief zur Landarztquote: Hausarzt Dr. Geis antwortet
  36. Samstagsbrief: Herr Dusolt, geben Sie dem Minister einen Verweis
  37. Debatte um Feuerwerk: "Irrelevante Kennzahlen werden vermischt"
  38. Samstagsbrief: Dr. Geis, Landarzt aus Spaß ist besser als durch Quote
  39. Samstagsbrief: Hat es sich bald ausgeböllert, Herr Gotzen?
  40. Samstagsbrief: Frau Schotte, Sie lassen uns ans Christkind glauben
  41. Samstagsbrief: Miss Bayern, Du bist mehr als eine Blondine!
  42. Samstagsbrief: Warum ist Bildung Glückssache, Frau Karliczek?
  43. Samstagsbrief: Herr Heil, verklären Sie die Grundrente nicht!
  44. Schiri Bauer: Warum Fußballprofis manchmal schlechte Vorbilder sind
  45. Samstagsbrief: "Wieso bestrafen Sie Sparer, Herr Fedinger?"
  46. Samstagsbrief: Wir brauchen mehr Christkinder wie Dich, Benigna
  47. Samstagsbrief: Keine Angst vor der Einheit, Herr Krenz!
  48. Samstagsbrief: Schiri Bauer, helfen Schokoküsse dem Fußball?
  49. Antwort auf Samstagsbrief: "Bauern sind Klimaschützer!"
  50. Samstagsbrief: Bauer Wasmuth, Sie haben vom Feind gelernt!

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Benjamin Stahl
  • Bayerischer Rundfunk
  • Digitaltechnik
  • Fernsehen
  • Fernsehgeräte
  • Gedichte
  • Hörspiele
  • Kinder und Jugendliche
  • Kindersendungen
  • Pumuckl
  • Redakteure
  • Rundfunk
  • Samstagsbrief
  • Öffentlichkeit
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
10 10
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!