Würzburg

Satelliten und mehr: Ringen um Raumfahrtforschung in Würzburg

Die Professoren an Würzburgs Uni sind alarmiert: Dreht der Freistaat der Raumfahrtforschung den Hahn zu, indem er alles Geld nach München pumpt? Einiges ist in Gefahr.
Fünf Professoren vereint für die Raumfahrtforschung an der Uni Würzburg: (von links) Andreas Nüchter, Dekan Samuel Kounev , Klaus Schilling, Sergio Montenegro und Hakan Kayal. Sie warnen vor einem Abbau und einem Verlust von wissenschaftlicher Kompetenz in Würzburg.  Foto: Silvia Gralla

Man hatte an den Lehrstühlen große Hoffnung in die millionenschwere Hightech Agenda von Ministerpräsident Markus Söder gesetzt. Zählt doch die Raumfahrtforschung an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität (JMU) in Satellitenentwicklung und Informatik zu den führenden Zentren in Deutschland. Doch statt einem ordentlichen Anschub sollen jetzt nur Brotkrumen von der satten Förderung des Freistaats übrig bleiben. Der pumpt das meiste Geld in den Aufbau einer neuen Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie (Erdvermessung) mit 55 Professuren an der TU München.

Politik und Wirtschaft machen sich für Würzburger Raumfahrtforschung stark

Ein Prestigeprojekt auf Kosten bestehender Kompetenz in Würzburg? Jedenfalls droht an der hiesigen Universität nun zu verhungern, was man über die Jahre mit großem Einsatz – und öffentlichen Mitteln – aufgebaut hat. Das ruft auch Wirtschaft und Politik auf den Plan. In einem gemeinsamen Brief haben sich kurz vor Weihnachten die Gesellschafter des Würzburger Technologie- und Gründerzentrums (TGZ) an den Ministerpräsidenten gewandt.

Prof. Klaus Schilling mit dem von ihm und seinen Mitarbeitern entwickelten Kleinstsatellit UWE in seinem Zentrum für Telematik. Foto: Silvia Gralla

Unterzeichnet ist der Brief von den Spitzen der IHK und Handwerkskammer in Unterfranken, von Würzburgs OB Christian Schuchardt und Landrat Eberhard Nuß sowie den Präsidenten von Uni und FH.  Sie fordern in dem Schreiben eine ordentliche Grundfinanzierung für das im TGZ angesiedelte Zentrum für Telematik unter Leitung von Prof. Klaus Schilling. IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Jahn hält das Zentrum für einen "Leuchtturm an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft". Es benötige und verdiene die politische und finanzielle Unterstützung aus München, sagt Jahn.

Höchste europäische Forschungspreise für Satellitenentwicklung

Klaus Schilling ist Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Telematik an der Uni und Pionier der Würzburger Raumfahrtforschung. 2003 kam er nach Mainfranken, hatte zuvor für die ESA und an der renommierten Universität Stanford (USA) gearbeitet. Im Lauf der Jahre hat Schilling eine vielbeachtete Expertise vor allem bei der Forschung mit Kleinstsatelliten entwickelt. Dekoriert wurde er dafür mit den höchsten europäischen Forschungspreisen (ERC Grants).

An Würzburgs Uni ist die Raumfahrtforschung gewachsen, gerade wurde im Rahmen des Elitenetzwerks Bayern die fünfte Professur (für Satellitenkommunikation) besetzt, eine sechste ist – finanziert vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt – auf dem Weg. Ab dem nächsten Wintersemester gibt es den Studiengang Luft- und Raumfahrtinformatik sogar als Master.

Andreas Nüchter, Professor für Telematik am Lehrstuhl für Robotik und Telematik, mit einem Kleinsatelliten und dem 3-D-Druck der Würzburger Festung auf Grundlage computererfasster Daten. Foto: Silvia Gralla

Entsprechend groß ist der Ärger über die Antwort des Wissenschaftsministeriums auf eine Anfrage des Aschaffenburger FDP-Abgeordenten Helmut Kaltenhauser vom November. Darin werden Kapazität und Kompetenz der Raumfahrtforschung in Würzburg heruntergespielt und nahegelegt, künftig nur noch als eine Art Juniorpartner mit der TU München zusammenzuarbeiten. Dabei verfügt diese laut Schilling gerade mal über eine einzige echte Professur für Raumfahrttechnik gegenüber bald fünf Stellen in Würzburg.

Doch das Ministerium differenziert nicht zwischen Luft-, Raumfahrt und Geodäsie (Erdvermessung), sondern wirft 18 bestehende Professuren an der TU München in einen Topf. Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Manfred Ländner aus Kürnach (Lkr. Würzburg) hat sich eingeschaltet. Er findet: "Die Anfrage wurde unglücklich beantwortet." Und in manchen Punkten einfach falsch. Deshalb hat er Wissenschaftsminister und Parteifreund Bernd Sibler um korrekte und belastbare Aussagen gebeten.

Großer Andrang auf Studiengänge in  Würzburg

Ländner verweist auf das Alleinstellungsmerkmal der Würzburger Raumfahrtinformatik, so etwas gebe es sonst deutschlandweit nicht. Eigene Studiengänge wurden dafür angelegt. Beim "SpaceMaster", gefördert von der EU, kamen laut Schilling zuletzt 600 internationale Bewerber auf 50 Studienplätze. Der Studiengang "Satellite Technology" wird seit 2018 im Elite-Netzwerk Bayern gefördert und gemeinsam mit bayerischen Forschungsinstituten durchgeführt.

Prof. Samuel Kounev (Lehrstuhl für Software Engineering) wirbt als Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik für den Erhalt und Ausbau der Raumfahrtforschung. Foto: Silvia Gralla

Weltweit arbeitet man mit renommierten Universitäten zusammen. Die Raumfahrtinformatik in Würzburg nicht auszubauen und durch eine subventionierte neue Konkurrenz im Münchner Raum zu verdrängen, hält CSU-Politiker Ländner schon volkswirtschaftlich für Unsinn. Samuel Kounev, Dekan der Würzburger Fakultät für Mathematik und Informatik sagt dazu: "Wir haben uns im Wettbewerb der Projekte durchgesetzt. Und nun will man das, was läuft, in Gefahr bringen?"

Pionier Schilling und seine Würzburger Professorenkollegen hoffen noch auf eine gute Wendung. Sie könnte zum Beispiel darin bestehen, die bemannte Raumfahrt an der TU München auszubauen, die Bereiche "New Space" und Satellitentechnik jedoch an der Uni Würzburg zu stärken. "Dann könnte jede Hochschule ihre Spezialitäten, die weltweit einen guten Ruf haben, weiterverfolgen", so Schilling. 

Prof. Sergio Montenegro vom Lehrstuhl für Luft- und Raumfahrtinformatik der Uni Würzburg in einem Airbus 320 als Flugsimulator. Foto: Silvia Gralla

Wer die Luft- und Raumfahrtforscher an der Uni besucht, erlebt Überraschendes. Verteilt sind sie auf vier Standorte am Hubland, unscheinbar untergebracht in Altbauten der früheren US-Kaserne. Und plötzlich tut sich ein hochmodernes Kontrollzentrum auf. Hier wird "Sonate" auf seinen Schleifen in der Umlaufbahn verfolgt und ausgewertet, erst vergangenes Jahr hatte man den Vier-Kilogramm-Satelliten mit einer Sojus-Rakete ins All befördert.

Oder im Erdgeschoss der ehemaligen Highschool: Eine Weltraum-Simulation mit riesigem Sternenhimmel, der Mondoberfläche, der Erde. Ein paar Meter weiter das Cockpit eines Airbus 320 als Flugsimulator. Während in München ein ganzer Campus neu gebaut wird, würden sich die Raumfahrtforscher in Würzburg schon über ein gemeinsames Gebäude freuen.

Hakan Kayal, Professor für Raumfahrttechnik im Kontrollzentrum, wo derzeit der Uni-Satellit "Sonate" verfolgt und ausgewertet wird. Er umkreist die Erde in 515 Kilometern Höhe. Foto: Silvia Gralla

Doch es geht nicht nur um die Infrastruktur. "Wenn man uns hier in Würzburg abhängt, müssen wir Mitarbeiter entlassen", befürchtet Hakan Kayal, Professor für Raumfahrttechnik.  Konnten nämlich bisher noch Millionenbeträge als Projektmittel eingeworben werden, könnte man auch hier gegenüber München ins Hintertreffen geraten. Allein in den vergangenen fünf Jahren habe man über 34 Millionen Euro an Forschungsdrittmitteln nach Würzburg geholt, so Schilling. An keiner deutschen Uni würden derzeit so viele Satelliten gebaut wie an der JMU, 18 an der Zahl.

Uni-Präsident: Kleinstsatelliten-Forschung auch über Hightech Agenda ausbauen

Auch Uni-Präsident Alfred Forchel weiß um die Errungenschaften. Die Raumfahrtforschung speziell zu den Kleinsatelliten habe sich zu einem "international sehr sichtbaren Bereich der Universität entwickelt". Was die neue Konkurrenz in München angeht, bleibt er diplomatisch: Man begrüße den dortigen Aufbau einer Luft- und Raumfahrtfakultät. Allerdings geht die JMU davon aus, "dass ein weiterer Ausbau der Würzburger Aktivitäten zu leistungsfähigen Kleinstsatelliten aus Elementen der Hightech Agenda möglich ist."

Die Würzburger Raumfahrt-Professoren fühlen sich mit ihren Leistungen von der Politik "vergessen". Zu gern würden sie dem Ministerpräsidenten ihr Knowhow einmal persönlich vorstellen. Sie hoffen, dass Söder einer Einladung folgt.

Rückblick

  1. Neue Mittel: So gehen Würzburgs Hochschulen auf Plagiatsjagd
  2. Hightech: Minister steht zu Raumfahrtforschung in Würzburg
  3. Kommentar: München, wir haben ein Problem!
  4. Satelliten und mehr: Ringen um Raumfahrtforschung in Würzburg
  5. Hightech Agenda: 42 neue Professuren für Uni Würzburg
  6. Wie ein Würzburger Historiker die FAZ ausleuchtet
  7. Uni Würzburg im Entwicklungs-Wettlauf für den Super-Computer
  8. Freistaat lässt Exzellenz-Projekt in Würzburg nicht hängen
  9. Neubau in Würzburg: Zentrum will psychischen Erkrankungen vorbeugen
  10. Die Rückkehr der Uni-Fußballer aus dem Reich der Mitte
  11. Traumtor: 'Mo' Lotzen schießt Würzburger Studenten zum Sieg
  12. Würzburger Uni-Mannschaft verpasst das WM-Viertelfinale
  13. Erster WM-Sieg: Uni Würzburg schießt die Gastgeber ab
  14. Unibund zeichnet herausragende Wissenschaft und Musik aus
  15. Hochschul-WM: Studenten der Uni Würzburg kicken in China
  16. Numerus Clausus: Wie an der Uni Würzburg ausgelesen wird
  17. Werbung und Bier: Diskussion um Campus-Tüten für Studenten
  18. Studierendenvertreter: engagiert, macht- und mittellos?
  19. Sterbehilfe: Stehen Ärzte mit einem Bein im Gefängnis?
  20. 20 Jahre Alumni-Verein: Starkes Netzwerk von Juristen
  21. Kellergespräch zur Sterbehilfe: Wer entscheidet über den Tod?
  22. IHK kritisiert Söders Hightech-Pläne: "Region kommt zu kurz"
  23. Uni Würzburg setzt auf Exzellenz und mehr Frauen
  24. Würzburger Uni-Bibliothek lädt zum Tag der offenen Tür ein
  25. Professoren-Nachwuchs: Uni Würzburg sahnt 24 Stellen ab
  26. Künstliche Intelligenz: Europa-Kongress läuft in Würzburg
  27. Würzburger Psychologe bekommt "Anti-Nobelpreis"
  28. Rankings mit Licht und Schatten für Würzburgs Uni
  29. Ausbau in Würzburg: Sonderpädagogen braucht das Land!
  30. Nachhaltigkeit: So soll Würzburgs Uni grüner werden
  31. 400-Jahr-Feier der Unibibliothek geht in die zweite Runde
  32. Würzburger Forscher: Smartphone soll Kinder nicht stressen
  33. Freistaat macht Druck: Mehr Professorinnen an Hochschulen
  34. Spitzenökonom Felbermayr: Warum uns Handelskriege weh tun
  35. Medizinstudium: Weiter kaum Chancen ohne Einser-Abitur
  36. Uni Würzburg: Ein Physik-Neubau für den Nobelpreis?
  37. Pflegekräfte und Hebammen: Studium künftig in Würzburg

Schlagworte

  • Würzburg
  • Andreas Jungbauer
  • Airbus GmbH
  • Alfred Forchel
  • Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
  • Bernd Sibler
  • Christian Schuchardt
  • Eberhard Nuß
  • Fakultäten
  • Helmut Kaltenhauser
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Luft- und Raumfahrt
  • Manfred Ländner
  • Markus Söder
  • Politiker der CSU
  • Professoren
  • Raumfahrt
  • Raumfahrttechnik
  • Satellitenfunktechnik
  • Satellitentechnologie
  • Stanford University
  • Studienplätze
  • Technische Universität München
  • Universtität Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!