ZELLERAU

Schmutzige Geschichten

Wir sind Männer. Zuallererst sind wir triebhaft, lustvoll und stark, und wir tun und schwitzen und riechen. Seife und Kultur kommen später. Dann nehmen manche von uns so viel Seife und Kultur, dass sie das Treiben und Schwitzen vergessen. Andere schwitzen und riechen noch, wenn sie alt sind, und bleiben triebhaft. Aber die Kraft ist weg, und sie sind nicht mehr als schmutzige alte Männer mit schmutzen alten Geschichten. Dann treten sie ein in den Kosmos des Charles Bukowski, in die stinkende, lustvolle, versoffene Welt der Boshaftigkeit und sexuellen Obszönitäten, wo jedes Wort und jede Tat unmissverständlich und eindeutig sind.

Willi Lieverschiedt, der Gründer der Compagnia Buffa und allsommerlicher Gast in Würzburg, hat sich Charles Bukowski vorgenommen, den großen, zynischen, melancholischen US-Dichter und Schriftsteller (1920 bis 1994), Säufer und Hurenbock. Er empfängt das Publikum in einem Theaterzelt auf dem Bürgerbräu-Gelände in der Frankfurter Straße 87, und das tritt ein und macht eine Zeitreise zurück in die 1980er Jahre. Da gab es sowas noch öfter: kein Eintrittsgeld zum Beispiel – wem das Stück gefällt, legt in einen Hut, so viel oder so wenig er kann oder mag.

Unrasiert, ergraut, Tränensäcke

Und der Theatermann selbst kommt auch aus einer anderen Zeit: ergraut, unrasiert, mit schweren Tränensäcken, alten Klamotten und mottenzerfressenem Zylinder, geschult im Spiel auf der Straße. Lieverschiedt ist laut, prall, direkt, kein bisschen subtil, aber echt: Man meint, man rieche ihn. Wie Bukowski seine Geschichten aus der Sicht des Alter Ego Henry „Hank“ Chinaski erzählt, so hat Lieverschiedt als Josef Stankowski auf, der Geschichten Bukowksis erzählt und spielt. Der Titel des Programms ist ein Buchtitel des Autors: „Dirty old stories from a dirty old man“, schmutzige alte Geschichten von einem schmutzigen alten Mann.

Relikt vergangener Tage

Lieverschiedt hat die Geschichten bearbeitet, er rezitiert den Text nicht, er interpretiert. Anfangs ist das hart. Die tierliebende Juanita aus „Hundekuchen in der Suppe“ (aus dem Band „Kaputt in Hollywood“) zeichnet er als dummes, arschwackelndes Huhn, als Abziehbild eines Blondchens. Auch das ist ein Relikt aus vergangenen Tagen. (Ob's ein Zufall war, dass im Theaterzelt mehr Männer als Frauen saßen? Die Regel ist das im Theater nicht.) Zuschauer, die diese Hürde nehmen (oder verdrängen) entdecken einen wandlungsfähigen Schauspieler, der so schmutzig wirkt, wie ein alter Mann nur schmutzig wirken kann, und eine abwechslungsreich inszenierte Bukowski-Show.

Juanita will mit Hilfe ihrer vielen männlichen Haustiere ein neues Wesen gebären, der Erzähler hilft nach Kräften, und Lieverschiedt entwickelt mit wenigen Mitteln ein Panoptikum, wie es absonderlicher kaum sein kann. In einer anderen Episode erlebt das Publikum in einem raffinierten Schattenspiel, wie der greise Adolf Hitler sich im Leib des US-Präsidenten verjüngt, es ist auch bei der Schöpfung einer um Sex flehenden Liebespuppe dabei, inszeniert als große Oper.

Lieverschiedt singt und tanzt, reißt Possen, alles überdeutlich und unmissverständlich, als spielte er immer noch auf der Straße. Gelegentlich muss das Publikum mitmachen; dem Theatermann fällt es leicht, die Leute zu animieren. Vor allem erinnert Lieverschiedt aber daran, dass es vor der Seife und der Kultur noch was ganz anderes gab.

„Dirty old stories from a dirty old man“ gibt's bis einschließlich 16. September täglich, außer montags, auf dem Bürgerbräu-Gelände in der Frankfurter Straße 87, Beginn: 20 Uhr.

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