WÜRZBURG

Schockstarre bei der Würzburger CSU

Betroffene Gesichter bei der CSU: Paul Lehrieder, Christian Schuchardt, Thomas Ebert und Adolf Bauer starren gebannt auf den BildschirmFoto: Thomas Fritz
Betroffene Gesichter bei der CSU: Paul Lehrieder, Christian Schuchardt, Thomas Ebert und Adolf Bauer starren gebannt auf den BildschirmFoto: Thomas Fritz Foto: Thomas Fritz

Begräbnisstimmung bei der Würzburger CSU. Als um 18 Uhr am Sonntagabend die Prognose im Bayerischen Fernsehen läuft, greift im Ratskeller niemand zu den blau-weißen Fähnchen, die auf den Tischen bereit liegen. Schockstarre.

„Ich bin sprachlos“, sagt CSU-Stadträtin Anke Stumpf. Gespannt blick sie auf den Fernseher. Die Zahlen werden nicht besser. Im Gegenteil: Minus 10 Prozent für die CSU in Bayern zeichnen sich ab. Kopfschütteln.

18.38 Uhr, CSU-Parteichef Horst Seehofer spricht. Es wird mucksmäuschenstill im Ratskeller. Nur das Klappern des Bestecks ist zu hören. Nachdenkliche Blicke bei den Parteifreunden. Applaus kommt keiner auf.

Einbruch kam völlig überraschend

Paul Lehrieder, der Würzburger Direktkandidat, hätte diesen starken Einbruch bei seiner Partei so nicht vermutet. Auf 36 Prozent hat er die Union bundesweit kurz vor 18 Uhr in seiner eigenen Prognose noch gesehen. Und jetzt? Bittere Enttäuschung. Später, als sich die Zahlen verfestigen, spricht er von einer „herben Enttäuschung“.

Mit seinem eigenen Ergebnis, das nach ersten Tendenzen etwa drei bis vier Prozent über dem Zweitstimmenergebnis liegt, ist er zufrieden. Aber er sieht natürlich auch, dass der Wähler generell enttäuscht ist von der CSU. „Da hänge ich mit dran“, sagt der 57–Jährige. „Manch einer macht sein Kreuz dann halt auch nicht beim Paul.“

Lehrieder bekommt dies am Sonntagabend zu spüren. „Dabei hätte ich mir dieses Mal schon gewünscht, die 50 Prozent zu knacken.“ Ein Wunsch, der mit einem Blick aufs Wahlergebnis 2013 nachvollziehbar ist. Mit 48,9 Prozent holte Lehrieder 2013 sein bestes Ergebnis.

Am Fleiß des Abgeordneten kann es nicht gelegen haben. 85 Termine in Stadt und Landkreis Würzburg absolvierte der CSU-Kandidat. Vom Haustürwahlkampf bis zur samstäglichen Bürgersprechstunde in der Innenstadt. Lehrieder kämpfte um jede Stimme. Am Ende schafft er zwar wieder den Einzug in den Bundestag, erzielt aber sein bisher schlechtestes Wahlergebnis.

„Ich bin sprachlos.“
Anke Stumpf, CSU-Stadträtin

„Ich glaube, es war eine Denkzettel-Wahl“, sagt der Landtagsabgeordnete Manfred Ländner. „Ein Denkzettel vor allem für die etablierten Parteien.“ Ländner macht zwei Gründe für das schlechte Abschneiden der CSU aus. „Viele waren gegen Merkel“, sagt er. Zweitens bedeute eine große Koalition immer auch Kompromisse. „Das schafft Platz am linken und rechten Rand.“

Schwierige Regierungsbildung

An den Tischen wird mittlerweile schon über mögliche Neuwahlen gesprochen, sollte keine Regierungsbildung möglich sein. „Man hätte sich etwas anderes gewünscht“, sagt Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt mit Blick auf das Wahlergebnis. Es werde nun sehr anspruchsvoll werden, in Berlin eine Regierung zu bilden. Überrascht ist er vom Ergebnis der bayerischen SPD. „Das ist ein drastischer Einschnitt“, sagt Schuchardt. Die Frage werde nun sein, wie gelingt es, die AfD-Wähler wieder zurück zu holen. „Damit gilt es morgen zu beginnen“, so Schuchardt.

Ein sprachloser Landrat

Auch Landrat Eberhard Nuß ist sprachlos. „38,5 Prozent für die CSU in Bayern. Das hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt er. Vor allem das Abschneiden der AfD sei eine „Katastrophe“. Nuß ist sich sicher, dass dies nicht so bleiben wird. Er spricht von einer Protestwahl, bei der sicher auch die Flüchtlingsdebatte eine starke Rolle gespielt hat.

Bezirksrätin Elisabeth Schäfer stand oft mit Parteifreunden am Infostand in Ochsenfurt. „Bei vielen war klar, die Erststimme bekommt Paul Lehrieder.“ Doch mit der Zweitstimme, da hätten viele noch nicht gewusst, wohin damit, sagt sie.

Themen wurden nicht vermittelt

ass die AfD zweistellig abschneiden wird, damit hat Thomas Rappelt gerechnet. Insoweit kommt das Wahlergebnis der CSU für ihn nicht überraschend. „Trotzdem ist es natürlich schon schockierend niedrig“, sagt das CSU-Mitglied. Und er prophezeit, dass wahrscheinlich viele CSU-Wähler dieses Mal bei der AfD ihr Kreuz gemacht haben. „Die Wählerwanderung wird das zeigen“, ist er sich sicher.

Woran liegt nun das schwache Abschneiden der CSU? „Scheinbar haben wir es nicht geschafft, den Wählern unsere Themen zu vermitteln“, sagt Kreisvorsitzender Thomas Eberth. Und auch er ist – wie jeder an diesem Abend im Ratskeller – „erschüttert“ über den Wahlausgang.

Rückblick

  1. Das große Scheitern
  2. Ernst wird es, wenn Steinmeier die Kanzlerwahl startet
  3. Trauma von 2013 wirkt noch nach
  4. Mit Schulz in mögliche Neuwahlen?
  5. CSU steht vor der Seehofer-Zerreißprobe
  6. Klaus Ernst (Die Linke): Für Neuwahlen und Plebiszite
  7. Bernd Rützel (SPD): Weiter Nein zu Schwarz-Rot
  8. Stamm: „Seehofer unverzichtbar“
  9. Bär: „Viel Arbeit für den Papierkorb“
  10. Rottmann: „Jamaika-Scheitern ist schlecht fürs Land“
  11. Unterfränkischer FDP-Chef: „Scheitern war nie auszuschließen“
  12. +++ LIVE +++: Wie geht es nach dem Jamaika-Aus weiter?
  13. Wenn es Mainfranken nach Jamaika zieht
  14. Bundestag so groß wie nie zuvor
  15. Protest gegen AfD-Wähler: Rentner reagiert gelassen auf Kommentare
  16. Ein Rentner schämt sich für die AfD-Wähler in seiner Stadt
  17. Bisherige AfD-Chefin Frauke Petry vollzieht Parteiaustritt
  18. Wer in der AfD-Fraktion sitzt
  19. MdB Hoffmann fordert Seehofer-Rücktritt
  20. Ein teurer, aufgeblähter Bundestag mit 709 Abgeordneten
  21. Frauke Petrys Abgang mit Ansage
  22. Seehofer: Rücktrittsforderungen auch in Unterfranken
  23. Bofinger: AfD-Wähler nicht vorrangig aus ärmsten Schichten
  24. Hart, aber fair: Bär & Co. üben schon mal für Jamaika
  25. Bremst Merkel ihren Einsatz für Europa?
  26. Frauke Petry sorgt für Eklat
  27. Standpunkt: Der AfD droht die Spaltung
  28. Vorsichtige Schritte in die Zukunft
  29. Die SPD leckt ihre Wunden
  30. Rücktrittsforderungen an Seehofer sind bisher nur Einzelmeinungen
  31. Leitartikel Seehofers Existenzfrage
  32. Bundestagswahl: Tops und Flops in Main-Spessart
  33. Wahlanalyse: Mit der AfD haben Würzburgs Wähler wenig am Hut
  34. Wo die AfD in Unterfranken besonders gepunktet hat
  35. Grünen-Kandidatin Rottmann spricht von einem „großen Erfolg“
  36. Unterfränkische Wahlbilanz: Die Alten bleiben, Neue kommen
  37. Zufriedenheit bei AfD-Kandidat
  38. Das große Comeback der Liberalen
  39. Merkel, die Vierte - aber wie geht es dann weiter?
  40. Trotz Verlusten: Merkel bleibt Kanzlerin
  41. Schulz stimmt SPD auf Opposition ein
  42. Schockstarre bei der CSU
  43. "Die Volksparteien müssen ihre Strategien ändern"
  44. Schockstarre bei der Würzburger CSU
  45. Grüne: Gewinne für Partei und Martin Heilig
  46. Diese Wahl wird Deutschland verändern
  47. Der Herr der Hochrechnungen
  48. Servus, Bundestag!
  49. Gerät unsere Welt aus den Fugen?
  50. Was Sie noch über die Wahl wissen sollten

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Alternative für Deutschland
  • Anke Stumpf
  • Bundestagswahl 2017
  • CSU
  • Christian Schuchardt
  • Deutscher Bundestag
  • Eberhard Nuß
  • Elisabeth Schäfer
  • Große Koalition
  • Horst Seehofer
  • Manfred Ländner
  • Parteifreunde
  • Paul Lehrieder
  • Regierungsbildung
  • SPD
  • Thomas Eberth
  • Wahlergebnisse
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!