WÜRZBURG

Schüler schockiert über die Nazi-Verbrechen

Schülerinnen und Schüler der Jenaplan-Schule tragen Briefe besorgter Angehöriger von psychisch kranken Menschen aus Unterfranken an die Heil- und Pflegeanstalt Werneck vor.
Schülerinnen und Schüler der Jenaplan-Schule tragen Briefe besorgter Angehöriger von psychisch kranken Menschen aus Unterfranken an die Heil- und Pflegeanstalt Werneck vor. Foto: Pat Christ

Es sah aus, wie eine ganz normale Krankenstation. Doch das war nur Tarnung. Nach Pirna-Sonnenstein kamen die Menschen, um getötet zu werden. Auch 63 Würzburgerinnen und Würzburger, die psychisch krank oder geistig behindert waren, wurden hier umgebracht. Eine von ihnen war Veronika Schönbein, mit deren Schicksal sich die Schüler der Jenaplan-Schule beschäftigten. Bei einer Gedenkveranstaltung der „Würzburger Stolpersteine“ stellten sie vor, was sie herausgefunden hatten.

Veronika Schönbein, 1901 in Würzburg geboren, wohnte in der Kartause – ganz in der Nähe des heutigen Bayernstifts. „Sie war schüchtern und das Lernen fiel ihr schwer“, berichtete ein Schüler in der voll besetzten Schulturnhalle. Ab 1920 arbeitete Veronika Schönbein als Säuglingspflegerin. Der Krankenakte zufolge, die von den Schülern eingesehen wurde, klagte sie 1922 erstmals über Kopfschmerzen und Atemprobleme. Auch ist aktenkundig, dass sie begann, Stimmen zu hören. Ende des Jahres kam sie für wenige Tage erstmals in die Psychiatrie.

Im Baderaum vergast

Anfang 1923 lässt sie der Würzburger Stadtrat entmündigen, im April dieses Jahres kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck. Dort lebte Veronika Schönbein 17 Jahre, bis die Anstalt geräumt wurde. Zusammen mit 59 anderen Frauen wurde sie am 4. Oktober 1940 in die sächsische Landesanstalt Arnsdorf gebracht, eine Zwischenanstalt für die Tötungsklinik Pirna-Sonnenstein. Dort blieb die Patientin gut vier Monate. Am 11. Februar 1941 wurde Veronika Schönbein nach Pirna-Sonnenstein transportiert und gleich nach der Ankunft im „Baderaum“ der Anstalt mit Kohlenmonoxid vergast.

Für die Jenaplan-Schüler war es eine sehr besondere Sache, sich anhand von Krankenakten mit dem zu beschäftigten, was die Nazis euphemistisch „Euthanasie“ genannt hatten. „In mühevoller Kleinarbeit lernten sie, die Handschrift der damaligen Zeit zu entziffern“, so Schulleiter Klaus Bernegau. Was sie zu lesen bekamen, machte die Schüler fassungslos.

„Dass man diese Menschen mit Gift ermordet hat, ist einfach schockierend“, meint die 13-jährige Jessica. Über ihren Urgroßvater hat das Mädchen eine besondere Beziehung zur Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Uropa sei nicht einverstanden gewesen mit dem, was Hitler vorhatte, weiß Jessica von ihren Eltern: „Deshalb verschwand er plötzlich.“

Schüler setzen sich für Kunstprojekt ein

Auch Klara, zwölf Jahre alt, ist tief beeindruckt von dem, was in den Krankenakten steht. „Die Menschen wurden rund um die Uhr beobachtet“, hat sie den Dokumenten entnommen. Das stellt sie sich furchtbar vor. Klara möchte alles tun, damit nie wieder passiert, was damals geschehen konnte. Die Gefahr sei vorhanden, meint das Mädchen: „Es gibt immer noch Leute, die wie Adolf Hitler denken.“ Warum manche Menschen anderen Menschen die Daseinsberechtigung aberkennen, kann Klara nicht begreifen: „Jeder Mensch darf doch so sein, wie er will.“

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, macht das Engagement von Schülern gegen das Vergessen Hoffnung. Wie viel junge Menschen etwas bewirken können, sei unlängst in Bad Brückenau deutlich geworden. Dort schafften es Schülerinnen und Schüler, einen Stadtratsbeschluss rückgängig zu machen. Der Brückenauer Stadtrat hatte dem Stolperstein-Projekt zunächst eine Absage erteilt. Vor zwei Jahren jedoch starteten 13 Schüler, die sich bei einem P-Seminar mit dem jüdischen Leben in ihrer Heimatstadt befasst hatten, eine neue Initiative für das Kunstprojekt. Daraufhin gab der Stadtrat doch Grünes Licht.

Ärzte beteiligten sich an der Tötungsaktion

Ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass jeder Mensch das Menschenrecht auf Leben hat, egal, ob er „gesellschaftlich nützlich“ ist oder nicht, das ist das eine. Ebenso wichtig ist es jedoch, Menschen so stark zu machen, dass sie auch in schwierigen Zeiten bei ihrer humanen Überzeugung bleiben. Zur Zeit des Nationalsozialismus verrieten viele ihre Ideale. Sie schauten zu. Schauten weg. Oder machten mit. „An der Tötungsaktion T4 beteiligten sich 400 Personen bei vier Tarnorganisationen“, berichtete Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein. Darunter waren 20 Ärzte, die allesamt, wie historisch belegt ist, freiwillig mitmachten.

Noch frappierender ist für Böhm, dass sich so viele Pfleger und Krankenschwestern beteiligt hatten. Sie waren bereit, sich zur Tarnung die Schwesterntracht anzuziehen und die zur Ermordung bestimmten Kranken im „Baderaum“ der Tötungsanstalten zu empfangen. Sie waren es, die die Tür zur Gaskammer geschlossen hatten. „Einige von ihnen waren bereits 30 Jahre im Dienst“, so Böhm. Aus Unterlagen geht hervor, dass sie sich jahrelang vorbildlich um die Patienten in den Psychiatrien gekümmert hatten. Böhm: „Warum diese Menschen ihren Beruf ins Gegenteil verkehrt haben, das ist eines der großen Rätsel, vor dem wir immer noch stehen.“

Die in Karlstadt geborene Auguste Warmuth ist laut Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, eines von fast 400 Opfern aus der Heil- und Pflegeanstalt Werneck, die bei der „Aktion T4” ermordet wurden.
Die in Karlstadt geborene Auguste Warmuth ist laut Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, eines von fast 400 Opfern aus der Heil- und Pflegeanstalt Werneck, die bei der „Aktion T4” ermordet wurden. Foto: Pat Christ

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