REICHENBERG

Schulweg mit Hindernissen

Ende 2012 wurde der neue Bahnhaltepunkt in Reichenberg in Betrieb genommen. Doch statt einer Verbesserung der Verkehrsanbindung sorgen die häufigen Verspätungen für ein gehöriges Durcheinander im Schülerverkehr. Foto: Gerhard Meißner

Wenn Martha Morell am Morgen um 6.45 Uhr ihre beiden Kinder zum Schulbus schickt, weiß sie nicht, ob sie jetzt ihrem Tagwerk nachgehen kann oder wieder einmal als

Fahrdienst einspringen muss, weil der Zug nach Würzburg Verspätung hat und die ganze Beförderungskette zwischen Wohnung und Schule zusammenbricht. Und das, obwohl sie im Reichenberger Ortsteil Lindflur wohnt, nicht einmal zehn Kilometer vom Oberzentrum entfernt.

Dabei klingt alles recht einfach. Martha Morells Tochter und Sohn steigen um 6.50 Uhr in den Bus zum Bahnhaltepunkt Reichenberg. Um 7.07 Uhr hält dort der Regionalzug nach Würzburg. Rund 60 Schüler, die in Würzburg weiterführende Schule besuchen, steigen ein. Um 7.19 Uhr fährt der Zug am Hauptbahnhof ein. Gerade noch genügend Zeit, um den Bus zu erreichen, der um 7.30 Uhr zum Friedrich-König-Gymnasium (FKG) in die Zellerau fährt, wo Martha Morells Kinder die achte und zehnte Klasse besuchen.

Theorie und Praxis

So zumindest die Theorie. Die Praxis sieht anders aus, wie die Aufzeichnungen belegen, die Martha Morell seit Schuljahresbeginn führt. Mal hatte der Bus von Lindflur nach Reichenberg Verspätung und der Zug war schon weg. Mal ließ der Lokführer Fahrgäste zurück, weil die Waggons überfüllt waren und verwies auf den nachfolgenden Regional-Express, der auch Verspätung hatte. Die Folge: Zwei- bis dreimal in der Woche kamen Schüler aus Reichenberg zu spät zum Unterricht.

Am Nachmittag wird die Sache noch komplizierter. Nach Schulschluss um 13 Uhr müssen Martha Morells Kinder mit der Straßenbahn zur Endhaltestelle in der Königsberger Straße fahren und dort in den Bus nach Reichenberg umsteigen. Endet die Schule erst nach der achten Stunde, geht es von der Königsberger Straße mit dem Bus Richtung Giebelstadt bis zur Haltestelle an der Abzweigung nach Albertshausen. Dort nimmt sie dann der Bus mit, der von Albertshausen nach Reichenberg fährt. Hat der Bus aus Würzburg Verspätung, stehen die Kinder verlassen auf weiter Flur an der B 19.

Tohuwabohu beim Schulheimweg

Noch kurioser ist der Heimweg für die Schüler der Höchberger Realschule. Sie müssen mit dem Bus bis zur Leistenstraße fahren und an der Löwenbrücke in die Straßenbahn nach Heidingsfeld umsteigen. Der Bus nach Lindflur fährt dort an der Haltestelle Reuterstraße ab, der Bus nach Uengershausen an der Hofmannsstraße. Komplett wird das Tohuwabohu dadurch, dass beide Busse als Linie 312 verkehren, allerdings mit unterschiedlichen Zielen.

Was Erwachsene schon überfordert, sei Kindern kaum zuzumuten, meint Martha Morell. „Die Verbindungen sind nicht optimal, aber der erste Schritt wäre, dass sie wenigstens funktionieren.“ Allein seit Beginn des laufenden Schuljahres haben sie 33 Mal nicht funktioniert, wie Martha Morells Aufzeichnungen zeigen.

Probleme nicht beseitigt

Im Namen der anderen betroffenen Eltern hat sie sich bereit erklärt, über Unregelmäßigkeiten Buch zu führen. Der Rat dazu kam vom Verwaltungsleiter der Nahverkehrsgesellschaft Würzburg-Mainfranken, Dominik Stiller. Ihm sind die Probleme bekannt. Um kurzfristig Abhilfe zu schaffen seien ab Oktober zusätzliche Fahrten ans FKG und die Höchberger Realschule eingerichtet worden, die erst um 7. 40 Uhr am Würzburger Hauptbahnhof losfahren, sagt Stiller. Der zusätzliche Zeitpuffer hat die Probleme zwar verkleinert, aber nicht beseitigt, meint Martha Morell. In der Woche vor Allerheiligen kam der Zug zweimal so spät, dass auch der letzte Bus schon weg war.

Auslöser der Misere war ausgerechnet der Bau eines modernen Bahnhaltepunkts in Reichenberg. Um zu vermeiden, dass sich Bus und Bahn gegenseitig die Fahrgäste streitig machen, hatte sich die Nahverkehrsgesellschaft damals verpflichtet, Parallelverkehre abzuschaffen, sagt Dominik Stiller. Stattdessen wurden die Buslinien so umorganisiert, dass sie die Fahrgäste zum Bahnhaltepunkt bringen.

Fahrpläne sind nicht vertaktet

Durch solche Zubringerlinien wurde das Verkehrsangebot in den umliegenden Dörfern zwar verbessert. Das System kann aber nur funktionieren, wenn die Fahrpläne von Bus und Bahn genau aufeinander abgestimmt sind. Und genau da liegt es auf der Bahnlinie zwischen Lauda und Würzburg offenbar im Argen. Die Fahrpläne dort sind noch nicht vertaktet, sagt Stiller. Ein Grund dafür seien die unterschiedlichen Zuständigkeiten im grenzüberschreitenden Schienennahverkehr.

Auf bayerischer Seite ist die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) Aufgabenträger des regionalen Schienenverkehrs, und dort sieht man die rege Bautätigkeit als Ursache häufiger Verspätungen. Am Würzburger Hauptbahnhof stehen wegen des Umbaus zwei Bahnsteige nicht zur Verfügung. Die Strecke zwischen Heidingsfeld und Würzburg sei wegen der dichten Folge von Regional-, ICE- und Güterzügen stark belastet, so dass geringfügige Betriebsabweichungen schnell zu Verspätungen führen können, heißt es in seiner Stellungnahme der BEG auf Anfrage der Redaktion.

Eingeschränkte Infrastruktur

Die Verkehrsunternehmen, im Fall der Regionalbahn ist es die DB-Tochter Westfrankenbahn, seien um pünktliche Betriebsführung bemüht, ihr Handlungsspielraum sei aber aufgrund der eingeschränkten Infrastruktur begrenzt. So müssen auf der Verbindung Crailsheim-Lauda-Würzburg langsamere Diesel-Triebwagen eingesetzt werden, weil die Strecke noch nicht durchgängig elektrifiziert ist.

Erst nach der Modernisierung der Strecke im Dezember 2019 soll auf leistungsfähigere Elektro-Triebwagen umgestellt und das Zugangebot auf einen durchgehenden Stundentakt verdichtet werden. Bis dahin wird Bahnstrecke aber für voraussichtlich ein halbes Jahr überhaupt nicht durchgängig befahrbar sein, weil der Tunnel bei Wittighausen saniert wird.

Zwei Stunden zur Schule und zurück

Für Martha Morell und andere betroffene Eltern aus Reichenberg, Lindflur, Albertshausen und Uengershausen ist das nur ein schwacher Trost. „Die komplizierte Streckenführung und die vielen Zwischenfälle, das finde ich einen Witz“, schimpft sie, „die Kinder müssen jeden Tag mindestens zwei Stunden aufwenden, um zur Schule und wieder nach Hause zu kommen.“

Schlagworte

  • Reichenberg
  • Gerhard Meißner
  • Fahrpläne
  • Lindflur
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!