GELCHSHEIM

Schwermetalle im Flugplatzboden

Höchste Sicherheitsstufe: 38 Ampullen mit chemischen Kampfstoffen hat der Kampfmittelräumdienst 1950 im Gelchsheimer Flugplatzboden gefunden. Angesichts dieser Gefahr ließen Geologen und Mitarbeiter des Würzburger Wasserwirtschaftsamtes äußerste Vorsicht walten, als sie im Herbst 2003 bei der Suche nach Altlasten Bodenproben entnahmen.
Höchste Sicherheitsstufe: 38 Ampullen mit chemischen Kampfstoffen hat der Kampfmittelräumdienst 1950 im Gelchsheimer Flugplatzboden gefunden. Angesichts dieser Gefahr ließen Geologen und Mitarbeiter des Würzburger Wasserwirtschaftsamtes äußerste Vorsicht walten, als sie im Herbst 2003 bei der Suche nach Altlasten Bodenproben entnahmen. Foto: ArchivHannelore Grimm

Ampullen mit chemischen Kampfstoffen. Fast 120 Tonnen Munition. Ein großer Sprengtrichter. Dazu der Deckname „Endstation“, den der Feldflugplatz Gelchsheim von den Nazis bekam. Getarnt als „Reichsgutverwaltung Klosterhof“ lag er rechts und links der Landstraße zwischen Gelchsheim und Oellingen. Übrig geblieben sind alte Bunker und Aussiedlerhöfe, die ehemaligen Fliegerhorstgebäude. Und erhebliche Rückstände von pflanzenschädlichen Schwermetallen im Ackerboden.

Drei Flächen auf dem ehemaligen Gelchsheimer Flugplatz sind mit Kupfer und Zink belastet, wie das Landratsamt Würzburg auf Nachfrage mitteilt. Zu Flugplatzzeiten standen hier Baracken, die als Lager- und Wartungshallen genutzt wurden. Später waren es Brand- und Sprengplätze.

Die Schadstoffe liegen in der oberen Bodenzone. Und das wirkt sich auf die Qualität der Pflanzen und ihr Wachstum aus. Die einschlägigen Prüfwerte sind derart überschritten, dass ein Bodenaustausch nötig ist. Das hat eine Detailuntersuchung der Flächen im September 2009 ergeben.

Empfohlen wird von den beteiligten Fachbehörden, den Boden bis zu einer Tiefe zwischen 60 und 80 Zentimetern abzutragen. Bei 80 Zentimetern Tiefe würden für einen Bodenaustausch auf allen drei Flächen Kosten von 291 000 Euro anfallen; bei 60 Zentimeter wären es 191 000 Euro. Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen getroffen werden.

Unklar ist, wann der Boden ausgetauscht wird. Nach der Entscheidung über die Tiefe soll eine Sanierungsplanung erstellt und die Ausschreibung in die Wege geleitet werden. Alles weitere wird, um den Schaden so gering wie möglich zu halten, mit den Landwirten abgesprochen, heißt es aus dem Landratsamt.

An den Kosten für den Bodenaustausch werden die privaten Grundstücksbesitzer nicht beteiligt, so Anja Will, die den Fachbereich Umwelt beim Würzburger Landratsamt leitet. Auf diese Lösung haben sich das bayerische Umwelt- und Finanzministerium geeinigt. Der Anteil der Landwirte soll als freiwillige Leistung aus staatlichen Mitteln erfolgen.

Ins Visier der Geologen ist der Gelchsheimer Flugplatz bereits 2003 gerückt. Damals wurde bayernweit gezielt nach Rüstungsaltlasten gesucht. Der „Reichsgutverwaltung Klosterhof“ mit dem Decknamen Endstation kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Denn im Sommer 1940 wurde auf dem Flugplatzgelände eine Sammel- und Zerlegestelle für Munition und Militärgerät, ein sogenanntes Feldmunitionslager, errichtet.

Die Luft-Munitionsanstalt (Luft-Muna) war eine Zweigstelle der Luft-Munitionshauptanstalt Oberdachstetten. Dazu gehörten auch vier Bunkeranlagen sowie ein größeres Lagergebäude weiter südlich. Über einen eigenen Bahnanschluss zur Gaubahn wurden der Flugplatz und die Munitionsanstalt versorgt.

Luftbilder, die im April 1945 bei einem Überflug entstanden sind, zeigen einen großen Sprengtrichter mit einem Durchmesser zwischen 40 und 60 Metern. In den historischen Recherchen zum Altlastengutachten heißt es, dass vermutlich die Wehrmacht kurz vor ihrem Abzug große Mengen an eingelagerter Munition in die Luft sprengten.

„Es war ein mächtiges Feuerwerk mit großen Bränden und gewaltigen Detonationen“, schreibt Helmut Veeh aus Aub in seinem Buch „Die Kriegsfurie über Franken“. Doch auch die Flugplatzgebäude und die alten Bunker wurden als Brand- und Sprengplatz genutzt.

Zwischen 1949 und 1952 haben Mitarbeiter des Munitionsräumdienstes das Gelände abgesucht. Dabei konnten sie 104 Tonnen konventionelle Munition bergen. Vieles haben sie größtenteils vor Ort vernichtet. 38 Ampullen mit verschiedenen chemischen Kampfstoffen allerdings mussten sie in die Heeresmunitionsanstalt nach St. Georgen bringen. In den Ampullen befanden sich Proben der Giftgase Lost, Lewisit, Phosgen und Chlorpikrin.

Lost (Senfgas) und Lewisit sind Substanzen, die die Haut, Schleimhäute und Augen verätzen und allmählich auch Lunge und innere Organe zerstören. Phosgen gehört zu den sogenannten Grünkreuzkampfstoffen, die im I. Weltkrieg eingesetzt wurden. Das Gas schädigt vor allem die Lunge. Clark, auch als Blaukreuz bekannt, enthält Chlor und Arsen. Soldaten bezeichneten es auch als „Maskenbrecher“, weil es durch die Filter der Gasmaske drang und Nasen und Rachen reizte. Chlorpikrin (Grünkreuz) gehört zur Gruppe der Lungenkampfstoffe.

Gefunden wurden die Ampullen wahrscheinlich in der Nähe des Sprengtrichters. Welchen Zweck sie auf dem Flugplatz erfüllten? Darüber kann nur spekuliert werden. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie zum Instruktionsmaterial über Ultragifte gehören, das die Chemische Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg in Hamburg herausgab. Stoltzenberg hat in seinem Hamburger Werk chemische Kampfstoffe hergestellt und die Nazis in chemischen Fragen beraten.

In einer Werksbroschüre heißt es: „Das Instruktionsmaterial gestattet in möglichst harmloser Weise nicht nur Militärpersonen, sondern jedem Bürger und jedem Lehrer, sich selbst und seine Schüler bekannt zu machen mit den physikalischen Eigenschaften (Farbe, Aggregatzustand, Viskosität) und, soweit möglich, auch den physiologischen Wirkungen dieser Stoffe (Geruch, Augenreiz, Reiz auf Nasen-Rachen-Schleimhäute, Hautwirkungen), damit jeder im Ernstfall in der Lage ist, einen plötzlich auftretenden Giftstoff zu identifizieren und die geeigneten Vorkehrungen zum Schutz gegen ihn zu treffen.“

Angesichts dieser tödlichen Gefahr, die unter den Gelchsheimer Äckern auch Jahre später noch liegen könnte, ließen die Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes und Geologen höchste Vorsicht walten. In Sicherheitsgummistiefeln, Chemikalienschutzanzügen und Schutzbrillen am Atemschutzgerät nahmen sie Bodenproben. Sogar eine Windfahne kennzeichnete die Fluchtrichtung im Alarmfall. Die Experten suchten nach möglichen Sprengstoffen, die sich noch im Boden befinden könnten. Denn diese sind „sehr giftig“, sagt Martin Günder vom Wasserwirtschaftsamt Würzburg.

Nachweisbar sind diese Stoffe durch Grundwasser-Messstellen, die das Wasserwirtschaftsamt an mehreren Brauchwasserbrunnen setzte. „Lange Zeit waren diese trocken“, so Günder. Irgendwann wurde aber doch mal Wasser gefunden und Hexogen (Sprengstoff) über den zulässigen Prüfwert nachgewiesen. Daher wurden weitere Detailuntersuchungen am Sprengtrichter nötig.

Auch dieses Mal konnte Hexogen nachgewiesen werden – allerdings in einer geringen Konzentration, so dass weitere Maßnahmen nicht nötig sind. Doch die Grundwasserüberwachung geht weiter. Regelmäßig werden am Gelchsheimer Flugplatz Proben entnommen und analysiert. „Er hat höchste Priorität“, sagt Günder. Auch weil erhöhte Zinkgehalte im Boden gemessen wurden. Die Gemeinde Gelchsheim hat in den 60-er Jahren den Sprengtrichter mit Hausmüll verfüllt.

Flugplatz Gelchsheim

Im Herbst 1934 hat die Reichsregierung 100 Hektar Land zwischen Gelchsheim und Oellingen gepachtet. Die Landstraße ging mitten durch das Flugplatzgelände. Im Frühjahr 1935 wurden Gras auf den Flächen angesät. Drei unterirdische Tankanlagen wurden nahe der Rippach gebaut. Es entstanden die Fliegerhorstgebäude an der Landstraße im Stil eines Bauernhofes, die den Tarnnamen „Reichsgutverwaltung Klosterhof“ trugen. 1939 wurden an der Nordwestseite des Flugplatzes fünf Hektar Land dazu gekauft und links von der Bahnlinie vier oberirdische Bunker als Munitions-Hallen gebaut.

Als Einsatzhafen I. Ordnung mit dem Leithorst Giebelstadt ging der Flugplatz in Betrieb, Platzkommandant war Major Graf Wolfskeel von Reichenberg-Uettingen. Vor dem Krieg diente der Feldflugplatz hauptsächlich als Ausweich- und Übungsplatz für die zweimotorigen Bomber He 111. In den Sommermonaten fanden auch Segelflug-Lehrgänge zur Piloten-Grundausbildung statt.

Mit Kriegsbeginn wurden in der Nähe des Flugplatzes Flakzüge zur Flugabwehr stationiert. Sogar Scheinattrappen von Flugzeugen wurden aufgestellt, die feindliche Luftaufklärer vom Flugplatz ablenken sollten. Während des deutschen Angriffs auf Frankreich, flogen Piloten von Gelchsheim aus Angriffe auf Ziele im Raum Metz-Sedan-Verdun.

Im Sommer 1940 wurde auf dem Gelände eine Zweigstelle der Luft-Hauptmunitionsanstalt Oberdachstetten eingerichtet. In den Baracken wurde Beutemunition zur Wiederverwendung bearbeitet. Ältere Frauen und Männer aus der Umgebung zerlegten die Munition. Zwei Menschen kamen dabei 1942 durch eine Explosion ums Leben. Ende 1944 kamen 20 Frauen und 19 Männer aus dem Saarland hinzu.

Am Abend des 31. März 1945 sprengten Soldaten vor ihrem Abzug größere Mengen Munition. Die vier Munitionsbunker bleiben unbeschädigt, die Flugzeughalle und die Fliegerhorstgebäude wurden durch die Druckwelle nur leicht in Mitleidenschaft gezogen.

Quelle: H. Veeh „Kriegsfurie 1945“

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