WÜRZBURG

Serie 70er Jahre: "Lärmszenen in der Würzburger Uni"

Skandalumwittert: Bis zum Schluss blieb Lothar Bossle (rechts) mit Forderungen konfrontiert, die Uni zu verlassen. Links am oberen Bildrand sitzt, mit weißem Bart, Otto Köhler, der 1988 Bossles Doktorfabrik entlarvte. HEUSSNER Foto: Foto:

Seit 1971 baut der Freistaat auf dem Hubland ein neues Uni-Zentrum, aber noch Mitte der 70er Jahre müssen in Würzburg 15000 Studenten mit dem Platz für 12000 zurechtkommen. Sie gründen Fachschaftsinitiativen, fordern bessere Studienbedingungen und Mitbestimmung. Aber aufbegehren, wie an anderen Unis, tun sie nicht.

Der Romanist Theodor Berchem, der 1975 zum Uni-Präsidenten gewählt wird, erinnert sich an eine „Provinzidylle“. Die Süddeutsche Zeitung ätzt, in Würzburg ließen sich die Studenten gerne vorschreiben, was sie zu tun haben, ohne nach dem Sinn zu fragen. Sie seien von einer „manchmal schon widerlichen Beflissenheit“.

„Stimmt nicht“, behauptet heute Jörg Töppner, der 1974 nach Würzburg kommt, um Pädagogik zu studieren, „wir waren nicht verschlafen“. Er kann das beweisen. Drei Jahre nach seiner Immatrikulation ist er mittendrin in den heftigesten Tumulten, die die Würzburger Uni nach 1945 erschüttern.

Franz-Josef Strauß sät den Sturm. Er, der CSU-Vorsitzende und spätere bayerische Ministerpräsident, meint, der Lörracher Politologe Dr. Lothar Bossle – ehemals Berater des CDU-Bundesvorsitzenden Helmut Kohl, dann des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) – wäre ein „Traumkandidat“ für den vakanten Soziologie-Lehrstuhl in Würzburg. Bossle, behauptet Strauß, würde „jeder bayerischen Universität zur Zierde gereichen“.

Das sehen die Würzburger Uni-Gremien anders: Nahezu die gesamte Alma Mater – zu Deutsch: die (mit Bildung und Wissen) nährende Mutter – ist gegen Bossles Berufung: Senat, Bildungsausschuss und Fachbereichsrat, Uni-Präsident und Studentenschaft. Gründe: Strauß‘ Favorit ist Politologe, nicht Soziologe. Er hat sich nicht mit einer wissenschaftlichen Schrift, einer Habilitation, für die Professorenwürde qualifiziert, sondern wurde ernannt. Er ist ein strammer Rechtsaußen. Berchem sagt, „die ganze Republik“ sei sich einig gewesen, „das ist nicht der Richtige“. Nicht einmal Hans Maier, der bayerische Kultusminister, habe Bossle haben wollen.

Aber Bossle ist auch Strauß‘ Duz-Freund und programmatischer Redner auf CSU-Parteitagen. Den Professor und den CSU-Fürsten verbindet manches, auch die Sympathie für die Militärjunta in Chile. Bossle verharmlost die Zwangsmaßnahmen der Putschisten gegen die Bevölkerung. Das nächtliche Ausgehverbot etwa bringe „viele Vorteile“. Die Männer seien am Abend bei ihren Frauen und das Familienleben werde „in einer früher nie gekannten Weise gepflegt“.

Die Proteste aus Universität, Gewerkschaften, SPD, FDP und des Ring christlich-demokratischer Studenten (RCDS), fruchten nichts. Am 8. März 1977 titelt die Main-Post: „Ein Ungerufener wird berufen“. Bossle kommt nach Würzburg und an der vermeintlich braven Uni bricht aus, was die konservative Tageszeitung „Die Welt“ drei Wochen später als „rattenhafte Wut“ bezeichnet.

Töppner, der damalige Pädagogik-Student, sagt, was dann in Würzburg geschah, sei ohne Bossles Engagement für die chilenischen Putschisten nicht zu verstehen. Der, gemeinsam mit den USA, betriebene Sturz der demokratisch gewählten Regierung in Chile habe damals eine Bedeutung gehabt, die „man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann“. Die Lage in Würzburg, wegen der schlechten Studienbedingungen eh schon angespannt, sei mit Bossles Berufung eskaliert, eine „neue, große, sich strukturierende Unruhe“ sei gewachsen. „Wir haben unsere Meinung kundgetan, mit unseren Mitteln“.

Tatsächlich: Sie sind nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Hunderte besuchen Bossles Antrittsvorlesung und schlagen Rabatz. Der Professor kommt nicht zu Wort. Die Zeitungen berichten von tumultartigen Vorgängen im Hörsaal: „Lärmszenen in der Würzburger Universität“, titelt nun, im Mai 1977, die Süddeutsche, „400 Studenten brüllten Professor Bossle nieder“, schreibt das Aschaffenburger Main-Echo. Zur zweiten Vorlesung erscheinen 600 zornige Demonstranten, Bossle bleibt fern. In seinem ersten Semester in Würzburg schafft Bossle nicht eine Vorlesung.

Und Theodor Berchem, der Uni-Präsident, sitzt zwischen allen Stühlen. Er mag und will den Neuen nicht, muss aber für akzeptable Arbeitsbedingungen sorgen. Er versucht sie mithilfe der Polizei durchzusetzen, leitet Ordnungsverfahren wegen der Störung der Vorlesungen und Hausfriedensbruchs und nährt den Zorn der Studenten noch mehr. Als er vor einem vollen Hörsaal sein Vorgehen erklären will, drehen ihm alle den Rücken zu. Schließlich beziehen zehn Studierende, Töppner unter ihnen, im Juli 77 vor der Uni am Sanderring ein Zeltlager und essen nichts mehr, eine Woche lang. Heute sagt Töppner, der Hungerstreik sei „nicht meine tollste Idee gewesen, damals, das war sicher eine Ebene zu hoch angesetzt“. Er stehe aber auch heute noch dazu.

Doch Bossle hält durch. Die Proteste ebben ab, die Studenten wenden sich dem Kampf gegen Atomkraftwerke zu, der Umwelt- und der Friedensbewegung. Bossle bringt die Uni auch weiterhin mit rechten Umtrieben ins Gerede und stürzt sie schließlich in einen gewaltigen Skandal. 1988 berichtet der Journalist Otto Köhler in der „Zeit“ über Bossles „Doktorenfabrik“, an der man sich den Titel holen könne, „ohne sich intellektuell verausgaben zu müssen“. „Jeder Dreck“ könne als Dissertation durchgehen, die rechte Gesinnung und ein „lukrativer Niederschlag“ in dem von Bossles Gattin betriebenem Creator Verlag vorausgesetzt. Ex-Präsident Berchem sagt, Bossle sei für ihn „20 Jahre lang eine permanente Beschäftigung“ gewesen und „eine Heimsuchung“.

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