Würzburg/Schweinfurt

Sexueller Missbrauch: Aufklärung für Behinderte tut not

Menschen mit Behinderung werden häufiger Opfer von Missbrauch als andere. Auch die Jungen im Würzburger Kinderpornofall gehören dazu. Wie kann man sie schützen?
Wie können Menschen mit Behinderung vor sexuellen Übergriffen geschützt werden? Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Behinderte Menschen werden häufiger Opfer sexueller Gewalt als andere. Der Fall des Logopäden in Würzburg, dem vorgeworfen wird, mehrere behinderte Kinder sexuell schwer missbraucht zu haben, wirft ein Licht auf ein schwieriges Thema. Maria Bakonyi von Pro Familia in Aschaffenburg erklärt im Interview wo die Gefahren liegen – und wie man Menschen mit Behinderung besser schützen besser kann.

Frage: Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigungen und geistigen Behinderungen haben ein höheres Risiko, sexuell missbraucht zu werden – warum ist das so?

Maria Bakonyi: Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sind häufig manipulierbarer, wenn zum Beispiel jemand die Heizung aufdreht, willigen sie vielleicht ein, sich auszuziehen, ohne die sexuelle Absicht zu erkennen. Ein blinder Mann merkt nicht, wenn er nackt beobachtet wird. Studien zeigen, dass Frauen, die nicht sprechen können, besonders häufig Opfer werden. Es gibt immer ein Machtgefälle zwischen nicht behinderten Menschen und Menschen mit einer geistigen Behinderung. Diese sind oft abhängig von der Unterstützung anderer, auch bei sehr privaten Dingen wie Körperpflege und deshalb solche 'Übergriffe' gewohnt. Wegen mangelnder Sexualaufklärung können sie schwerer zwischen notwendiger Unterstützung und sexuellen Übergriffen unterscheiden.

Worin unterscheidet sich die Präventionsarbeit?

Bakonyi: Eine Herausforderung entsteht dadurch, dass die körperliche Entwicklung altersgerecht verläuft, die seelische und kognitive Reifung allerdings oft langsamer geschieht. Sexualaufklärung muss in leichter Sprache gemacht werden, deutlich und nicht abstrakt. Das einmalige Aufklärungsgespräch bringt zu wenig. Gespräche über Sexualität müssen regelmäßig stattfinden. Es gibt im Alltag immer wieder Situationen, in denen man über Gefühle, körperliche Vorgänge und Sexualität sprechen kann.

Wie viele Stunden braucht es für eine umfassende Sexualaufklärung in einer Behinderteneinrichtung?

Bakonyi: Wir sprechen uns dafür aus, dass auch bei Kindern mit geistigen Beeinträchtigungen Sexualerziehung von Anfang an stattfindet, dies ist nicht nur Aufgabe der Eltern. Auch im Kindergarten und in der Schule lernen die Kinder, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Sie werden ermutigt nein zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen. Wer zu einem kratzenden Pullover nein sagen darf, traut sich eher auch zu unangenehmen Berührungen nein zu sagen. In den Förderschulen sollte regelmäßig Sexualerziehung stattfinden und auch erwachsene Menschen sollten sowohl in der Werkstatt als auch in Wohnheimen regelmäßige Bildungsangebote zum Thema Sexualität wahrnehmen können.

Gibt es Fälle, in denen Sie sagen, das macht keinen Sinn?

Bakonyi: Es gibt Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen, die durch klassische Sexualaufklärung nicht erreicht werden können. Sie sind auf intensive Pflege durch Eltern und Betreuer in Einrichtungen angewiesen. Hier geht es eher darum, Situationen der Nähe, wie Pflegesituationen, angenehm und würdevoll zu gestalten und den Menschen zu ermöglichen, sich und ihren Körper auf angenehme Weise spüren zu können. Hierbei ist sehr deutlich auf Grenzen zu achten.

Das unterfränkische Pro-Familia-Team (von links): Beate Schlett-Mewis und Hans-Peter Breuner aus Würzburg, Martina Schneider aus Schweinfurt und Maria Bakonyi aus Aschaffenburg Foto: Pat Christ Foto: Pat Christ

Wird bei der Aufklärung zwischen Kindern und Erwachsenen unterschieden?

Bakonyi: Themen für Kinder sind: mein Körper, der Körper des anderen Geschlechts, schöne und blöde Gefühle, ja und nein sagen, gute und schlechte Geheimnisse. Themen für Jugendliche und Erwachsene sind körperliche Vorgänge in der Pubertät, Periode, Samenerguss, sexuelle Gefühle, Verliebtsein, Liebe, Sexualität, Verhütung, Kinderwunsch. Unsere Botschaft an Kinder als auch Erwachsene ist: Mein Körper gehört mir und ich bestimme, wer ihn anfassen darf und wer nicht.

Wie groß ist die Akzeptanz in der Gesellschaft, dass auch geistig Behinderte sich mit dem Thema Sexualität befassen wollen und auch sollten?

Bakonyi: Es gibt natürlich Menschen, die kaum Kontakt zu Behinderten haben. Sie können sich das Leben dieser Menschen wahrscheinlich nur schwer vorstellen. Allen anderen ist durchaus klar, dass auch sie wie wir alle den Wunsch nach Liebe, Nähe und Zärtlichkeit entwickeln. Alle Menschen sind sexuelle Wesen und das hat nichts mit behindert sein zu tun. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gilt für alle Menschen. Es darf auch nicht beschnitten werden.

Wie nah kann man es geistig behinderten Menschen bringen, dass eine Grenze überschritten wurde?

Bakonyi: Sexuelle Bildung bedeutet lebenslanges Lernen. Natürlich wird vieles wieder vergessen und auch nicht genau verstanden. Aber ein Mensch, der schon als Kind erfahren hat, dass seine Gefühle ernst genommen werden, ein Mensch, der wiederholende Lernerfahrungen macht, wird Selbstbewusstsein entwickeln und wissen, an wen er sich wenden kann. Ein selbstbewusster Mensch wird sich auch nicht so einfach an das Schweigegebot des Täters halten, sondern erzählen, was passiert ist.

Wie und mit welchen Materialen arbeiten Sie in der Sexualaufklärung mit Behinderten? 

Bakonyi: Wir arbeiten mit sehr anschaulichem Material, zum Beispiel Geschlechtsorganen aus Plüsch und wir erstellen gemeinsam anschauliche Körpermodelle. Wir haben bei Bedarf auch alle Verhütungsmittel dabei und erklären ihre Wirkungsweise. Das Material kann angeschaut und angefasst werden, Fragen der Teilnehmer zu Sexualität und Partnerschaft beantworten wir in kurzen und leicht verständlichen Sätzen. Auch über sexuelle Gewalt sprechen wir immer wieder und ausführlich.

Häufig sind Eltern sehr skeptisch, wenn es um die Aufklärung ihrer Kinder von fremder Seite aus geht – welche Erfahrungen machen Sie in den Einrichtungen?

Bakonyi: Unsere Erfahrung auf Elternabenden ist, dass die meisten Eltern nicht wie früher, die Sexualität ihrer Kinder nicht wahrnehmen, sondern dass sie eher unsicher sind, wie sie mit den Bedürfnissen ihrer Söhne und Töchter umgehen können. Allerdings machen sich Eltern aus oben genannten Gründen auch viele Sorgen, dass ihre Kinder ausgenutzt werden könnten. Viele Eltern sind froh darüber, dass wir ihre Bemühungen unterstützen.

Was können die Eltern tun? 

Bakonyi: Für die Eltern behinderter Kinder sollte es regelmäßig Elternabende und der Hinweis auf die Beratungsangebote geben. Damit Eltern merken, sie sind nicht alleine mit ihren Fragen zur Sexualentwicklung ihres behinderten Kindes. Der Austausch mit anderen Eltern und die Möglichkeit sich beraten zu lassen, tragen wesentlich zur Sicherheit der Eltern bei.

Wie wichtig ist das Thema in den Einrichtungen?

Bakonyi: Einrichtungen brauchen Konzepte für sexuelle Bildung und Schutzkonzepte. Mitarbeiter in Einrichtungen müssen entsprechend geschult werden. Über Sexualität zu sprechen, fällt den meisten Menschen nicht leicht. Aber ohne klar und deutlich zu sprechen, können wir Menschen mit geistiger Behinderung nicht vermitteln, dass Sexualität normal und schön ist, dass es aber auch Grenzüberschreitungen und Gefahren gibt. Es gibt verpflichtende Erste-Hilfe-Kurse. Warum nicht auch verpflichtende Fortbildungen zum Thema Sexualität und Prävention von sexueller Gewalt?

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