Zellerau

SkF feiert Jubiläen: Drei auf einen Streich

2019 ist das Jahr der Jubiläen beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF): Seit 40 bzw. 25 Jahren bietet man beim SkF Familien mit Problemen Hilfe zur Selbsthilfe.
'Hilfe zur Selbsthilfe' - das will der Sozialdienst katholischer Frauen seit 40 Jahren Familien mit Problemen bieten (v.l.): Verena Delle Donne (Leiterin der Erziehungsberatungsstelle im SkF), Petra Wurzbacher (Aufsuchende Erziehungsberatung), Jelena Gerhardt (Außenstelle Giebelstadt), Peter Imhof (stellvertretender Leiter der Erziehungsberatungsstelle und Außenstelle Ochsenfurt).
"Hilfe zur Selbsthilfe" - das will der Sozialdienst katholischer Frauen seit 40 Jahren Familien mit Problemen bieten (v.l.): Verena Delle Donne (Leiterin der Erziehungsberatungsstelle im SkF), Petra Wurzbacher (Aufsuchende Erziehungsberatung), Jelena Gerhardt (Außenstelle Giebelstadt), Peter Imhof (stellvertretender Leiter der Erziehungsberatungsstelle und Außenstelle Ochsenfurt). Foto: Thomas Obermeier

Beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) gibt es in diesem Jahr gleich dreifach Anlass, zu feiern: Neben dem 40-jährigen Bestehen der Aufsuchenden Erziehungsberatungsstelle (AEB) im Würzburger Stadtteil Zellerau feiern auch die SkF-Außenstellen im Landkreis Jubiläum: In Ochsenfurt findet seit 40 Jahren Beratung statt, in Giebelstadt seit 25 Jahren. Zum Dreifach-Jubiläum hat diese Redaktion mit Vertretern der drei Stellen gesprochen – über Hilfe zur Selbsthilfe, Verständigungsprobleme und den Segen des Diensthandys.

Frage: Erziehungsberatung – was ist das überhaupt?

Peter Imhof: Der Titel unserer Einrichtung ist auch „Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien“. Wir schauen zusammen mit den Familien: Was brauchen sie, worum soll’s gehen? Ein Teil unserer Arbeit besteht immer in der Beratung mit den Eltern, ein anderer Teil mit den Kindern und Jugendlichen allein. Und es gibt Termine, zu denen die (Teil-)Familien zusammen kommen.

Peter Imhof (Außenstelle Ochsenfurt und stellvertretender Leiter der Erziehungsberatungsstelle).
Peter Imhof (Außenstelle Ochsenfurt und stellvertretender Leiter der Erziehungsberatungsstelle). Foto: Thomas Obermeier
Aufsuchende Erziehungsberatung (AEB) und Erziehungsberatung – was sind die Unterschiede?

Imhof: Bei der klassischen Erziehungsberatung kommen die Familien in die Beratung – weil sie selbst darauf kommen oder geschickt werden. Der Weg zu uns soll möglichst einfach sein. Deswegen kämpfen wir dafür, dass keine Hürden eingebaut werden, zum Beispiel, dass man nicht erst zum Jugendamt gehen muss, um eine Erlaubnis für die Beratung zu bekommen.

Petra Wurzbacher: Aufsuchende Erziehungsberatung (AEB) richtet sich an Familien mit Problemen, die nicht bei der Erziehungsberatungsstelle anrufen und nach einem Termin fragen. Um sie zu erreichen, braucht man andere Zugänge: etwa über Themen, die für diese Familien existentiell sind, zum Beispiel Finanzielles oder Organisatorisches. Dazu machen wir Angebote, bei denen die Familien kein Beratungsthema mitbringen und etwas von sich preisgeben müssen.

Petra Wurzbacher (Aufsuchende Erziehungsberatung, Zellerau).
Petra Wurzbacher (Aufsuchende Erziehungsberatung, Zellerau). Foto: Thomas Obermeier
Welche Angebote gibt es konkret?

Wurzbacher: Zum Beispiel eine Kleiderkammer für Second-Hand-Kleider. Über unsere Stelle können Familien aus der Zellerau außerdem den Tafelschein erhalten. Und: Wir haben immer wieder zweckgebundene Spendenfonds, durch die man Familien unterstützen kann.

Wie erfahren die Leute von der AEB?

Wurzbacher: Wir gehen nicht zu Familien und klingeln: „Hallo, uns gibt’s“. Wir arbeiten vernetzt mit Institutionen wie Kitas, Schulen, Horten, wo Kinder und ihre Familien sowieso sind. Oft werden wir dorthin eingeladen, und so kommt Kontakt zustande. Mittlerweile kennen uns viele Familien und bringen selbst andere mit.

Jelena Gerhardt: Ich bin mit dem Konzept der AEB in Giebelstadt, Kirchheim, Aub und Bütthard unterwegs. Kindergärten und Schulen melden sich bei mir und bitten um einen Termin – und dann komme ich.

Jelena Gerhardt (Erziehungsberatung südlicher Landkreis).
Jelena Gerhardt (Erziehungsberatung südlicher Landkreis). Foto: Thomas Obermeier
Wie sind die Beratungsstellen im Landkreis entstanden?

Imhof: Wenn jemand in Aub oder Röttingen ein Problem hat, und die Erziehungsberatungsstelle ist in Würzburg, stellt das für viele eine hohe Hürde dar. Um näher an die Leute ranzurücken, sind die Außenstellen entstanden – vor 40 Jahren in Ochsenfurt, 15 Jahre später in Giebelstadt.

„'Erziehungsberatung'“, das hört sich für viele nach Schmach an – brauch' ich das, will mir da einer sagen, was ich falsch mache?"
Peter Imhof, stellvertretender Leiter der Erziehungsberatungsstelle
Gibt es inhaltliche Unterschiede in Ihrer Beratung?

Wurzbacher: Bei der AEB sind wir oft nicht nur wegen eines Themas mit der Familie in Kontakt. Unsere Familien heißen im Fachjargon „Multiproblem-Familien“ – weil es da viele Brandherde gibt, die aufploppen.

Imhof: In der Erziehungsberatung gibt es zunächst einen Anlass, warum Familien kommen. Oft geht es dann irgendwann um etwas ganz anderes. Dazu braucht es Vertrauen: dass die Leute das Gefühl haben, da hört mir jemand zu und nimmt mich ernst, ich werde nicht verurteilt. Erst dann kann man sich öffnen, auch für heiklere Themen.

Warum fällt es Familien oft schwer, aktiv Hilfe zu suchen?

Imhof: „Erziehungsberatung“, das hört sich für viele nach Schmach an – brauch' ich das, will mir da einer sagen, was ich falsch mache?

Wurzbacher: Scham ist ein Grund, schlechte Erfahrungen mit öffentlichen Einrichtungen ein anderer – oder auch der Gedanke: Es darf keiner wissen, wie schlecht es mir wirklich geht. Wieder andere schaffen es nicht, die Termine auf die Reihe zu bringen.

Gerhardt: Es gibt auch die Hemmschwelle, bei einer Beratungsstelle anzurufen. Ich habe nicht gedacht, dass mein Diensthandy so ein Segen ist. Wenn mich die Leute direkt anrufen können, haben sie schon einen Erstkontakt und es fällt ihnen leichter, zu kommen.

Haben sich die Beratungsthemen im Laufe der Zeit gewandelt?

Wurzbacher: Die mit Armut kombinierten Themen sind nicht mehr so sichtbar. Oft kommen Menschen, die sich auf den ersten Blick durch nichts unterscheiden, auch nicht durch Kleidung oder ähnliches. Die Kinder haben Handys; es ist vermeintlich alles da, und trotzdem besteht eine ganz große Not.

Imhof: Das Thema Armut beschäftigt uns in Ochsenfurt schon lange, unter anderem ist Wohnraum ein riesiges Problem geworden. Ochsenfurt ist als Kleinzentrum attraktiv, so dass die Preise angestiegen sind und Wohnraum knapp ist. Auch Geflüchtete sind verstärkt nach Ochsenfurt gekommen und brauchen Wohnungen. Außerdem hat sich das Thema "Trennung und Scheidung" dramatisch verändert: 2003 haben noch knapp 70 Prozent der Kinder unserer Klienten in ihrer originalen Herkunftsfamilie gelebt. Jetzt haben wir in der Ochsenfurter Beratungsstelle mehr Kinder aus Trennungsfamilien als in der Hauptstelle in Würzburg.

Kamen durch die Flüchtlingswelle neue Themen dazu?

Wurzbacher: In der Zellerau haben wir schon immer einen hohen Anteil an Migrationsfamilien, weil hier über 80 verschiedene Nationalitäten leben. Problematisch ist das Thema Sprache – wir sind mittlerweile sehr geübt in Rudimentärverständigung, für grundlegende Versorgungsthemen reicht das auch. Wenn es aber um komplexere oder rechtliche Sachverhalte geht, sollte ein Dolmetscher dabei sein – um sicherzustellen, dass alle alles verstehen.

Den Sie bei Bedarf hinzuziehen können?

Imhof: Wenn Familien hierher geflüchtet sind, gibt es keine Versorgung, was Übersetzer anbelangt. Wenn Beratungsbedarf besteht, fühlt sich erstmal niemand zuständig, weil das Geld kostet. Ausnahme sind unbegleitete Minderjährigen, die bei Beratungs- oder Therapiebedarf Unterstützung bekommen. Wenn Kinder aber mit ihren Eltern da sind, gibt’s keine Finanzierung. Ich finde, das ist ein Politikum – weil Hilfe nicht möglich ist, wenn man sich nicht ausreichend verständigen kann.

"Die Leute, die zu uns kommen, sind Experten für ihr Leben. Wir unterstützen sie, damit sie gute Ideen für ihre momentan schwierige Situation entwickeln."
Jelena Gerhardt, Erziehungsberatung südlicher Landkreis
Wer kommt zu Ihnen?

Imhof: Das klassische Vorurteil gegenüber Erziehungsberatung ist, dass wir nur den wohlsituierten Mittelstand erreichen – und nicht die, die es ganz nötig hätten. Unsere Zahlen widerlegen das. Zum Beispiel erreichen wir ganz viele Alleinerziehende, die durch eine Kombination von allen möglichen Problemen hohe Nöte haben. Außerdem viele Menschen, die von Sozialleistungen leben. Und ja, natürlich auch die, die existentiell gut gesichert sind.

Gerhardt: Ein geringer Teil der Leute wird auch vom Gericht zu uns geschickt.

Wurzbacher: Im Vergleich zur Erziehungsberatung sind in der AEB überdurchschnittlich Familien repräsentiert, die im Leistungsbezug sind, durch Jobcenter oder Wohngeld. Außerdem Familien mit drei oder mehr Kindern. Der Anteil an Alleinerziehenden ist auch noch etwas höher; der Anteil an Familien mit Migrationshintergrund deutlich höher.

Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Imhof: Wir alle bieten Hilfe zur Selbsthilfe an. Wir wollen Familien oder einzelne Familienmitglieder stärken, damit sie ihre Lebensaufgaben gut bewältigen können.

Wurzbacher: Es geht darum, Beziehungsfähigkeit zu beleben und zu stärken. Das ist nötig, weil die Anforderungen an die Lebensgestaltung steigen: Die Eltern sind oft beide berufstätig, die Kinder ganztags untergebracht. Da noch Zeit zu haben für konstruktive, liebevolle Beziehungen ist eine Herausforderung.

Gerhardt: Die Leute, die zu uns kommen, sind Experten für ihr Leben. Wir unterstützen sie, damit sie gute Ideen, Wege und Lösungen für ihre momentan schwierige Situation entwickeln. Also nicht: Jemand sagt mir, was richtig und falsch ist, sondern: Es begleitet mich jemand mit Knowhow – und wird irgendwann auch wieder unsichtbar in meinem Leben.

Jubiläumsjahr beim SkF
Dreifach-Jubiläum beim Psychotherapeutischen Beratungsdienst im Sozialdienst katholischer Frauen (SkF): Die Aufsuchende Erziehungsberatungsstelle (AEB) im Würzburger Stadtteil Zellerau feiert 2019 ihr 40-jähriges Bestehen, ebenso wie die Außenstelle des Beratungsdienstes in Ochsenfurt. In Giebelstadt feiert man 25-jähriges Bestehen.
Der SkF ist ein Verband in der katholischen Kirche, der sich der Hilfe für Kinder und Jugendliche, Frauen und Familien in besonderen Lebenslagen widmet. Die Erziehungsberatung im SkF ist ein Angebot für Ratsuchende in der Stadt und dem Landkreis Würzburg. Rund 900 Familien begleitet die Beratungsstelle im Jahr (Kontakt unter Tel.: (0931) 4 190 461 oder per Mail: ptb@skf-wue.de). Die Aufsuchende Erziehungsberatung (AEB) richtet sich an Familien mit besonderen Belastungsfaktoren.
Das Angebot des SkF umfasst 18 Abteilungen in Stadt und Land – von Jugendhilfe bis hin zur Beratungsstelle für Schwangere; mit insgesamt 285 Mitarbeitern.

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