Würzburg

Sozialstunden während der Kickers-Heimspiele

Ein 21-jähriger Rothosen-Fan musste sich jetzt wegen Landsfriedensbruchs vor dem Amtsgericht verantworten. Er kam glimpflich davon.

Gleich zweimal Glück hatte ein Anhänger des FC Würzburger Kickers aus dem Landkreis, der sich im Mai 2017 an Ausschreitungen von Fußball-Fans im Wattenscheider Lohrheide-Stadion beteiligt hat: Zum Einen war er zum Zeitpunkt der Tat noch keine 21 Jahre alt und landete deshalb als Heranwachsender vor dem Jugendrichter, zum Anderen machte er im Prozess auf Richter und Staatsanwältin einen so guten Eindruck, dass er am Ende mit einer Geldauflage und 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon kam.

Es war kein Spiel der Rothosen, zu dem der heute 21-Jährige nach Wattenscheid gefahren war: Zwischen den Kickers-Fans und den Anhängern des Regionalligisten SG Wattenscheid 09 besteht eine Fanfreundschaft, in deren Rahmen er und andere Würzburger zur Unterstützung angereist waren. 674 Zuschauer sahen am 20. Mai 2017 das Heimspiel der Wattenscheider gegen Rot Weiss Ahlen, und vor dem Anpfiff versuchte nach Aussage von zwei szenekundigen Polizeibeamten, die vor Ort im Einsatz waren, eine Gruppe von etwa 20 Wattenscheider und Würzburger Anhänger, den Gästeblock des Lohrheide-Stadions zu stürmen.

Ziemlich weit vorne dabei war der Angeklagte

Dabei flogen auch einige Bierflaschen Richtung Ordner und über den Zaun in den Gästeblock. "Da waren auch Familien mit Kindern, die hätten getroffen werden können", berichtete einer der Ordner, der von den Scherben einer zersplitternden Bierflasche verletzt wurde. Ziemlich weit vorne dabei war der Angeklagte, den einer der beiden Polizisten vom Zaun des Gästeblocks herunter ziehen musste. Dabei fielen, wie in solchen Fällen üblich, einige unflätige Beleidigungen. "Er war schon relativ aggressiv", so der Beamte im Zeugenstand.

Für die Polizei kamen die Ausschreitungen überraschend, denn die für die Tabelle bedeutungslose Partie des letzten Spieltags, die übrigens 0:0 endete, war nicht als Risikospiel eingestuft. Deshalb waren zunächst auch nur zwei Beamte vor dem Gästeblock, die erst Unterstützung anfordern mussten. Deshalb konnte der Angeklagte sich auch noch in aller Seelenruhe eine Eintrittskarte kaufen und einen Teil des Spiels sehen, ehe er von der Polizei zur Feststellung der Personalien aus dem Stadion geführt wurde.

Eine Flasche hat der 21-jährige Elektroniker wohl nicht geworfen

Eine Flasche hat der 21-jährige Elektroniker wohl nicht geworfen, zumindest ließ sich ihm die angeklagte versuchte gefährliche Körperverletzung nicht nachweisen. Was seine Tat allerdings in den Augen von Jugendrichter Bernd Krieger nicht viel besser macht: "Es gibt nur einen Grund, warum sie da hingefahren sind: Nicht wegen des Fußballspiels, sondern wegen der Randale."

Ein einjähriges Stadionverbot hat der Angeklagte bereits hinter sich, und das hat "bei ihm einen Denkprozess ausgelöst", versicherte der Verteidiger. Der 21-Jährige sprach mit leiser Stimme, gab die Tat zu und machte auch sonst einen guten und vernünftigen Eindruck auf die Prozessbeteiligten: Trotz ungünstiger familiärer Voraussetzungen hat er sein Leben in den Griff bekommen, Schule und Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und einen guten Job.

"Wenn du das einmal hattest, willst du nie wieder draußen sitzen"

Zwei Wochen Arrest waren die Strafe, die die Anklagevertreterin beantragt und der Jugendrichter ausgesprochen hätte, wenn der Angeklagte sie nicht davon überzeugt hätte, dass eine ähnliche Tat bei ihm nicht mehr vorkommen wird. Mahnende Worte bekam der Dauerkarten-Inhaber der Würzburger Kickers trotzdem einige zu hören: "Solche Leute wie sie sind schuld daran, dass ich später mit meinem Enkel auf dem Weg zum Fußballstadion keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzten und nicht im Fanblock stehen werde", sagte Krieger.

Mit Zustimmung der Staatsanwältin wurde das Verfahren gegen Auflagen vorläufig eingestellt. Sobald der 21-Jährige 1000 Euro an das Zellerauer Kinderzentrum überwiesen und 20 Stunden gemeinnützige Arbeit abgeleistet hat, ist die Sache für ihn erledigt. Tut er das nicht, "dann nehme ich das Verfahren wieder auf und stecke sie in den Arrest", versprach Krieger. Das Besondere an den 20 Sozialstunden: Der Angeklagte muss an fünf Wochenenden immer dann vier Stunden arbeiten, wenn die Kickers ein Drittliga-Heimspiel haben. Diese Verlängerung seines Stadionverbots dürfte ihn am härtesten treffen: "Wenn du das einmal hattest, willst du nie wieder draußen sitzen", sagte er.

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