Würzburg

Spektakulärer Prozess zu Strom-Experimenten geht zu Ende

Ein Würzburger Informatiker soll reihenweise junge Frauen dazu gebracht haben, sich lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen. Nun steht das Urteil an: War es versuchter Mord?
Das Foto des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben. Der aus Würzburg stammende Angeklagte soll sich gegenüber jungen Frauen als Arzt ausgegeben und sie zu lebensgefährlichen Stromexperimenten gebracht haben.  Foto: Foto: Polizeipräsidium Oberbayern Nord, dpa

Gewaltig klang im November vor dem Landgericht München II die Anklage gegen einen 30-jährigen Informatiker aus Würzburg, den manche Medien gruselnd den „Strom-Doc“ nannten: 88-facher versuchter Mord. Über fünf Jahre lang soll der IT-Experte per Skype junge Frauen dazu überredet haben, selbst an sich Strom anzulegen. "Das ist nur die Spitze des Eisberges", hatte ein Kripo-Mann während der Ermittlungen zu einem der spektakulärsten Fälle der vergangenen Jahre gesagt. Am Montag soll in München nun das Urteil im sogenannten Stromschlags-Prozess fallen.

Von 88 Fällen der Anklage blieben 22

Rund 200 Videos hatten die Ermittler bei der Durchsuchung der Wohnung des Informatikers im Landkreis Würzburg gefunden. Von 120 Opfern war zunächst die Rede gewesen, nachdem eine junge Frau aus Fürstenfeldbruck Anzeige erstattet hatte und die Polizei den Verdächtigen - auf frischer Tat ertappt - am Computer festgenommen hatte. Doch manche Opfer waren nicht identifizierbar - und andere wollten sich das öffentliche Spießrutenlaufen als Zeugin im Prozess nicht antun müssen.  

Im zwei Monate dauernden Prozess vor dem Landgericht München II ging es der Anklage der Staatsanwaltschaft wie einem Eisberg durch die Klimaerwärmung: Von 88 angeklagten Fällen sind 22 geblieben, der Rest wurde eingestellt. Das ändert nichts am Vorgehen des Angeklagten, der mit dem Leben der Frauen und Mädchen spielte: Es sei reines Glück, dass keine der Betroffenen starb, versicherte ein Gutachter im Prozess.

Aufgetreten als angebliche Doktor Vogel

Der 30-jährige IT-Experte galt als schüchtern, er lebte zurückgezogen. Im Internet aber trumpfte er als Dr. Christian Vogel von der Universität München auf. Jungen Frauen auf der Suche nach einem Nebenjob schrieb er, dass er an einer Studie über Schmerzempfindlichkeit arbeite. Für Vergütungen  zwischen 100 und 1500 Euro sollten sie daran teilnehmen können. Er müsse aber erst testen, ob sie dafür geeignet seien, so der vermeintliche Arzt.

Der wegen versuchten Mordes an zahlreichen Frauen und Mädchen 30-jährige Angeklagte im Sitzungssaal des Landgerichts München II am ersten Prozesstag im November. Foto: Sven Hoppe, dpa

Während er übers Internet-Telefon Skype zuschaute, filmte und sich erregte, bauten die Frauen und jungen Mädchen - das jüngste war erst 13 Jahre alt - nach Vorgabe des Angeklagten eine Vorrichtung aus einem Kabel und zwei metallenen Löffeln zusammen und verbanden sie mit dem Stromkreislauf. Auf Anweisung hielten sie die Löffel an die Schläfen oder die Füße und jagten sich 230 Volt durch den Körper. Teilweise legten die Partner oder Väter der Teilnehmerinnen mit Hand an. 

Gutachter: Keine Absicht, zu töten

Ein Gutachter sagte im Prozess, "dass David G. es nicht gezielt darauf angelegt hat, jemanden zu töten". Doch er hätte von seinem Rechner in Würzburg aus nie einschreiten können und habe die Bedingungen seiner Experimente nicht unter Kontrolle gehabt. Immerhin habe der Informatiker Sicherheitshinweise gegeben: Die Frauen sollten die unter Strom stehenden Löffel nicht mit der Hand berühren. Und sie sollten Haltegriffe aus Holz basteln, um sich die Löffel an die Schläfen zu halten. Der IT-Experte hatte den Frauen aber auch versichert: Die Versuche seien ungefährlich.

Dass der Angeklagte am Asperger Syndrom leidet, wurde erst während der Untersuchungshaft erkannt. Die Form von Autismus hindert Erkrankte daran, auf normale Art soziale Kontakte zu pflegen und Gefühle zu zeigen. Gutachter Henning Saß diagnostizierte bei David G. eine abnorme Sexualität mit fetischistischen und sadistischen Zügen.

David G. habe wohl einen Lustgewinn daraus gezogen, wenn die Frauen und Mädchen unter seiner Kontrolle Schmerzen erlitten. Der Angeklagte habe erkennen können, dass er Unrecht tat, sagt Saß. AllerEr habe sich aber nur eingeschränkt steuern können. Der 30-Jährige ist inzwischen in eine psychiatrische Klinik verlegt.

Urteil steht an: Zwei Jahre oder 14 Jahre?

Wie das Münchner Gericht jetzt aus der nichtöffentlichen Verhandlung mitteilt, fordert Staatsanwalt Matthias Braumantl  14 Jahre Haft - und die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. In seinem Plädoyer spricht Braumantl von versuchtem Mord, gefährlicher Körperverletzung, Titelmissbrauch und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches. Die Opfer hätten nicht in die Selbstverletzung eingewilligt. Der falsche Arzt habe sein Vorgehen "massiv ausgeklügelt". 

Verteidiger Klaus Spiegel hält dagegen: Die Frauen hätten jederzeit „nein“ sagen können und wegen der Bezahlung mitgemacht. Alle hätten gewusst, dass Strom aus der Steckdose lebensgefährlich ist. Er forderte, David G. nur wegen der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch unbefugte Bildaufnahmen und Titelmissbrauch zu verurteilen - oder hilfsweise die Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung beziehungsweise fahrlässiger versuchter Tötung. Der Verteidigung legt eine psychische Erkrankung des Angeklagten nahe und plädierte auf eine Bewährungsstrafe von höchstens zwei Jahren. Der Anwalt des Angeklagten forderte außerdem, die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zur Bewährung auszusetzen.

Das Urteil wird am 20. Januar gesprochen.

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