WÜRZBURG

Spurensuche in einer Stadt in Angst

Hexenverfolgungen gab es auch in Würzburg, das machte Stadtheimatpfleger Hans Steidle während einer historischen Nachtführung an die Schauplätze anschaulich deutlich. Foto: Würzburg liest ein Buch

Würzburg liest in dieser Woche nicht nur das Buch „Aufruhr um den Junker Ernst“ von Jakob Wassermann, sondern begibt sich auch auf Spurensuche nach den historischen Hintergründen der Handlung. Beispielsweise mit dem Historiker und Stadtheimatpfleger Hans Steidle, der sich im Rahmen der Lesewoche mit etwa 40 Personen zu einer Nachtführung aufmachte.

„Eine Stadt in Angst – Würzburg im Zeitalter des religiösen Extremismus“ war Thema seines Rundgangs, bei dem er sich auf die Spurensuche nach Schauplätzen machte, die in Zusammenhang mit der Hexenverfolgung in Würzburg stehen. Es ist die Zeit, in der der Junker Ernst lebte und in der sein Onkel, Fürstbischof Philipp Adolph von Ehrenberg, gnaden- und schonungslos Hexen verfolgen und ermorden ließ.

Würzburgs „Hexenturm“

Start der nächtlichen Runde war der „Hexenturm“ hinter der neuen Universität. Der Turm ist Teil der alten Stadtbefestigung, war aber nie Hexengefängnis, so Steidle, der zu Beginn des Rundgangs grundsätzliche Anmerkungen machte. So sei die Zeit der Hexenverfolgungen im Hochstift Würzburg eine überschaubare Periode gewesen. Ende des 16. Jahrhunderts noch wenig ausgeprägt, hätten die Verfolgungen bis 1618 zugenommen, ehe sie unter Fürstbischof Philipp Adolph von Ehrenberg zwischen 1626 und 1629 ihren umso grausameren Höhepunkt erreicht hätten.

Während früher von bis zu 500 000 Opfern des Hexenwahns in Europa die Rede war, hielten neue Forschungen eine Zahl um 50 000 für realistisch, so Steidle. Der Hexenglaube sei auch eine Ideologie gewesen, die sich nicht überall verbreitet habe. Allerdings habe er in allen christlichen Religionen seinen Niederschlag gefunden, in anderen Religionen nicht. Außerhalb des Heiligen Römischen Reichs sei er nicht vorgekommen.

Im ehemaligen Stephanskloster unweit des Hexenturms wirkte Benediktinerpater Ignaz Gropp, der in der Wassermann-Novelle als verbissener Hexenjäger dargestellt wird und dafür sorgt, dass der Junker Ernst inhaftiert wird. Zu seinen Lebzeiten (1695-1758) sei die Hexenverfolgung allerdings beinahe schon eine Minderheitenmeinung in der Kirche gewesen, so Steidle. Dennoch befürwortete Gropp, dass 1749 die letzte Hexenverbrennung in Würzburg stattfand, bei der Maria Renata Singer von Mossau hingerichtet wurde.

Dritte Station war die Alte Universität, die von Fürstbischof Julius Echter gegründet wurde – nicht ohne Selbstzweck. Denn hier konnte er beispielsweise Theologen und Juristen ausbilden, die er für Verwaltung und Seelsorge benötigte. Dass Echter gegen jene vorging, die aus seiner Sicht den falschen Glauben hatten, war laut Steidle kein Einzelfall: „Das haben alle Fürsten gemacht“. Es habe aber in manchen Gebieten auch ein Nebeneinander der katholischen und protestantischen Religion gegeben.

In den Jahren 1606 und 1616 herrschten sehr schlechte Wetterbedingungen in Würzburg und Umgebung, was dem Vorwurf des Schadenszaubers Vorschub leistete. Auch Echter hielt es für möglich, dass Menschen mit übernatürlichen Kräften dafür verantwortlich sind. Er habe aber die „Betroffenen“ nicht sofort hinrichten lassen, sondern die Prozesse an seine Kanzlei nach Würzburg gezogen. Dabei habe er auf eine korrekte Durchführung geachtet.

Durch neueste Forschungen des Würzburger Historikers Robert Meier wisse man, dass viele Prozesse nicht durch Verfolgungen von oben, sondern durch Anzeigen aus der Dorfbevölkerung in Gang gesetzt wurden. Diese seien nach Würzburg gemeldet und dort entschieden worden. Einige dieser Anzeigen seien dann nicht weiter verfolgt worden. Auch wenn Echter über die Vorwürfe informiert war und sie teilweise auch mittrug, werde man nach den neuen Erkenntnissen „die Meinung über Echter als radikalen Hexenjäger vermutlich revidieren müssen“, so Steidle.

Ein Zeitgenosse Echters war der Jesuitenpater Friedrich Spee, der im Würzburger Jesuitenkolleg, dem heutigen Priesterseminar, neben der Alten Universität von 1612 bis 1615 studierte. Er schlug aber einen anderen Weg ein und machte sich einen Namen als Bekämpfer der Hexenverfolgung. Dass er aber, wie bei Wassermann zu lesen, in Würzburg Hexen betreute oder als ihr Beichtvater fungierte, ist laut Steidle nicht überliefert. 1631 veröffentlichte er anonym seine Schrift „Cautio Criminalis“, in der er sich als erster im katholischen Bereich gegen Folter und Hexenwahn aussprach.

Geständige Hexen

In der Domerschulstraße 10, dem heutigen Institut für Musikforschung der Universität, lebte Johann Gottfried von Aschhausen (1575 bis 1622). Als dieser Domherr von Würzburg war, nahmen die Hexenverfolgungen zu. Er versuchte sich dem Thema laut Steidle seelsorgerisch zu nähern. Geständige Hexen ließ er nicht verbrennen, sondern er ließ ihnen den Kopf abschlagen, um ihnen den langen und quälenden Todeskampf zu ersparen. Auch glaubte er, ihnen Gutes zu tun, indem er Messen für sie lesen und sie vor ihrem Tod mit den Sterbesakramenten versehen ließ.

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