Würzburg

Staatsanwalt: Vorermittlungen gegen zweites Würzburger Seniorenheim

Eine anonyme Anzeige war der Auslöser: Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat Vorermittlungen gegen ein weiteres Seniorenheim eingeleitet. Was dort nun passiert und wie die Lage ist.
Auch das Seniorenpflegeheim Hans-Sponsel-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Würzburger Lindleinsmühle ist nun Gegenstand staatsanwaltlicher Vorermittlungen.
Auch das Seniorenpflegeheim Hans-Sponsel-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Würzburger Lindleinsmühle ist nun Gegenstand staatsanwaltlicher Vorermittlungen. Foto: Johannes Kiefer

Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat Vorermittlungen gegen ein weiteres Seniorenpflegeheim aufgenommen. Wie Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen bestätigt, handelt es sich um das Hans-Sponsel-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Stadtteil Lindleinsmühle. Dort sind laut Gesundheitsamt 19 Bewohner an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben. Auslöser der Vorermittlungen sei eine anonyme Anzeige gewesen, so Raufeisen auf Anfrage der Redaktion.

"Wir haben damit gerechnet. Immerhin sind 19 unserer Bewohner verstorben", sagt Ulrike Hahn, Bereichsleiterin Senioren und Reha bei der AWO in Unterfranken. "Das ist auch für unsere Mitarbeiter eine sehr belastende Situation, ganz zu schweigen von den Angehörigen der Verstorbenen, die ein Anrecht darauf haben, alle Umstände zu kennen." 

In den vergangenen Tagen habe sich die Situation im betroffenen Haus jedoch stabilisiert, so Hahn. Seit dem 17. April sei kein weiterer Bewohner mehr positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die meisten Erkrankten befänden sich auf dem Weg der Besserung. Man hoffe, dass die nächsten angesetzten Tests nun negativ ausfallen, so die Bereichsleiterin.

"Das ist auch für unsere Mitarbeiter eine sehr belastende Situation, ganz zu schweigen von den Angehörigen der Verstorbenen, die ein Anrecht darauf haben, alle Umstände zu kennen."
Ulrike Hahn, Bereichsleiterin Senioren und Reha bei der AWO in Unterfranken

Auch beim Personal bahne sich langsam eine Entspannung an. Die Mitarbeiter, die erkrankt sind oder sich in Quarantäne befinden, würden voraussichtlich in den nächsten zwei Wochen zurückkehren können. Das Team, das die Stellung in der Einrichtung gehalten hat, würde dann entlastet. "Ohne unsere Mitarbeiter, die wirklich alles gegeben haben, wäre die Situation nicht zu meistern gewesen", sagt Hahn. Gleiches gelte für das Leitungsteam der Einrichtung, das zuletzt mehr oder weniger rund um die Uhr im Einsatz gewesen sei.

Einzelne Bewohner mussten mehrfach umziehen

Aktuell sind 35 Bewohner und 25 Mitarbeiter des Hans-Sponsel-Hauses positiv auf das Coronavirus getestet worden, so Ulrike Hahn. Die negativ getesteten Bewohner seien räumlich von den positiv getesteten getrennt.

Ein Problem, das auftauchte: Es seien auch Bewohner positiv getestet worden, die in dem Wohnbereich lebten, der lange nur mit negativ getesteten Bewohnern belegt gewesen war. Daraufhin hätten gleich zwei Mal mehrere Bewohner umziehen müssen, um eine Kohortenisolation zu gewährleisten. Einzelne Bewohner mussten sogar mehrfach umziehen, berichtet die Bereichsleiterin. Denn obwohl sie keine Symptome hatten, wurde bei ihnen bei der dritten oder vierten Testung das Virus doch nachgewiesen. "Eine zusätzliche Belastung für alle Beteiligten."

Auch sonst sei der Alltag in dem betroffenen Pflegeheim alles andere als einfach. Viele Bewohner litten darunter, nicht aus ihrem Zimmer zu dürfen und somit immer weniger Kontakt zu Mitarbeitern, Mitbewohnern und Angehörigen zu haben. Der ein oder andere kommuniziere über das Fenster mit Angehörigen, die unten vor dem Haus stehen. "Aber auch das klappt nicht bei jedem", schildert Hahn.

Alle Bewohner dürfen ihre Zimmer nicht verlassen

Das Heim setze mehr Personal ein als üblich, die Einzelbetreuung sei weit aufwändiger als die normale Gruppenbetreuung. Viele Bewohner müssten zum Essen und Trinken angehalten werden, auch fehle ihnen die Bewegung. Man habe AWO-Mitarbeiter aus der Tagespflege um Unterstützung gebeten, sagt die Bereichsleiterin. Freiwillige, vorwiegend aus dem Schweinfurter Raum, seien der Bitte nachgekommen. Die Kollegen würden jetzt die Bewohner in den Zimmern betreuen, damit sie nicht vereinsamen. Weil Physiotherapie und Ergotherapie fehlen, könnten manche Senioren manche ihrer Fähigkeiten verlieren, fürchtet Ulrike Hahn.

Derzeit dürfen sowohl positiv als auch negativ getestete Bewohner im Hans-Sponsel-Haus ihre Zimmer nicht verlassen. Hahn hofft, die Isolation zumindest in dem Wohnbereich der negativ Getesteten bald aufheben zu können. Dies entscheide - wie überhaupt alle Maßnahmen - das Würzburger Gesundheitsamt.

Auch für die Pflegekräfte in dem Heim sei die Arbei "sehr belastend", so Hahn, vor allem für die älteren Mitarbeiter. "Körperlich anstrengende Tätigkeiten mit direktem Körperkontakt mit Schutzkittel, Handschuhen, Schutzmasken und Schutzbrillen sind kein Vergnügen." Die Dienste durchzuhalten, sei da schwer.

Schutzkittel im Hans-Sponsel-Haus werden knapp

Ein weiteres Problem: Die Schutzkittel würden knapp. Hier hoffe man auf den Katastrophenschutz, da die vom Heim georderte Kleidung erst Ende April eintreffen soll. Ein Mitarbeiter der Einrichtung kümmere sich den ganzen Tag nur um Schutzausrüstung, so Hahn. Daher habe sich das Heim bislang weitgehend selbst mit der benötigten Ausrüstung versorgen können.

Eine "enorme Entlastung" für die Pflegekräfte sei der dem Heim zugeteilte Arzt. Er informiere die Familie, wenn sich der Gesundheitszustand eines Bewohners verändert. Angehörige könnten sich außerdem - passwortgeschützt - auf der Internetseite des Hans-Sponsel-Hauses über Neuigkeiten informieren. Man halte sie auch telefonisch auf dem Laufenden.

Das Krisenmanagement im betroffenen Pflegeheim, die Zusammenarbeit mit den Behörden und den Mitarbeitern des Katastrophenschutzes, aber auch mit den Angehörigen habe sich eingespielt, so Hahn.

Und die anonyme Anzeige?  Dazu sagt die Bereichsleiterin: "Zu behaupten, alles wäre super, würde der Situation nicht gerecht. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Sache gut gemacht haben, vor allem die Kollegen vor Ort."

St. Nikolausheim: Jetzt Anzeigen von zwei Angehörigen
Das Hans-Sponsel-Haus der AWO ist bereits das zweite Seniorenheim in Würzburg, das die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit Corona-Erkrankten oder Verstorbenen auf den Plan ruft. Am 7. April war bekannt geworden, dass gegen das Würzburger Seniorenheim St. Nikolaus Vorermittlungen laufen. Dort sind 25 Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben. Die Vorermittlungen dauern an. Man warte auf Auskünfte des Gesundheitsamtes, so die Staatsanwaltschaft. Inzwischen liegen nun auch Anzeigen von zwei Angehörigen Verstorbener vor. Sie würden mitbearbeitet und geprüft.

Rückblick

  1. Corona-Regeln: Stehen neue Verschärfungen an?
  2. Rhön-Grabfeld: 62 Personen aktuell infiziert
  3. FOS/BOS: Schüler beschweren sich über mangelnden Gesundheitsschutz
  4. Erste Testergebnisse nach Corona-Fall in Estenfelder Grundschule liegen vor
  5. Haßberge: Wie Wasserratten mit Corona baden gehen können
  6. Röntgen-Gymnasium: Wann eine Rückkehr in die Schule möglich ist
  7. Coronakrise: Sechs Schulklassen in und um Schweinfurt in Quarantäne
  8. Kreis Kissingen: Am Mittwoch kam ein neuer Corona-Fall hinzu
  9. Wie das Wintersemester an Fachhochschulen startet
  10. Feier in Oberschwappach: Die Infizierten trifft keine Schuld
  11. Wegen Corona: "Stadtweihnacht" statt Weihnachtsmarkt in Schweinfurt
  12. Gesundheitsamt: "Corona-Alltag" zwischen Tests und Telefonaten
  13. Corona-Regeln im Seniorenheim: Wenn Sterbebegleitung schwierig ist
  14. Bad Kissingen: Stadt und TSV sagen Nacht des Sports ab
  15. Corona im Kreis Kissingen: Ein neuer Infizierter
  16. Trotz Corona: Krankenstand in der Region leicht gesunken
  17. Würzburger Gesundheitsamt nennt alle Schulen mit Covid-19-Fällen
  18. Neuer Coronafall am Röntgen-Gymnasium: Wie geht es weiter?
  19. Nach Corona: Kliegl-Kindergarten auf dem Weg zu Normalität
  20. Corona in Main-Spessart: 147 Personen in Quarantäne
  21. Landrat Habermann: Hotspot Rhön-Grabfeld als heilsame Übung
  22. Grundschule Estenfeld: Corona-Fall in der ersten Klasse
  23. Zahl der Corona-Fälle im Landkreis steigt weiter
  24. Corona-Inzidenz steigt wieder in Rhön-Grabfeld
  25. Corona-Maßnahmen: Was der Staat anordnen darf und was nicht
  26. Corona in Würzburg: 29 neue Fälle übers Wochenende
  27. Sechs weitere Corona-Fälle im Landkreis Haßberge
  28. Ufra in Schweinfurt: Wo gibt es Tickets? Was sind die Corona-Auflagen?
  29. 50 Corona-Infizierte im Landkreis Rhön-Grabfeld
  30. Warum die Gehwege in der Zellerau zwei Tage lang bunt waren
  31. Bad Kissingen: Demo gegen Einschränkung durch Corona-Regeln
  32. Rhön-Grabfeld: Corona-Zahlen wechseln, Beschränkungen bleiben
  33. Neuer Corona-Fall am Röntgen-Gymnasium: Ein Lehrer ist infiziert
  34. Rhön-Grabfeld wieder unter dem kritischen Corona-Wert
  35. Corona-Hotspot: Landkreis Rhön-Grabfeld erlässt Beschränkungen
  36. Landkreis Würzburg: In welchen Gemeinden gibt es Neuinfektionen?
  37. Rhön-Grabfeld überschreitet kritischen Inzidenz-Wert von 50
  38. Kliegl-Kindergarten: Auch der letzte Corona-Test war negativ
  39. Oberschwappach: Verwirrung um Infizierte bei Privatfeier
  40. Nach Corona-Pause: Wieder Unterricht an Bad Königshöfer Schulen
  41. Entspannung, aber keine Entwarnung: Corona-Zahlen im Landkreis sinken
  42. Corona in Main-Spessart: Aktuell 13 Infizierte, 100 in Quarantäne
  43. Corona-Erkrankte: "Ich habe gedacht, ich muss sterben"
  44. Rhön-Grabfeld: Ein digitales Konzept für alle Landkreisschulen
  45. Corona-Pflegealltag: Wie normal ist die neue Normalität?
  46. Kaufen oder knausern? So geht es Gerolzhofens Einzelhandel
  47. Corona-Zahlen sinken: Was ist jetzt erlaubt, was noch nicht?
  48. Oberschwappach: Mehrere Corona-Infizierte nach Privatfeier
  49. Stadträte starten Hilferuf für Schweinfurter Außengastronomie
  50. Corona im Kreis Kissingen: Ein neuer Fall und ein offener Test

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Angelika Kleinhenz
  • Arbeiterwohlfahrt
  • Coronavirus
  • Ergotherapie
  • Katastrophenschutz
  • Pflegeheime
  • Pflegepersonal
  • Physiotherapie
  • Seniorenheime
  • Seniorenpflegeheime
  • Staatsanwaltschaft
  • Staatsanwaltschaft Würzburg
  • Staatsanwälte
  • Verstorbene
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!