WÜRZBURG

Stadtteilserie (13): Der Professor und die vergessene Madonna am Hubland

Vergangenheit: Im Jahr 1964 entstand dieses Foto des „Kartoffeldenkmals“ mitten im hektischen Verkehr der Leighton Barracks.
Vergangenheit: Im Jahr 1964 entstand dieses Foto des „Kartoffeldenkmals“ mitten im hektischen Verkehr der Leighton Barracks. Foto: ArchivHans Heer

Im abgesperrten Teil der ehemaligen Leighton Barracks steht eine Pieta aus Sandstein. Das sogenannte Kartoffeldenkmal erinnert an einen innovativen Juraprofessor, der am Hubland Kartoffeln anpflanzte.

Wo später Rekruten exerzierten und noch später Piloten ihre Flugzeuge starteten, wo die Amerikaner ihr größtes Einkaufszentrum in Europa betrieben und wo heute der neue Stadtteil Hubland entsteht, wuchsen im 18. Jahrhundert Kartoffeln. Es waren nicht irgendwelche Kartoffeln. Ein Juraprofessor ließ sie hier und auf dem benachbarten Gelände, auf dem sich ab 1965 der Universitätscampus Hubland Süd entwickelte, anbauen.

Seine Begeisterung galt so sehr den im Frankenland weitgehend unbekannten Knollenfrüchten, dass er seine Lehrpflichten vernachlässigte und von der Umwelt halb bewundernd, halb verächtlich „Professor juris et ruris“, Professor des Rechts und des Ackers, genannt wurde.

Für Philipp Adam Ulrich (1692 bis 1748) waren die kargen Äcker am Hubland der ideale Ort, um seinen Zeitgenossen zu beweisen, dass der Anbau dieser Frucht geeignet wäre, die Ernährung der Bevölkerung des von Fürstbischöfen regierten Hochstifts Würzburg auf eine bessere Basis zu stellen.

An Ulrich erinnert noch heute das sogenannte Kartoffeldenkmal, das an der Rottendorfer Straße mitten im neuen Viertel steht und im Herbst 2013, als diese Zeilen geschrieben werden, nicht zugänglich ist, denn weite Teile der ehemaligen Leighton Barracks sind hermetisch abgesperrt. Die vergessene Pieta aus Sandstein auf einem Muschelkalksockel aus der Werkstatt des Bildhauers Jakob van der Auvera ist durch einen Glaskasten vor Umwelteinflüssen geschützt. Auf der Rückseite des Sockels findet man ein Wappen des Würzburger Bürgers Rossat und seiner Frau, die den Bildstock 1737 stifteten.

Vor der Madonna, die den Leichnam Jesu im Schoß hält, soll der fromme Professor Ulrich für seine landwirtschaftliche Innovation um Gottes Segen gebeten haben, bevor er seinen Gutshof mit den „öden Ellern“, wie die dazugehörigen Äcker genannt wurden, besuchte. „Eller“ bezeichnet im Ober- und Mittelhochdeutschen eine wegen geringer Erträge nicht oder nicht mehr genutzte landwirtschaftliche Fläche.

Ulrich kam 1692 in Lauda zur Welt, das damals zum Hochstift Würzburg gehörte. Sein wohlhabender Vater widmete sich dem Weinbau und Weinhandel. Nach dem Jurastudium in Würzburg (1707 bis 1712) unternahm der junge Philipp Adam zunächst große Bildungsreisen, kehrte dann nach Würzburg zurück und wurde 1717 Universitätsprofessor. Im selben Jahr heiratete er in der Pfarrkirche St. Peter, doch starb seine Frau schon zwei Jahre später bei der Geburt der zweiten Tochter und auch die beiden Kinder wurden nicht alt.

Diese Schicksalsschläge ließen Ulrich einsam und schrullig werden, schreibt Otto Meyer. Adam setzte sich für aufklärerische Ideen ein, wobei neben der Verbesserung der Volksschulen die Modernisierung der Landwirtschaft sein wichtigstes Tätigkeitsfeld war. Für den akademischen Lehrbetrieb wegen seiner allzu trockenen Art ohnehin nicht sonderlich geeignet, machte er bald von der damals üblichen Praxis Gebrauch, seine Vorlesungen von einem Vertreter halten zu lassen.

Die über Spanien und England von Amerika nach Deutschland eingeführte Kartoffel wurde im 16. und 17. Jahrhundert wegen ihrer Blüten als Zierpflanze meist in herrschaftlichen Gärten gezogen. Es dauerte lange, bis sich das weißblühende, aber mit Argwohn beobachtete Gewächs als Lebensmittel durchsetzen konnte; höchstens als Viehfutter wollte man die Knollen zunächst gelten lassen. Da Kartoffeln nicht in der Bibel vorkommen, meinten manche Kirchenmänner, Gott habe nicht gewollt, dass Menschen sie verspeisen. Die ersten Testesser bekamen Bauchschmerzen, da sie die oberirdischen Früchte statt der Knollen probierten.

Einige Pflanzenkundler behaupteten gar, Kartoffeln würden Lepra verursachen, weil die Knollen sie an die verstümmelten Hände von Leprakranken erinnerten. Doch selbst als Botaniker die Pflanze wissenschaftlich korrekt einsortierten, verbesserte das nicht ihren Ruf: Sie gehört zu den giftigen Nachtschattengewächsen und galt deshalb als Teufelszeug. Der Preußenkönig Friedrich der Große erkannte Mitte des 18. Jahrhunderts als erster europäischer Herrscher den Nutzen der neuen Frucht. Als er sie an sein Volk verschenkte, wollte sie niemand haben. Erst als er die Felder demonstrativ von Grenadieren bewachen ließ, schlossen die Menschen auf ihren Wert und fingen an, nachts Kartoffeln zu stehlen.

Auch in Mainfranken dauerte es einige Generationen, bis aus der botanischen Kostbarkeit eine Hauptnahrungsquelle der breiten Bevölkerung wurde; Philipp Adam Ulrich hatte an dieser Entwicklung großen Anteil. Er erwarb als unfruchtbar geltendes billiges Land auf dem Galgenberg, pachtete 1739 auch den seinen Äckern benachbarten Wöllrieder Hof für 22 Jahre und für 24 Jahre den Herleshof in der Nähe von Kolitzheim. Manche Nachbarn spotteten über die „Professorenäcker“, doch er hatte Erfolg: Die „öden Ellern“ an der Rottendorfer Straße verwandelten sich binnen kurzem in fruchtbares Land. Auf dem Herleshof baute er ebenfalls Kartoffeln und Klee an, so dass er bereits nach einem Jahr rund 100 Kühe halten konnte; auch dieses Land hatte als unfruchtbar gegolten und nur acht Kühe ernährt.

Der Klee diente als Futterpflanze für den vergrößerten Viehbestand; dieser wiederum hatte eine verstärkte Düngung der Äcker zur Folge. Bald versorgte der Juraprofessor den Schweinfurter Markt mit Milch und erzielte dabei einen schönen Gewinn. Sein Testament beweist, dass seine landwirtschaftlichen Experimente ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht hatten.

Der Erfolg überzeugte die Bauern der Umgebung, die von Ulrich den Samen für den Klee, der auch als Gründünger diente, und die Kartoffeln bekamen. Freilich hatte Ulrich auch Misserfolge hinzunehmen. Eine von ihm entwickelte Pflug- und Dreschmaschine fand offenbar keine weite Verbreitung.

Als nach den Napoleonischen Kriegen in den Jahren 1816 und 1817 nach Getreidemissernten in Mainfranken große Hungersnot herrschte, war es die Kartoffel, die den drohenden Mangel in der Ernährung von Mensch und Vieh beheben konnte.

In der Notzeit erinnerte man sich an Philipp Adam Ulrich. Das unweit seiner Äcker stehende Marienbildnis wurde 1819 auf Anregung des Ulrich-Biografen Franz Oberthür auf einen höheren Sockel gesetzt, durch ein Kreuz vollendet und auf vier Seiten mit Inschriften versehen. „Zu Ehren des um die Landwirtschaft und insbesondere um den Kartoffelbau in Franken hochverdienten Professors Philipp Adam Ulrich wurde dieses Denkmal errichtet“, lautet eine. 1829 war die Kartoffelernte in Unterfranken mengenmäßig ebenso groß wie die Getreideernte. Die Kartoffel hatte sich endgültig durchgesetzt.

In der zweiten Auflage seiner Biografie über den ungewöhnlichen Juraprofessor schreibt Franz Oberthür 1824: „Dass Ulrich bei der Einführung der Kartoffel auch schon die Absicht hatte, den Menschen dadurch ein neues Nahrungsmittel zu verschaffen, kann nicht bezweifelt werden.“ Oberthür (1745 bis 1831), Priester, Theologieprofessor und Begründer des Berufsschulwesens in Würzburg, kam als Sohn von Gärtnersleuten auf dem Gut Talavera zur Welt, was sein Interesse an Ulrichs landwirtschaftlichen Neuerungen erklärt. Weiter heißt es in seinem Ulrich-Buch: „Ich erinnere mich noch wohl, dass in meiner Heimatstadt niemand die Kartoffel essen wollte und dass man sich erst spät und nur nach und nach daran gewöhnt habe, bis sie endlich für viele sogar eine Lieblingsspeise wurde.“

Auch auf die Hungerjahre ging Oberthür ein: „Jedermann weiß, dass Tausende von Menschen vielleicht in den Tagen der Teuerung ohne dieses Surrogat des gewöhnlichen Brotes würden gestorben sein, dass nicht viel wenigere arme Bewohner unfruchtbarer Gegenden sich daraus immer noch ihr nötiges Brot, etwa mit einem Zusatze von Roggen- oder Hafermehl, bereiten oder sonst den größten Teil ihrer täglichen Nahrung daraus gewinnen, dass fast polypenartig diese Frucht, auch wenn man sie teilet, sich fortpflanzet und vervielfältiget, dass man sie wie keine andere Frucht auf so mancherlei Weise auch für den delikatesten Gaumen so zuzubereiten imstande ist, dass nicht jedermann so leicht den Stoff erraten kann, den er in dieser oder jener Form genießt und sehr schmackhaft findet.“

An Ulrich erinnern heute außer dem „Kartoffeldenkmal“ ein Grabmal im nördlichen Seitenschiff der Pfarrkirche St. Peter, eine Pieta in der Pfarrkirche St. Adalbero und schließlich die Ulrichstraße, die von der Seinsheimstraße südlich bis zur Schlörstraße zieht. Die vergessene Madonna aber soll spätestens 2018 im Mittelpunkt eines pulsierenden Wohngebietes stehen.

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Gegenwart: Ein Glaskasten schützt die Madonna heute vor negativen Umwelteinflüssen. Ihr Umfeld ist weiträumig abgesperrt.
Gegenwart: Ein Glaskasten schützt die Madonna heute vor negativen Umwelteinflüssen. Ihr Umfeld ist weiträumig abgesperrt. Foto: Roland Flade

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