STEINBACHTAL

Steinbachtal: Wo Treppen lang sind und die Menschen tief verwurzelt

Hase und Igel sagen sich hier gute Nacht. Wildschwein und Kröte auch. Das Steinbachtal ist Natur pur. Je weiter hinten, desto wilder. Aber fangen wir am Eingang in der Mergentheimer Straße an.

Aus dem Zollhaus schaut Claudia Hemberger. „Wir wohnen hier zu viert,“ sagt die Frau, die das 1894 gebaute Fachwerkhaus gekauft und liebevoll restauriert hat. Früher wurde hier von Fuhrwerken Pflastergeld kassiert. Ab 1920 war 40 Jahre lang die Polizei dort stationiert. Jetzt hat der Sohn der Familie sein Zimmer im Türmchen und im kleinen Garten hinter dem Häuschen ist der Lärm der Mergentheimer Straße kaum zu hören. Ab und zu läuft ein Jogger Richtung Wald vorbei.

Dass es diesen noch gar nicht so lange gibt, wissen die meisten nicht. Ende des 19. Jahrhunderts hat der Verschönerungsverein die kahlen Grundstücke an der Bergflanke zum Guttenberger Forst gekauft, aufgeforstet und mit Wegen, Bächen und Brunnen gestaltet. Auf diesen Wald schaut Regine Samtleben. Die Stadträtin der FWG lebt seit den 80er Jahren im vorderen Steinbachtal. „Nachbarn sehe ich vom Balkon aus selten.“ Denn die Grundstücke sind groß und die Besiedlung im Areal zwischen Nikolaus- und Dallenberg dünn. Da es keine Geschäfte gibt, trifft man sich lediglich beim Gottesdienst oder vor Schule und Kindergarten.

Gut zusammen finden die Steinbachtaler, wenn sie etwas bewegen wollen. Das war 1911 so, als die Bewohner für eine Wasserleitung kämpften und das ist noch heute so. In der „Talgemeinde Steinbachtal“ wehrten sich Anlieger in den 90er Jahren gegen den „Luxusausbau“ der Straße. Die Initiative „Rettet das Steinbachtal“ kämpfte gegen das Baugebiet Müllerrain. „Der von der Stadt forcierte Bebauungsplan hätte mit Verdichtung und Verkehr das Tal zerstört“, sagt Stadträtin Samtleben, damals an der Spitze der BI. Nachdem der Bayerische Verwaltungsgerichtshof 1997 das Baugebiet kippte, droht eine andere Gefahr: Seit 2000 werden kleine Einfamilienhäuser zunehmend durch große Wohnanlagen ersetzt. Laut Regine Samtleben hat diese Entwicklung zwei Seiten: Einerseits sei es gut, dass der Generationswechsel junge Familien ins Steinbachtal bringt. Andererseits gefährde die massive Verdichtung die Funktion des Steinbachtals als Frischluftschneise für die Stadt. „Und seinen Charakter als Naherholungsgebiet.“

Dieser wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geformt, als Landschaftsarchitekt Carl Oschmann für den Verschönerungsvereins das Tal zum Naherholungsgebiet gestaltete und parallel dazu die gegenüberliegende Bergseite bebaut wurde.

Wo vorher Weinberge und eine Ziegelei waren, bauten gutbegüterte Bürger Villen, in denen sie die heißen Sommermonate verbrachten. Die Kaufmannsfamilie Ruschekewitz, der Stifter der Anna-Schlucht und Kommerzienrat Valentin Alois Fischer und später der Dichter Max Dauthendey zogen ins kühle Tal.

Einige Jahre vorher sind die Ausflugslokale Waldesruh, Waldhaus, Volksgarten und Postkutscherl entstanden. Ersteres wurde 2006 abgerissen. Dem denkmalgeschützten Volksgarten droht aktuell das gleiche Schicksal. Das Waldhaus hat Glück: Es gehört dem Verschönerungsverein, der momentan einen Nachmieter für das mondäne Haus im Wald sucht, aus dem die Kneipp-Werke 2013 ausziehen. Postkutscherl, Schützen-, Nikolaushof und Steinbachtalbäck sind heute beliebte Gaststätten im Stadtteil.

Begehrte Wohnlagen sind das vordere Steinbachtal und der Dallenberg – die Quadratmeterpreise gehören zu den höchsten in Würzburg. Obwohl die Grundstücke steil sind. „Man gewöhnt sich daran und dafür wohnen wir in der Natur“, sagt eine junge Mutter, die sich gerade mit Rucksack und Kleinkind die 96 Stufen zu ihrem Haus hoch kämpft. Die Nachbarin kehrt ihre Treppe. „So bleibe ich wenigstens fit, solange die Knie mitmachen“, sagt die 82jährige. Die Treppe würde aber auch den Kopf fit halten: Wem erst unten einfällt, dass er oben den Geldbeutel vergessen hat, muss noch mal 80 Stufen rauf. Burkard Scheder hat eine eigene Theorie zu den Menschen, die am Berg leben. „Sie sind wie Bäume am Hang: besonders stark verwurzelt.“

Scheder kennt jeden Mensch und jeden Baum im Steinbachtal. Denn er klettert in die Kronen, die man per Hubsteiger nicht fällen oder pflegen kann. „Das ist der Ausgleich zu meinem Schreibtischjob“, sagt der Maschinenbautechniker. Auch Scheder ist einer der Kämpfer mit Gemeinschaftsinn im Tal. 1986 hat er mit Nachbar und Jugendfreund Adrian Dallner die „Interessengemeinschaft für einen Kanal im hinteren Steinbachtal“ gegründet. 1989 wurden die Gruben der Grundstücke durch Kanalanschlüsse ersetzt – oft per Hand gegraben. Trinkwasser hatte sich das Hintere Steinbachtal 1934 erstritten. Andere Dinge gibt es im Hinteren Steinbachtal auch heute noch nicht. Zum Beispiel schnelles Internet oder einen Gehweg. Die Kinder laufen auf der Fahrbahn zur Bushaltestelle.

„Der Verkehr hat stark zugenommen,“, sagt Anwohnerin Jutta Bange, Mutter von drei Kindern und stellvertretende Vorsitzende der Talgemeinde. Doch im Rathaus stößt die Bitte der Eltern nach einem sicheren Schulweg bislang auf taube Ohren. Das hintere Tal ist weit weg von der Stadt. Hier halten sich die Bewohner Ziegen und Hühner und hier sagen sich nicht nur Hase, Fuchs, Wildschwein und Kröte sondern auch noch Schleiereule, Hirschkäfer, Ringelnatter und Fledermaus Gute Nacht.
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Stadtteilserie,Steinbachtal, Volksgarten,Public Viewing ,Fußball Foto: Theresa Müller

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