Würzburg

Stichwahl: Wie wird sich der Landkreis Würzburg verändern?

Die Grüne Karen Heußner und der CSU-Kandidat Thomas Eberth möchten Chef im Würzburger Landratsamt werden. Die Stichwahl entscheidet. Wer hat die besseren Argumente?
Wer wird Landrätin oder Landrat? Karen Heußner (Bündnis90/Die Grünen) und Thomas Eberth (CSU) haben es in die Stichwahl geschafft. Foto: Silvia Gralla

Landwirtschaft und Landratsamt, der öffentliche Nahverkehr und der Kreishaushalt in Krisenzeiten: Welche Vorstellungen haben Karen Heußner (Bündnis90/Die Grünen) und Thomas Eberth (CSU) für ihre Kreispolitik, für den Fall, dass sie in der Stichwahl an diesem Sonntag Landrätin oder Landrat werden. Ein Streitgespräch am Telefon. 

Frage: Bisher hat der Landkreis Würzburg von den wirtschaftlich guten Zeiten profitiert. Das wird sich mit der Coronapandemie jetzt ändern. Bürger, Gemeinden und die Wirtschaft im Landkreis werden Unterstützugn brauchen. Wie könnte diese Ihrer Meinung nach aussehen, Herr Eberth?

Thomas Eberth: Die Regierung von Unterfranken bietet jetzt schon Soforthilfen an und ich erlebe es im täglichen Geschäft, dass kleine Betriebe Hilfe brauchen. Es wird die Landwirtschaft treffen, gerade jetzt wo die Spargel- und Erdbeerente beginnt. Es wird aber auch die größeren Betriebe treffen. Der Landkreis muss ein Programm auflegen, um die Betroffenen zu unterstützen.

In Ihrem Wahlprogramm sprechen Sie vom sparsamen Wirtschaften: Das ist damit also hinfällig?

Eberth: Sparsames Wirtschaft ist immer noch möglich. Die Frage ist, wofür ich das Geld ausgebe. Und dabei müssen wir uns fragen, ob die neue Busverbindung wichtiger ist oder die Stärkung eines Unternehmens. Ob ein Neubau für eine Pflegeschule an der Main-Klinik der richtige Impuls ist oder die Förderung der Wirtschaft.  

Frau Heußner, Sie waren im Kreistag bisher auch immer für die schwarze Null. Wird sich das jetzt ändern?

Karen Heußner: In diesem Notfall muss man anders darüber nachdenken. Die schwarze Null hat dann einen Sinn, wenn wir eine Zukunftsfähigkeit aufbauen. Aber sie ist ja nichts wert, wenn wir keine Betriebe mehr haben. Deswegen müssen wir abwägen. Dabei kann es sein, dass wir zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Zuversichtlich: Grünen-Kandidatin Karen Heußner wird bei der Stichwahl von den Freien Wählern, der SPD und der ÖDP unterstützt.  Foto: Silvia Gralla
Können denn die freiwilligen Leistungen so üppig bleiben?

Eberth: Die freiwilligen Leistungen sind jetzt wichtiger denn je. Denn wer ist denn betroffen von der Krise: Der Sport, die Kultur, Musikvereine und Chöre. Aber, wenn der Geldsäckel nicht mehr so voll ist, gilt es schon auch die freiwilligen Leistungen kritisch zu hinterfragen. Welche sind berechtigt, welche nicht? 

Heußner: Im Haushalt sind Investitionen vorgesehen, die zurückgestellt werden können. Beispielsweise verschiedene Straßenbauten, wie die Ortsumfahrung Rimpar, oder das Parkdeck am Landratsamt.

Die medizinische Grundversorgung im Landkreis muss in diesen Zeiten mehr denn je sichergestellt werden. Es gibt jetzt schon Probleme mit der Hausarztversorgung im westlichen Landkreis. 

Eberth: Im östlichen auch. 

Heußner: Ja, das ist ein landesweites Problem.

Welche Ansätze haben Sie, um die Pflege und die Hausarztversorgung zu stärken?

Eberth: Die Main-Klinik muss auch im Bereich der Hausärzte medizinisch aufgestellt sein. Das heißt, auch wenn wir das nie so wollten, werden wir kassenärztliche Sitze aufkaufen und diese mit Hausärzten, die bei der Main-Klinik angestellt sind, besetzen müssen. Denn ein Arzt will Mediziner sein, aber nicht selbständig. 

Heußner: Es wird auch Bereitschaftspraxen geben müssen. Auch hier müssen wir stärker darum kämpfen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Landkreis jetzt Arztsitze aufkaufen muss. Da müsste ich erst einmal das Konstrukt sehen und wissen, wie das getragen werden soll. Das kann auch ein Fass ohne Boden sein. 

"Wir brauchen eine realitätsnahe Diskussion zum öffentlichen Nahverkehr auch im südlichen Landkreis."
Thomas Eberth, CSU-Landratskandidat
Sie haben die Main-Klinik angesprochen. Die 100 Millionen Euro für die Sanierung – sind diese angesichts der bevorstehenden Krise noch eine sinnvolle Investition? Oder reicht nicht eine Minimalsanierung?

Heußner: Eine Minimalsanierung dürfte nicht reichen. Denn wir müssen auch längerfristig denken. Es geht nicht darum, dass der Wasserhahn nicht mehr tropft oder das Bett besser durch die Zimmertür kommt. Sondern es geht darum, dass die medizinische Versorgung – und wir sehen ja, wie notwendig sie ist – geleistet werden kann. 

Eberth: Gerade das Thema der Krankenhauskeime und der Virologie machen eine hygienisch perfekt aufgestellte Klinik absolut notwendig. Realistisch muss man aber auch sein. Wegen der Krise könnte es zu Verschiebungen im zeitlichen Ablauf kommen. Man muss auch schauen, ob der Freistaat Bayern weiterhin zu den zugesagten Geldern steht. 

Frau Heußner, die Grünen haben bei den Kommunalwahlen überall zugelegt. Manfred Ländner sagt, das sei nur ein Hype. Hat er recht?

Heußner: Nein. Tatsächlich hat sich dieser Trend über einen längeren Zeitraum ergeben. Viele Menschen setzen sich sehr viel intensiver mit den Themen und Fragestellungen der Grünen auseinander und sehen, dass dies keine Phantasiegebilde sind, sondern wissenschaftliche Grundlagen haben. Wir haben auch einen enormen Mitgliederzuwachs und ich glaube, das spricht auch dafür, dass es kein kurzfristiger Hype ist, sondern die Menschen uns aus voller Überzeugung wählen.

Er geht zuversichtlich in die Stichwahl: Thomas Eberth (CSU) ist seit zwölf Jahren Bürgermeister in Kürnach.  Foto: Silvia Gralla
Herr Eberth, Sie machen schon immer grüne Politik, zumindest sagen Sie das. Woran machen Sie das fest?

Eberth: Erst heute Vormittag habe ich zusammen mit dem Kürnacher Bauhof 300 Bäume gepflanzt. Ich glaube, dass jeder ökologisch denkt und die Welt für seine Nachkommen erhalten will. Die CSU wird immer so dargestellt, als ob wir die Welt vernichten wollen, weil sie uns egal ist. Dass es anders ist, können wir leider noch nicht so richtig transportieren. Wir wollen beides: das Klima retten und  Wachstum, Arbeit und Wohlstand ermöglichen.

Heußner: Da liegt der Unterschied. Wir stellen die Reihenfolge anders auf und konnten das wohl auch glaubwürdiger vermitteln.  

Herr Eberth, hat es Sie eigentlich getroffen, dass die Freien Wähler (FW) und die SPD jetzt die Grünen unterstützen?

Eberth: Ich hätte mir zumindest von den konservativen Freien Wählern (FW) ein kurzes Gespräch gewünscht. Dass ihr Spitzenkandidat Felix von Zobel noch am Wahlabend sagt, wir unterstützen Frau Heußner, na ja! Das habe ich nicht erwartet, denn das Wählerklientel steht der CSU doch näher. 

Heußner: Das sehe ich auch so. Es heißt ja nicht, dass alle Wähler der Empfehlung folgen. Ich bin aber auch sehr dankbar dafür. Denn das zeigt, dass meine Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit geschätzt wird und das heißt, es gibt einen Weg auch ins konservative Lager.

Eberth: Doch, was ich wirklich nicht verstehe. Wie können die FW sich einen Neuanfang im Landratsamt vorstellen, wenn sie Karen Heußner und damit eine stellvertretende Landrätin unterstützen. Denn, wer ist denn näher dran am Landrat, wenn nicht seine Stellvertreter?

Heußner: Moment. Das muss ich zurückweisen. Die Bürgermeister sind bisher immer besser informiert worden als die stellvertretenden Landräte. 

Aber, Herr Eberth. Vielleicht hat sich der Wunsch nach einem Wechsel auch auf die CSU bezogen.

Eberth: Natürlich waren diese Aussagen auch auf die Partei bezogen. Aber, im Kreistag haben wir schon lange keine Mehrheit mehr, so dass wir eben nicht machen können, was wir wollen. 

Heußner: Und das finde ich großartig. Man darf sich nicht von Anfang an feste Verbündete suchen.

Vor allem im südlichen Landkreis, der sehr von der Landwirtschaft geprägt ist, haben die Freien Wähler Stimmen bekommen. Wie wollen Sie denn die Landwirte überzeugen, Die Grünen zu wählen?

Heußner: Die Landwirte müssen erkennen, dass mit mir zu reden ist und, dass wir in eine Auseinandersetzung gehen können. Es sind schon so viele Landwirte in die ökologische Landwirtschaft gegangen. Das heißt, hier ist etwas in Bewegung und hier will ich auch weiterhin die Landwirtschaft stützen. Das ist ein ganz wichtiger Wirtschaftszweig, der in nächster Zeit viel wichtiger wird. Dabei kommt es darauf an, Absatzmärkte zu schaffen und zu sichern, vor allem für regionale Produkte. 

Eberth: Mir ist auch die Karotte aus Unterpleichfeld lieber als die aus Israel. Deswegen müssen wir die Absatzmärkte stärken. Oftmals ist es ja so, dass die Landwirte nicht klagen, weil sie wenig Geld haben, sondern, weil sie nicht von der Bürokratie gegängelt werden wollen. Und ich möchte zusammen mit den Landwirten eine Lösung finden, wie wir die Themen Kulturlandschaft, Artenvielfalt, Freizeitnaherholung und die Produktion von hochwertigen Lebensmitteln miteinander vereinbaren können.  

Je mehr der öffentliche Nahverkehr an Attraktivität gewinnt, umso besser wird er angenommen."
Karen Heußner, Landratskandidatin von Bündnis90/Die Grünen
Bleiben wir beim südlichen Landkreis. Frau Heußner, Sie meinen, der sei schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Und Sie Herr Eberth, wollen keine leeren Busse durch den Landkreis schicken. Welche Möglichkeiten einer besseren Anbindung gibt es denn?

Heußner: Dass mit den leeren Bussen ist auch eine Frage, mit welcher Frequenz die Ortschaften angefahren werden und welche Bedürfnisse es in diesen Orten gibt. Ich glaube, dass erstens kleinere Busse fahren könnten und diese besser genutzt würden, wenn sie denn häufiger fahren.

Eberth: Wir brauchen eine realitätsnahe Diskussion zum öffentlichen Nahverkehr auch im südlichen Landkreis. Da haben wir mit dem Bürgerbus und den neuen Querverbindungen schon etwas getan. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass dies ein Kleinbusthema ist. Auch, weil die Dörfer zu klein sind. Sinnvoll sind der Rufbus und der Bürgerbus, die Vernetzung von verschiedenen Gemeinden und gute Verbindungen zu den Bahnhöfen Gaubüttelbrunn und Ochsenfurt.

Ich würde Ihnen kurz ein paar Stichworte geben und um eine kurze Antwort bitten.
Fahrpreis?

Eberth: Großer Verbund und Kappungsgrenze. Diejenigen mit der schlechtesten Verbindung dürfen nicht den teuersten Preis bezahlen.

Heußner: Zeitfahrkarten für bestimmte Zeiträume und weg vom Wabensystem. 

Waben?

Eberth: Großwabe Würzburg, Großwabe Landkreis.

Heußner: Ich bin nicht für Waben. 

Takt?

Heußner: In den stadtnahen Gemeinden ist eine möglichst große Taktverdichtung wichtig, das haben wir zwar schon, es reicht nur noch nicht.

Eberth: Takt ist wichtig, wichtiger ist aber auch eine verstehbare An- und Abfahrtskarte an den Haltestellen.

Nachtbusse?

Heußner: Vor allem für junge Menschen sind Nachtbusse sehr wichtig, weil es viele gibt, die kein Auto haben und darauf angewiesen sind.

Eberth: Wo wir Großanbindungen haben, macht der Nachtbus Sinn. Ich glaube aber, dass das APG-Servicetaxi gerade für die Nachtschwärmer viel attraktiver ist.

Im Kreistag ist jetzt auch die AfD in Fraktionsstärke vertreten. Wie wollen sie mir ihr umgehen?

Eberth: Es gibt durchaus die Möglichkeit, die Geschäftsordnung zu ändern und eine Fraktion kann auch erst ab vier Kreisräten definiert werden. Das ist kein demokratisches Winkelspiel, das ist demokratisches Recht. Das kann ich mir durchaus vorstellen, weil ich glaube, dass die AfD nicht so friedfertig wie die Republikaner sind. 

Heußner: Das ist auch mein Ansatz. Wir können den AfD-Kreisräten nicht den Mund verbieten, aber wir werden sie so bewerten und kommentieren wie wir sie sehen – und wenn ihre Beiträge jenseits aller Diskutierfähigkeit ist, dann werden wir das klar aussprechen. 

Die Kandidaten
Mit einem Wahlergebnis von 20,2 Prozent geht Karen Heußner (Bündnis90/Die Grünen) in die Stichwahl. Die 59-Jährige ist verheiratet und hat einen Sohn. Sie arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Verwaltung und ist als Kulturreferentin in der Gemeinde Veitshöchheim tätig.
Bei der Wahl am 15. März entfielen auf Thomas Eberth (CSU) 42,9 Prozent der Stimmen. Der 44-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit zwölf Jahren ist er Bürgermeister in Kürnach. Eberth hat Betriebswirtschaft studiert und war danach in der Unternehmensberatung tätig.

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