WÜRZBURG

Studium: vor Ort und virtuell

Mia ist 18. Seit kurzem studiert sie Physik in Würzburg. Ihr Bruder ist Lehrer und unterrichtet Erwachsene.

Als Mia den Hörsaal am Hubland betritt, ist schon viel los. Drei Viertel aller Plätze sind besetzt. Obwohl es mittlerweile auch viele E-Learning-Angebote gibt, zieht es die Studenten immer noch an die Uni. Vor allem, wenn die Vorlesung interessant ist. 2012 geboren, hat Mia gerade ihr Abi hinter sich und studiert jetzt Physik. Was sie später damit machen will, weiß sie noch nicht. In der Studienberatung wurde ihr geraten, etwas Allgemeines zu studieren und sich dann später zu spezialisieren. Die Halbwertszeit des Wissens ist in den letzten Jahren immer kürzer geworden. Zu schnell bringt die Forschung neue Erkenntnisse hervor. Eine gute Grundlagenausbildung ist deshalb wichtig. Mias Bruder Jan ist zehn Jahre älter und hat sein Lehramtsstudium schon hinter sich.

Mia setzt sich neben ihre Freunde und lauscht dem Stimmengewirr um sich herum. Die Gespräche führen ihre Kommilitonen auf Französisch, Italienisch, Englisch und in asiatischen Sprachen, die Mia nicht ganz einordnen kann. Sie selbst würde gern mal ein Semester in China studieren. Die Chinesen sind bei der technischen Entwicklung die Nummer eins der Welt. Und Würzburg hat Partner-Universitäten dort. Wegen der Sprachbarriere macht sie sich keine Sorgen. Sie kann dort auf Englisch studieren, wie auch an der Würzburger Uni einige Vorlesungen auf Englisch sind.

Als die Vorlesung beginnt, holt Mia schnell ihr Smartphone aus der Tasche und öffnet ihre App zur Vorlesung. Während der Professor vorne redet, kann sie damit auswählen, ob sie gerade gut folgen kann oder ob ihr der Dozent zu langsam oder zu schnell ist. Als sie eine Formel überhaupt nicht nachvollziehen kann, tippt sie die Nachfrage in ihr Handy. Der Professor bekommt sie auf seinen Laptop gesendet und erklärt die Formel noch einmal genauer. Wahrscheinlich hatten andere auch noch Probleme damit.

Einige von ihren Freunden kennt Mia schon seit der Grundschule. Auf verschiedene Arten haben fast alle ihrer früheren Klassenkameraden Abi gemacht, viele studieren auch. Dafür müssen sie nicht unbedingt auf dem Gymnasium gewesen sein. Mias Eltern erzählen oft, dass noch vor 20 Jahren die Unternehmen eine große Auswahl an gut ausgebildeten Fachkräften hatten. Heute hat sich das umgekehrt. Wenige Fachkräfte können sich das Unternehmen aussuchen, welches ihnen am besten gefällt. Mia kann sich noch gut erinnern, dass immer wieder Vertreter von verschiedenen Unternehmen in die Schule kamen, um für sich zu werben.

Sie hatte auch überlegt, an der FH zu studieren. Wissensmatik findet sie interessant, da werden intelligente Maschinen mit menschenähnlichen Denkleistungen gebaut. Oder Soziomatik, in diesem Fach werden Maschinen entwickelt, die bei der Pflege von Menschen helfen und auch soziale Kontaktpersonen sind. Auf diese Fächer kann sie sich ja immer noch spezialisieren, wenn sie mit ihrem Grundlagenstudium fertig ist.

Nach der Vorlesung geht Mia in die Mensa. Dort trifft sie ihre Mutter und ihren Bruder. Jan ist Lehrer. Eigentlich hat er vor zehn Jahren angefangen, Englisch und Pädagogik zu studieren, weil er gerne mit Kindern arbeitet. Aber für Lehrer gibt es auch Arbeitsstellen außerhalb der Schule. Nach seinem Abschluss hat er in einer Nachhilfeschule gearbeitet, mittlerweile ist er bei der Uni angestellt. Die hat eine eigene Weiterbildungsakademie. Eine von Jans Schülerinnen ist seine eigene Mutter. Ihr Lehramtsstudium ist schon Jahre her. Um neue Methoden kennen zu lernen, die während ihres Studiums noch nicht gelehrt wurden, geht sie einmal die Woche wieder an die Uni.

Der Beruf des Lehrers hat sich verändert. Mittlerweile ist die Technik auch im Klassenzimmer wichtiger geworden. Lehrer arbeiten mit 3-D-Animationen und Ganztagsschulen sind die Regel. Zur Zeit hält Jan einen Kurs zur Förderung von Migranten in der Schule. Er denkt, dass hier ein großes Potenzial für die Gesellschaft liegt. Auch seine Mutter kennt es aus eigener Erfahrung, dass ein Kind in ihre Klasse in der Zellerau kommt, das wenig Deutsch spricht. In Zeiten der deutschlandweit gesunkenen Geburtenrate und des Fachkräftemangels sollen die Kinder noch stärker gefördert werden. Auch in Würzburg, obwohl die Anzahl der Schüler und Studenten hier im Vergleich zum Rest des Landes relativ stabil ist. Diese Entwicklung gefällt Jans Mutter und auch, dass heute die Grenzen zwischen den Schulformen nicht mehr so starr sind. Damit bekommen auch die Schüler eine Chance, die sich ein bisschen langsamer entwickeln. Manchmal vermisst sie die Kreide zwischen ihren Fingern, obwohl die Touch Boards, die man durch Berührung bedient, auch praktisch sind.

Nach dem Mittagessen beschließt Mia nach Hause zu fahren. Eigentlich will sie noch zu ihrem Professor in die Sprechstunde, aber die ist erst in zwei Stunden. Deshalb macht sie das lieber per Videokonferenz von zu Hause aus. Diese technischen Möglichkeiten machen das Studieren bequemer, aber gar nicht mehr an die Uni zu kommen und nur übers Internet zu lernen, kann Mia sich nicht vorstellen. Das wäre dann kein richtiges Studentenleben mehr, findet sie. Ihre Freunde sind der gleichen Meinung. Sie kommen aus kleinen Dörfern und wollten da raus, neue Leute kennen lernen, feiern und ihren Horizont erweitern. Daheim am Schreibtisch geht das schlecht.

Neue Techniken werdendie Bildungsvermittlung verändern. E-Learning wird sich jedoch nicht vollständig durchsetzen.ILLUSTRATION: MARIA MARTIN

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