Würzburg

SuedLink: Wie eine Stromautobahn die Region polarisiert

Noch steht der Verlauf gar nicht endgültig fest. Trotzdem wird erbittert über den SuedLink gestritten, auch in Unterfranken. Warum? Und wie weit ist die Planung wirklich?
Insgesamt 700 Kilometer lang soll die umstrittene Stromautobahn SuedLink werden und Windstrom vom Norden in den Süden Deutschlands transportieren. Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Im Jahr 2025 soll es soweit sein. Läuft alles nach Plan, wird dann durch die handbreiten Kabel Windstrom vom Norden in den Süden fließen. Auf insgesamt rund 700 Kilometer soll der SuedLink von der Nordsee bis in die Industriezentren im Süden Deutschlands führen. Ein Milliardenprojekt. Prestigeträchtig -  und vor allem umstritten. Die Stromautobahn polarisiert seit Jahren. Geht es dabei wirklich um grüne Energieversorgung? Wo genau ist die Trasse geplant? Und: Was kostet das alles? Eine Suche nach Antworten.

Wo soll die Trasse des SuedLink verlaufen?

Auf den Meter genau steht das noch nicht fest. Im Februar haben die Netzbetreiber Tennet und TransnetBW ihren "Vorschlagskorridor" für die endgültige Trassenführung des SuedLinks bei der Bundesnetzagentur eingereicht. Von Schleswig-Holstein soll die Stromautobahn demnach westlich an Hannover vorbei über Nordhessen und Südthüringen nach Bayern und Baden-Württemberg verlaufen. Allerdings ist dieser vorgeschlagene Korridor ein etwa 1000 Meter breiter Streifen. Tatsächlich benötigt werden für die Kabel laut Tennet am Ende nur bis zu 34 Meter.

Welche Bereiche Unterfrankens soll die Stromautobahn kreuzen?

Laut "Vorschlagskorridor" erreicht der SuedLink den Freistaat bei Eußenhausen im Landkreis Rhön-Grabfeld. Von dort zieht er sich grob entlang der A 71 bis Oerlenbach (Lkr. Bad Kissingen) und teilt sich dort. Während der eine Zweig am Netzverknüpfungspunkt Bergrheinfeld/Grafenrheinfeld bei Schweinfurt endet, führt der andere weiter Richtung Süden, zwischen Karlstadt und Arnstein (Lkr. Main-Spessart) hindurch. Bei Thüngersheim (Lkr. Würzburg) soll er den Main kreuzen und dann westlich an Würzburg vorbei Richtung Baden-Württemberg gehen.

Wer bestimmt den finalen Weg der Trasse?

Die Bundesnetzagentur will bis voraussichtlich Ende des Jahres entscheiden, ob sie dem Vorschlag der Netzbetreiber zustimmt. Ihr liegen auch die alternativen Strecken vor. "Die Behörde ist nicht an unseren Vorschlag gebunden, das heißt: Zum jetzigen Zeitpunkt steht noch nichts fest", sagt Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens. Die Betreiber betonen, sie hätten sich für ihre Auswahl an Kriterien wie Wasser-, Natur- oder Artenschutz orientiert. Derzeit stellen sie mit Info-Märkten in den betroffenen Regionen ihren Korridor vor. Auch in Unterfranken fanden mehrere dieser Veranstaltungen statt.

Mit Info-Märkten (im Bild in Grafenrheinfeld) stellen Tennet und TransnetBW ihren Korridor vor. Foto: Anand Anders

Was kostet das Projekt?

Tennet und TransnetBW rechnen mit rund zehn Milliarden Euro Investitionskosten für den SuedLink. Die Zahl aber sei Augenwischerei, sagt Norbert Kolb von der  Bürgerinitiative (BI) "Bergrheinfeld sagt Nein zu SuedLink", die seit fünf Jahren gegen das Projekt mobil macht. Der Bürger zahle am Ende alles für den gesamten Netzausbau und nicht nur für den SuedLink als Teil davon. Deshalb müsse man die Gesamtkosten betrachten und dafür seien im Netzentwicklungsplan (NEP 2030) 61 Milliarden als Kalkulationsgröße angegeben.

Welche Technik kommt zum Einsatz?

Der SuedLink soll Gleichstrom über Erdkabel transportieren, genutzt wird dafür die sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Derzeit planen die Betreiber nach eigenen Angaben die Verlegung von Kabeln mit einer Spannungsebene von 320 Kilovolt. Dabei würden auf der Stammstrecke acht Kabel und in den beiden Zweigen vier Kabel in der Erde vergraben, in einer Tiefe von etwa 1,65 Metern. Nötig wäre für die Gräben so ein bis zu 34 Meter breiter Schutzstreifen. Allerdings hoffen die Betreiber, rechtzeitig auf Erdkabel mit einer Spannungsebene von 525 Kilovolt umsteigen zu können. "Damit bräuchte man nur die Hälfte der Kabel, die Hälfte der Gräben und die Hälfte des Platzes", sagt Thomas Wagner, Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet. Aktuell werde die neue Technik getestet, entscheiden wollen die Betreiber im Sommer.

In 1,80 Metern Tiefe sollen die handbreiten Kabel des SuedLink vergraben werden. Foto: Anand Anders

Welche Folgen haben die Erdkabel für Mensch und Natur?

Rund vier Wochen soll das Vergraben der Erdkabel dauern. "Danach ist Landwirtschaft wieder uneingeschränkt möglich", sagt Thomas Wagner von Tennet. Tausende Kilometer Erdkabel hätten die Betreiber so bereits verlegt, Ertragsminderungen für die Landwirte seien ihm nirgends bekannt. Und wenn es um spezielle Anbauformen wie Weinbau geht? Auch da sollen negative Folgen für die tief wurzelnden Reben, etwa durch Wärmestrahlung der Kabel, ausgeschlossen werden.Ideen gebe es dazu bereits, heißt es von Tennet. Beispielsweise könnte der SuedLink bei Thüngersheim (Lkr. Würzburg), wo Weinberge gekreuzt werden, deutlich tiefer (fünf bis 20 Meter unter der Erde) als üblich geführt werden. Grenzwerte für elektrische und magnetische Felder würden generell eingehalten.

"Die Politik hat uns Entlastung versprochen. Davon sehe ich überhaupt nichts."
Ulrich Werner, Bürgermeister Bergrheinfeld

Was kritisieren die Gegner der Stromautobahn?

In ganz Deutschland haben sich mehr als 60 Bürgerinitiativen gegen SuedLink zu einem Bundesverband zusammengeschlossen. Ihr Hauptvorwurf: Mit der Energiewende habe das Projekt nicht viel zu tun. Da die Trasse in den europäischen Strommarkt eingebunden werden soll, könnten auch Atom- und Kohlestrom darüber fließen. Hinzu kommt Kritik am geplanten Verlauf des Korridors, besonders in Thüringen. Dort sieht die Landesregierung ihren eigenen Trassenvorschlag nicht ausreichend berücksichtigt und hat Klage beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Den Eilantrag dazu lehnte das Gericht am Donnerstag ab, über die Klage in der Hauptsache soll im zweiten Halbjahr entschieden werden.

SuedLink-Gegner halten die Trasse für eine "Mogelpackung". Ihre Befürchtung: Durch die für Windstrom gedachten Kabel könnten künftig auch Atom- und Kohlestrom fließen. Foto: Swen Pförtner, dpa

Welche Bedenken gibt es in Unterfranken gegen das Projekt?

Auch in der Unterfranken sind zahlreiche Bürgerinitiativen gegen den SuedLink entstanden. In Eußenhausen (Lkr. Rhön-Grabfeld) kämpften die Bürger zum Beispiel erfolgreich dafür, dass die Trasse nicht durch das Wasserschutzgebiet Elmbachtal führt. In anderen Landkreisen wie Bad Kissingen oder Main-Spessart rief die Stromautobahn ebenfalls Kritik auf den Plan. Landwirte sorgten sich um ihre Ernte, Winzer um ihre Reben, Anwohner um ihren Boden. Und die Notwendigkeit des Projektes wurde immer wieder angezweifelt. Besonders massiv aber war und ist der Protest im Kreis Schweinfurt. Dort wehrt man sich vehement gegen den "überzogenen Netzausbau", wie BI-Sprecher Norbert Kolb sagt. Das Projekt diene nur der Stromvermarktung ins europäische Ausland und damit dem Profit der Konzerne. Beim Info-Markt der Netzbetreiber in Grafenrheinfeld machten die SuedLink-Gegner ihrem Unmut deshalb lautstark Luft. Sie zogen per Schlepperkolonne hupend vor die Kulturhalleund empfingen die Verantwortlichen mit Pfui-Rufen und gellendem Pfeifkonzert.

Mit einer Schlepper-Kolonne von Bergrheinfeld nach Grafenrheinfeld protestierten Landwirte gegen die Stromautobahn SuedLink. Foto: Anand Anders

Warum ist der Protest um Schweinfurt besonders laut?

"Es ist einfach zu viel", sagte Bergrheinfelds Bürgermeister Ulrich Werner. In seiner Gemeinde soll der SuedLink enden. Große Hallen für einen Konverter müssen gebaut werden, um den transportierten Gleichstrom in Wechselstrom umzuwandeln. Bereits jetzt stehen mehr als 170 Strommasten im Gemeindegebiet. Hinzu kommt: Neben dem SuedLink sollen am Netzknotenpunkt Bergrheinfeld/Grafenrheinfeld auch zwei neue Freileitungen enden. "Wir erfahren das alles scheibchenweise", so Werner. "Die Politik hat uns Entlastung versprochen. Davon sehe ich überhaupt nichts."

"Das neue Netz braucht man nicht für bestehende Energien wie Atomstrom."
Thomas Wagner, Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet

Wie grün ist SuedLink wirklich?

Statt ein Meilenstein für die Energiewendesei der SuedLink eine "Mogelpackung", kritisieren Gegner der Trasse. Ihre  Befürchtung: Nicht nur Windstrom werde durch die Kabel fließen. "Nach 2022 werden keine Kernkraftwerke mehr am Netz sein und es gibt auch kein Kohlekraftwerk in der Nähe der SuedLink-Startpunkte", sagt hingegen Tennet-Sprecherin Hörchens. Grundsätzlich wäre der Netzausbau ohne Ökostrom nicht nötig und sei somit durch die Energiewende bedingt, sagt auch der Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet, Thomas Wagner. "Das neue Netz braucht man nicht für bestehende Energien wie Atomstrom." Aber: "Strom hat keine Farbe", so Wagner weiter. "Die Leitungen stehen offen."

Kann SuedLink noch gestoppt werden? Der Protest der Bürgerinitiativen soll in jedem Fall weitergehen. Foto: Jens Büttner, dpa

Wo und wie kann man Bedenken gegen die Trasse äußern?

Bei den Info-Märkten der Betreiber können sich Bürger, Gemeinden oder Verbände informieren, Bedenken äußern oder Hinweise geben, was bei der Planung berücksichtigt werden soll. Damit Einwände und Stellungnahmen jedoch im offiziellen Beteiligungsverfahren berücksichtigt werden, müssen sie bei der Bundesnetzagentur eingereicht werden. Je nach Trassenabschnitt gibt es dafür verschiedene Fristen. Unterfranken wird von den SuedLink-Abschnitten D (von Gerstungen nach Grafenrheinfeld bzw.nach Arnstein) und E (von Arnstein nach Großgartach) tangiert. Für Abschnitt D können bis zum 24. Juni Einwände eingereicht werden, für Abschnitt E bis zum 3. Juni.

"Der größte Fehler wäre, wenn wir jetzt aufgeben."
Norbert Kolb, Sprecher der Bürgerinitiative "Bergrheinfeld sagt Nein zu SuedLink"

Kann SuedLink noch gestoppt werden?

Ob die Bundesnetzagentur den vorgeschlagenen Korridor der Betreiber annimmt, ist offen. Nach Abschluss der formellen Beteiligungsphase werden alle Einwände geprüft und erörtert. Erst danach legt die Behörde den Korridor rechtsverbindlich fest. Der Protest der Bürgerinitiativen soll in jedem Fall weitergehen. "Der größte Fehler wäre, wenn wir jetzt aufgeben", sagt Sprecher Kolb.

Wann beginnt der Bau und ab wann soll Strom fließen?

Der exakte Trassenverlauf soll 2021 feststehen. Dann beginnt der Bau. 2025 soll SuedLink fertig sein und in Betrieb gehen. Ob das klappt, ist nach Einschätzung der Betreiber aber alles andere als sicher. Das sei das "Best-Case-Szenario" ohne Verzögerungen.

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