Sommerhausen

Suedlink wirft seine Schatten voraus

Bei Sommerhausen und Winterhausen wurde für den Bau der neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Trasse tief gebohrt.
Wie die Bohrkerne zeigen, besteht der Untergrund bis auf eine Tiefe von rund zehn Metern hauptsächlich aus einem Gemisch aus Lehm, Sand und Ton. 
Wie die Bohrkerne zeigen, besteht der Untergrund bis auf eine Tiefe von rund zehn Metern hauptsächlich aus einem Gemisch aus Lehm, Sand und Ton.  Foto: Gerhard Meißner

Es ist eisig kalt und windig, als die beiden Mitarbeiter der Bohrfirma ihren Kernbohrer 25 Meter tief ins Mainvorland bei Sommerhausen treiben. Die geplante Gleichstrom-Trasse Suedlink wirft ihre Schatten voraus. Bei Sommerhausen und Winterhausen liegt eines von 36 Bohrfeldern, mit denen die möglichen Trassenvarianten für die rund 700 Kilometer lange Kabelstrecke untersucht werden.

Ab 2025 soll Suedlink Windstrom von der Nordseeküste bis in den Süden der Republik leiten. Die Stromleitung ist ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Übertragungsnetzbetreiber TransBW und Tennet und gilt als wichtiger Markstein beim weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Anders als der Wechselstrom in den bestehenden 380-Kilovolt-Hochspannungsleitungen lässt sich Gleichstrom nahezu verlustfrei über weite Strecken transportieren. Allerdings lässt sich der Gleichstrom nicht wie der Wechselstrom an beliebiger Stelle über ein Umspannwerk ins Versorgungsnetz einspeisen.

Zum Spülen während des Bohrvorgangs muss sauberes Trinkwasser verwendet werden, um eine Verschmutzung des Grundwassers zu vermeiden. 
Zum Spülen während des Bohrvorgangs muss sauberes Trinkwasser verwendet werden, um eine Verschmutzung des Grundwassers zu vermeiden.  Foto: Gerhard Meißner

Die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HGÜ, funktioniert nur zwischen zwei Endpunkten. Dort stehen riesige Konverter, die den Wechselstrom in Gleichstrom verwandeln und umgekehrt. Zwei Leitungen aus mehreren Erdkabeln von der Dicke einer Sektflasche sollen von Brunsbüttel bis ans Kernkraftwerk Grafenrheinfeld und eines davon weiter bis nach Großgartach bei Heilbronn geführt werden. Zwischen 300 und 400 Millionen Euro kostet eine Konverteranlage, sagt TransnetBW-Projektsprecherin Saskia Albrecht. Man hat dafür die Standorte große Atomkraftwerke gewählt, weil dort die Hochspannungsleitungen für den Weitertransport des Stroms bereits zusammenlaufen.

Zwei Korridore durch den Landkreis Würzburg

Rund 2000 Kilometer möglicher Trassenvarianten werden für den Bau der 700 Kilometer langen Kabelstrecke untersucht, erläutert Saskia Albrecht weiter.  1000 Meter sind diese Untersuchungskorridore breit,für das spätere Baufeld für die Verlegung der Kabel reichen 30 Meter aus.

In größerer Tiefe stößt der Kernbohrer auf massiven Muschelkalk. 
In größerer Tiefe stößt der Kernbohrer auf massiven Muschelkalk.  Foto: Gerhard Meißner

Zwei der möglichen Korridore auf dem Weg von Grafenrheinfeld nach Großgartach kreuzen den Landkreis Würzburg. Der Westkorridor durchschneidet ein kleines Stück des westlichen Landkreises. Die Ostvariante würde westlich an Biebelried vorbei führen und kreuzt südlich von Sommerhausen den Main. Ob der Bereich, an dem jetzt gebohrt wird, zum Tragen kommt, steht also noch lange nicht fest. Es geht lediglich um eine Voruntersuchung des Baugrunds. "Wir untersuchen alle Bereiche, an denen wir technische Herausforderungen sehen", sagt Saskia Albrecht.

Und solche Herausforderungen gibt es bei einer Mainquerung nahe Sommerhausen wahrlich genug. Nicht nur der Main muss untergraben werden, sondern auch die Bundesstraße 13, die Staatsstraße von Winterhausen nach Goßmannsdorf und die Bahnlinie. Dann kommt der Gegenhang des Maintals, in dem sich die vier einzelnen Kabel ebenfalls nur schwer in einem offenen Graben verlegen lassen.

TransnetBW hat deshalb vor, solche Strecken mit dem sogenannten Horizontal Directional Drilling-Verfahren, kurz HDD, zu überbrücken. Das ist horizontales Spülbohrverfahren, mit dem Strecken bis zu 1000 Metern überwunden werden können, erklärt Geologe Markus Schmiel vom Braunschweiger Büro ICP, das die Baugrundvoruntersuchung betreut. Auch das Felsgestein, dass die Probebohrung in einer Tiefe von über zehn Meter zutage fördert, wäre für den lenkbaren Bohrer kein unüberwindliches Hindernis.

"Wir untersuchen alle Bereiche, an denen wir technische Herausforderungen sehen."
Saskia Albrecht, Projektsprecherin von TransnetBW

In Sommerhausen würden 400 Meter reichen, um den Main, Straßen, Schienen und den Gegenhang zu untergraben. Beim Rückzug des Bohrers würden die Leerrohre für die insgesamt vier einzelnen Kabel gleich mit eingezogen. Ob vielleicht auch weniger Kabel reichen, um die geplante Leistung von zwei Gigawatt zu übertragen, sei derzeit Gegenstand weiterer Tests, sagt Saskia Albrecht. Bisher war man von einer übertragenen Spannung von 320.000 Volt Gleichstrom ausgegangen. Derzeit wird überprüft, ob auch 525.000 Volt machbar sind. Dann würden die Leitung mit zwei Kabeln auskommen.

Sand, Kies und Muschelkalkgestein

So dick ist eines der Kabel, aus denen die Suedlink-Verbindung einmal bestehen wird. 
So dick ist eines der Kabel, aus denen die Suedlink-Verbindung einmal bestehen wird.  Foto: Gerhard Meißner

In den Holzkisten neben dem Bohrgerät stapeln sich derweil die jeweils einen Meter langen Bohrkerne. Deutlich ist zu erkennen, wo die oberflächliche Erde in ein Gemisch aus Sand und Kies und schließlich in festen Muschelkalk übergeht. Im Labor werden die Bohrkerne später noch genauer untersucht, sagt Geologe Markus Schmiel.

Um den Bohrer zu spülen, muss eigens Trinkwasser in einem großen Tankwagen angekarrt werden. Die Spülung mit Mainwasser ist nicht erlaubt, weil so Verunreinigungen ins Grundwasser eindringen können. Das Bohrloch wird später mit trockenen Ton-Pellets verfüllt, die beim Kontakt mit Wasser zu einer dichten Masse aufquellen und das Loch sicher verschließen. Insgesamt vier solcher einzelner Bohrpunkte sind für das Bohrfeld bei Sommerhausen vorgesehen, je zwei rechts und links des Mains.

Archäologische Funde und Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg

Straßen und Flüsse sind aber bei weitem nicht die einzigen Hindernisse, die die Suedlink-Planer im Auge haben müssen. Es geht um Schutzgebiete, in die nicht eingegriffen werden darf, um archäologische Fundstätten, von denen Saskia Albrecht auch im seit der Steinzeit besiedelten Unterfranken zahlreiche erwartet, oder um Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, an denen noch Kampfmittel vermutet werden. Schlecht dokumentierte Fremdleitungen, etwa für Fernwasser oder Gas, sind ebenfalls ein häufiges Problem bei der Verlegung der Erdkabel. "Wir werden sicher noch einige Überraschungen erleben", sagt die Projektsprecherin.

Vier einzelne Erkundungsbohrungen wurden im Bohrfeld bei Sommerhausen und Winterhausen eingebracht. 
Vier einzelne Erkundungsbohrungen wurden im Bohrfeld bei Sommerhausen und Winterhausen eingebracht.  Foto: Gerhard Meißner

Das Ergebnis der Baugrundvoruntersuchung geht in den Antrag auf Bundesfachplanung ein, den TransnetBW und Tennet im ersten Quartal kommenden Jahres an die Bundesnetzagentur stellen wollen. Darin soll erstmals auch ein konkreter und fachlich fundierte Trassenvorschlag enthalten sein. Ein weiteres Thema, das die Planer beschäftigt, ist der finanzielle Ausgleich der Grundstückseigentümer für die Verlegung der Kabel.

Erst an die Bundesfachplanung schließt sich das eigentliche Planfeststellungsverfahren an, das einem Genehmigungsverfahren gleichkommt und Betroffenen erneut die Gelegenheit gibt, mögliche Bedenken gegen die Suedlink-Trasse vorzubringen. Der Zeitplan, den sich die Netzbetreiber gestellt haben, ist also durchaus ehrgeizig. Vier Jahre lang soll der Bau der 700 Kilometer langen Kabeltrasse dauern. Wenn Suedlink, wie geplant, 2025 in Betrieb gehen soll, müsste das Genehmigungsverfahren also spätestens 2021 abgeschlossen sein.

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